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Ausbreitung des CoronavirusDroht Deutschland eine zweite Welle?

Zwei regionale Lockdown in Nordrhein-Westfalen, stark zunehmende Zahlen in Berlin: In Deutschland warnt jetzt auch der bekannte Virologe Christian Drosten. Neuer Hotspot könnte Berlin werden.

Wieder werden in Deutschland Seuchenherde abgeriegelt: Feuerwehrmänner bauen um die Wohnquartiere von Schlachtarbeitern der Firma Tönnies Quarantänezäune auf.
Wieder werden in Deutschland Seuchenherde abgeriegelt: Feuerwehrmänner bauen um die Wohnquartiere von Schlachtarbeitern der Firma Tönnies Quarantänezäune auf.
Foto: keystone-sda.ch

Die Kurven steigen, mal steil, mal weniger. Und mit den Kurven steigen Anspannung und Nervosität in der deutschen Öffentlichkeit. Ein Blick über die Grenzen lehrt, dass die Kontrolle, die man über das Sars-CoV-2-Virus gewonnen zu haben glaubt, schnell wieder verloren gehen kann: Israel, Südkorea, der Iran, der Süden der USA melden das Anrollen zweiter Pandemiewellen. Könnte eine solche auch Deutschland bald erfassen?

Drosten mahnt zu grosser Vorsicht

Christian Drosten, der als wenig alarmistisch bekannte Chefvirologe der Berliner Charité, warnt jedenfalls davor, dass sich das Virus unbemerkt wieder in ganz Deutschland ausbreiten könnte. «Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt», sagte er am Dienstag in seinem letzten NDR-Podcast vor der Sommerpause. «In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten.»

Das Virus könnte sich unbemerkt wieder in ganz Deutschland ausbreiten:  Virologe Christian Drosten.
Das Virus könnte sich unbemerkt wieder in ganz Deutschland ausbreiten: Virologe Christian Drosten.
Foto: Jacobia Dahm (Laif)

Der Alarm ging in der letzten Woche vor allem von der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück aus, wo sich 1550 von 6000 Mitarbeitern infizierten. Am Dienstag musste der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet deswegen erneut den Lockdown über die zwei am meisten betroffenen Kreise Gütersloh und Warendorf verhängen. In Deutschland gibt es aber noch einige weitere Infektionsherde: In Göttingen zum Beispiel haben sich nach einem Ausbruch in einem vor allem von Roma bewohnten Hochhaus fast 300 Menschen angesteckt, in Magdeburg wurden wegen eines Ausbruchs mehrere Schulen geschlossen.

Seuchenherde in der ganzen Stadt

Nirgends aber sind die Zahlen zuletzt so schnell gestiegen wie in Berlin. Am Dienstag meldete die Stadt mit 800 fast doppelt so viele aktive Covid-19-Fälle wie eine Woche zuvor. Die Fallzahl pro 100'000 Einwohner kletterte in einer Woche von 8,78 auf 13,55 – es ist derzeit der höchste Wert eines deutschen Bundeslandes. Die Seuchenherde in der Stadt beschränken sich auch längst nicht mehr auf einzelne isolierte Orte, sondern verteilen sich über die ganze Stadt.

Oft sind grosse Wohnblöcke in ärmeren Quartieren betroffen, wo viele Menschen auf engem Raum leben. Zuletzt entdeckte die Polizei immer häufiger auch illegale Partys und Raves in den weitläufigen Parks der Stadt, wo Hunderte Menschen ohne jeden Abstand und Schutz tanzten, wie wenn das Virus plötzlich verschwunden wäre. Die Stadtregierung gibt sich bislang ungerührt: Gerade kündigte sie an, ab Samstag wie geplant alle Kontaktbeschränkungen aufzuheben.

«Wachsam, aber noch nicht alarmiert»

Das Berliner Robert-Koch-Institut, das die Epidemie im Auftrag der deutschen Regierung überwacht, hält die Angst vor einer zweiten Welle in Deutschland derzeit dennoch für übertrieben. Der Anstieg des Reproduktionswerts über 2 ergebe sich vor allem aus dem massiven Ausbruch in Gütersloh und anderen lokal begrenzten Herden und spiegle nicht die Gesamtlage wider. Der R-Wert sei nur deswegen so in die Höhe gesprungen, weil die täglichen Fallzahlen ansonsten immer noch tief lägen. Während Deutschland auf dem Höhepunkt der ersten Welle Mitte März noch 5000 neue Infektionen täglich meldete, sind es jetzt zwischen 500 und 700 – Werte, wie sie zuletzt Mitte April verzeichnet wurden. Gegenüber der Vorwoche beträgt der Zuwachs dennoch 68 Prozent.

Jeder dritte deutsche Land- oder Stadtkreis meldete in den vergangenen sieben Tagen keine einzige neue Infektion.

Solange die Ausbrüche auf die bekannten Herde eingeschränkt blieben, so die Robert-Koch-Experten, sei die Gesamtentwicklung noch nicht sehr alarmierend. Wahr ist eben auch, dass jeder dritte der 400 deutschen Land- und Stadtkreise in den letzten sieben Tagen keine einzige Infektion meldete. In ganz Mecklenburg-Vorpommern waren es in den letzten sieben Tagen nur 7. In Sachsen 69, nach 19 in der Vorwoche, in Thüringen 42, halb so viele wie in der Vorwoche.

Die grossen regionalen Unterschiede verschärfen nun freilich die Spannungen zwischen den Bundesländern: Die Ferienländer an Nord- und Ostsee – Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern – sowie das Alpenland Bayern haben bereits eine Art Einreiseverbot für Urlauber aus den Risikogebieten in Nordrhein-Westfalen erlassen. Der dortige Ministerpräsident hingegen scheut sich, ein formelles Ausreiseverbot für die meistbetroffenen Kreise zu verhängen. Am Samstag beginnen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien.

Während in Berlin die Stadtregierung noch beschwichtigt, warnen Experten wie Drosten und einzelne Politiker bereits deutlich. Der frühere Piraten-Abgeordnete Pavel Mayer stellte die verfügbaren Daten der Stadt kürzlich so zusammen, dass man mit blossem Auge bereits wieder ein exponentielles Wachstum erkennen kann – auf noch relativ tiefem Niveau zwar, aber mit einer Verdoppelung alle 10 Tage. Mayer glaubt, dass die Berliner Gesundheitsämter bereits jetzt mit der Nachverfolgung überfordert seien.

Was macht die Ampel?

Auch die «Frühwarnampel», eine Berliner Erfindung, funktioniere nicht wirklich. Die Ampel besteht aus drei Lichtern: Grenzwerten für die R-Zahl, für die Anzahl von Fällen pro 100’00 Einwohner in sieben Tagen und die Zahl verfügbarer Intensivbetten in den Spitälern. Im Moment, so Mayer, leuchte nur die R-Ampel rot, alle anderen stünden auf Grün. Deswegen tue die Stadtregierung so, als ob die Situation unter Kontrolle wäre.

Auf drei rote Ampeln zu warten, hält Mayer aber für grob fahrlässig: «Rot bedeutet, dass das Kind nicht nur bereits im Brunnen liegt, sondern abgesoffen ist. Die Berliner Corona-Ampel ist kein Frühwarnsystem, sondern wird mit Wochen Verspätung zeigen, dass man längst hätte handeln müssen.»