Zum Hauptinhalt springen

Kolumne «Tribüne»Durchwursteln

Psychoanalytiker Jürg Acklin darüber, wie er in diesem pandemischen Durcheinander den Kopf nicht verliert.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Schwierige Zeiten im Moment für uns Erdenbürger und Erdenbürgerinnen, wer würde das bestreiten: Es betrifft uns alle, gewissermassen urbi et orbi. Diese Pandemie verunsichert uns, der eine gerät deswegen in Panik, die andere verleugnet einfach die Tatsachen, eine diffuse Angst haben wir alle.

Ich frage mich: Wie gelingt ein einigermassen vernünftiges Durchwursteln? Das tönt vielleicht ein bisschen salopp, ist aber gar nicht so einfach. Ich versuche immer mal wieder, die letzten Tage und Wochen für mich zu rekapitulieren, damit ich die Übersicht nicht verliere und mir womöglich noch abhandenkomme. Nach den Wahlen in den USA habe ich geradezu manisch die Nachrichten in den Tageszeitungen und vor allem auch online verfolgt. Zuerst die Angst, dann die Erleichterung, dann wieder Unsicherheit. Ein ständiges Hin und Her, zuletzt doch einigermassen beruhigend. Das hat die Nerven strapaziert, hat einen in Atem gehalten.

Dann habe ich zwischendurch mit meiner Frau kleine Ausflüge gemacht, sogenannte Fährtchen: an den Klöntalersee, wunderbar geheimnisvoll im Novemberlicht. Oder dann Richtung Atzmännig. Auf der Rückfahrt mit herrlicher Aussicht auf den Obersee und die Alpen. Wir waren überwältigt.

Immer wieder habe ich Freunde getroffen, gut eingepackt in der Gartenbeiz, in der noch wärmenden Spätherbstsonne. Und immer wieder die Begegnungen mit den Enkeln, auch mit der Maske, trotzdem herzerwärmend. Daneben meine Arbeit in der Praxis, Abstand halten, Hände desinfizieren. Die Unmittelbarkeit der Begegnungen ist dennoch erhalten geblieben. Das sind jetzt der Beispiele genug.

Das verstehe ich unter Durchwursteln, den Kopf nicht verlieren, und auch unter erschwerten Bedingungen mit heiterem Gemüt und offenen Sinnen nehmen, was der Tag so zu bieten hat.

Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Foto: PD