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TV-Kritik: «Father Soldier Son» Eine Familie steckt im Krieg fest

Brian Eisch wollte der perfekte Sohn und Vater sein – und der perfekte Soldat. Dann kehrte er als Invalide aus Afghanistan zurück. Eine Netflix-Doku begleitete ihn und seine Familie zehn Jahre lang.

Brian Eisch wird von seinen Söhnen Isaac und Joey empfangen. Die Monate, die folgen, werden schwer.
Brian Eisch wird von seinen Söhnen Isaac und Joey empfangen. Die Monate, die folgen, werden schwer.
Foto: Netflix/ The New York Times

Isaac dirigiert die Wiedersehensszene am Flughafen wie ein Regisseur. «Ihr müsst fröhlich schauen!», verlangt er von Onkel und Tante. Folienballons, Begrüssungstafeln, die amerikanische Flagge, alles ist bereit für den grossen Moment, wenn der Vater aus der Tür kommt. Bestimmt ist er der Erste! Isaac ist zwölf, sein Bruder Joey sieben, beide stecken von Kopf bis Fuss in Camouflage, kleine Soldaten und voll sehnsüchtiger Liebe.

Da ist er endlich! Sie werfen sich ihrem Kriegsheldenvater an den Hals, die Kamera kreist das Wiedervereinigungsglück in einer Ballhaus-Fahrt ein, die Umstehenden klatschen gerührt Beifall, es ist das vollkommene Glück.

Brian Eisch, Soldat bereits in der dritten Generation, durfte 2010 nach 17 Jahren in der Army endlich in den richtigen Krieg und war sechs Monate im Einsatz in Afghanistan. Als strahlender Sieger kommt er zurück und will für zwei Wochen nichts anderes als der liebende Vater sein. Die Frau hat ihn verlassen, will auch die Kinder nicht mehr sehen. Eisch ist also alleinerziehend, aber er ist auch Soldat, er liebt sein Land, er kämpft für Amerika. Darum geht er nach zwei Wochen zurück in den undurchsichtigen Krieg im fernen Asien und lässt die Kinder in der Obhut von Verwandten.

Die drei konnten nicht wissen, worauf sie sich einliessen – die Filmemacher auch nicht.

In mythischen Zeiten hätte er sich im Krieg als Held bewährt und wäre ruhmbedeckt zurückgekehrt, im wirklichen Leben erhält Eisch einen Schuss ins linke Bein und ist fortan Invalide. Es ist ein Schock für Isaac: «Eine echte Kugel aus einem echten Gewehr von einem echten Menschen.»

Die Netflix-Produktion «Father Soldier Son», in Kooperation mit der New York Times entstanden, ist nämlich keine mythische Erzählung, also kein Film, sondern eine auf Spielfilmlänge komprimierte Dokumentation, die eine Soldatenkleinfamilie über zehn Jahre hinweg begleitet. Die drei konnten nicht wissen, worauf sie sich eingelassen haben, die Filmemacher allerdings auch nicht, in welche Geschichte sie da geraten würden.

Brian Eischs Bein war nicht mehr zu retten. Es wird amputiert, er wird depressiv.
Brian Eischs Bein war nicht mehr zu retten. Es wird amputiert, er wird depressiv.
Foto: Netflix/ The New York Times

Die Kamera von Leslye Davis, die zusammen mit der Times-Reporterin Catrin Einhorn auch die Regie führt, ist fast immer dabei, registriert Tränen, Angst und Schmerz, sie sieht reine Verzweiflung und auch die wenigen Glücksmomente. Kein Werbefilm aus dem Pentagon würde so viel Durchhalteparolen verkünden, wie sie die Kinder auf ihren T-Shirts und Buttons tragen, aber eine Heldensage kann das nicht werden, weil sich das Leben an kein Drehbuch hält.

Eisch war ein Ausnahmesportler und hat im Ringen viele Kämpfe gewonnen, seine individuelle Stärke verliert sich aber, wenn er mit 100 anderen Soldaten in einem Truppentransporter sitzt, ein Fertigprodukt für die Kriegsmaschine. Der echte Krieg, der in Afghanistan, kommt nur in drei, vier Bildern vor, aber das reicht auch schon. «Bäng, bäng, Brennen, Motorsäge», so beschreibt Eisch den Augenblick der Verwundung, die ihm seine Kriegstauglichkeit und seinen Lebenssinn raubt.

Er verliert viel von seinem Glanz, er wird dick und depressiv. Seit je hat er sich mit Imperativen umstellt: ein guter Vater wollte er sein und ein guter Soldat. Der Krieg macht ihm beides unmöglich. Der Krieg ist zwar in Afghanistan geblieben, doch er geht im Wohnzimmer weiter, wo Brian Eisch am Bildschirm ohne feindliches Gegenfeuer einen Panzer nach dem anderen wegballert. Er hat eine neue Frau gefunden, Marie, die ihn liebevoll umsorgt, aber auch beklagt, dass er die Familie vernachlässigt.

Die Kinder werden größer, sie sollen ihrem Vater nachfolgen und beginnen doch langsam, am Soldatenheldentum zu zweifeln.

Die Schmerzen sind zu gross, das Bein ist nicht mehr zu retten, es muss unterm Knie amputiert werden. Zum Ausgleich gibt es Orden. Die Kinder werden größer, sie sollen ihrem Vater nachfolgen und beginnen doch langsam, am Soldatenheldentum zu zweifeln. Wenn sie sich in der Lieblingsdisziplin ihres Vaters, im Ringen, bewähren sollen, liegt er am Rand auf dem Boden, feuert sie, den Stumpf entblösst, zum Durchhalten an und fordert noch mehr Einsatz. Die Tränen, die Joey vergiesst, sind keine patriotischen Tränen mehr, sondern echte, weil er nie den Ansprüchen des Vaters genügen wird. Was dann kommt, muss jeder selber sehen, es ist zu grausam.

Diese nach der Verwundung zweite unerwartete Wendung verleiht der Dokumentation endgültig die Dramatik eines Spielfilms, nur dass sich die Autorinnen nicht entscheiden können, wie weit sie sich von ihrem verwundeten Helden Brian Eisch entfernen sollen.

Isaac versucht es, er will der Depression entgehen, die über der Familie hängt, und vielleicht lieber zur Polizei. Der Vater wirbt ihn erfolgreich an für seine Nachfolge bei den Soldaten. Für Politik habe er sich wenig interessiert, meint Isaac, aber er weiss: «Ich liebe mein Land.» In einer Truppenvorführung, die aus einem Militärspektakel stammen könnte, singen die Rekruten, als wäre nichts leichter als das: «This is a perfect day to die», genau der richtige Tag zum Sterben.