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Tötungsdelikt in SubergNach dem Mord ging er auswärts essen

Vor drei Jahren tötete ein heute 27-Jähriger seine Eltern. Am Montag startete am Bieler Gericht der Prozess. Der Mann kann kaum über die Tat sprechen.

Gerichtsprozess zum Tötungsdelikt in Suberg. Der Beschuldigte bewegte sich kaum und sprach sehr leise.
Gerichtsprozess zum Tötungsdelikt in Suberg. Der Beschuldigte bewegte sich kaum und sprach sehr leise.
Illustration: Res Zinniker

Der Mann ist gross, um den Bauch etwas speckig. Er trägt ein blaues Hemd, ein Armband, die braunen Haare kurz. Eine schwarze Maske verdeckt die Hälfte seines Gesichtes – gut möglich, dass die Pandemie für ihn in diesem Moment ein Glücksfall ist. Zum Sprechen zieht er die Schutzmaske aus. Doch viel kommt da nicht. Seine leise Stimme passt so gar nicht zum massigen Körper. Geht es um die Tat, versagt sie beinahe ganz. Dafür tönt sein Atem umso lauter. Sein breiter Rücken zuckt zwischendurch, genau dann, wenn Gerichtspräsident Markus Gross Details wissen will zu den Ereignissen vor drei Jahren in seinem Elternhaus.

Was der Beschuldigte nicht ausspricht, steht in der Anklageschrift. Diese liest sich wie das Drehbuch zu einem schlechten Film. Es ist die Nacht auf den 15. November 2017, als am Brandholzweg im seeländischen Suberg eine Scheinwelt mit dreissig Schlägen zerbricht. Mindestens vierzehnmal schlägt der heute 27-Jährige mit einer Kurzhantel auf seinen Vater ein, circa fünfzehnmal mit derselben Hantel auf seine Mutter. Beide sterben an einem Schädel-Hirn-Trauma. Seit Montag muss sich der Mann vor einem Fünfergremium am Bieler Regionalgericht wegen mehrfachen Mordes verantworten.

Immer noch «Mami und Papi»

Von aussen betrachtet scheint das Familienleben des Beschuldigten wie viele andere auch. Es gibt einen Hund, einen Garten, gute und schlechte Zeiten. Der Beschuldigte wächst in einem beschaulichen Quartier auf, hat Nachbarskinder zum Spielen, verbringt eine «unbeschwerte Kindheit», wie er vor Gericht sagt. Das Verhältnis zu «Mami und Papi» sei stets ein gutes gewesen.

Erst in der Pubertät habe es ab und zu Streit gegeben, wegen der Schule etwa. Da habe ihn der Vater ein- oder zweimal geschlagen, sagt der Angeklagte. Ansonsten sei alles «normal» gewesen, er habe Fussball und Unihockey gespielt, sei mit seinen Kollegen herumgezogen.

Von aussen betrachtet normal: So sollte es sein. Gemäss Aussagen von Zeuginnen war es dem Vater enorm wichtig, dass der Schein gewahrt blieb. Hinter die Kulissen blicken konnten nur die drei Familienmitglieder – und die Ex-Freundinnen des Angeklagten.

«Du bist eine Schande»

In der Zeit von 2012 bis zur Tatnacht 2017 sind es drei Frauen, die dem jungen Mann nahestehen und miterleben, wie die Situation zu Hause zunehmend angespannter wird. Es gibt oft Streit, unter den Eheleuten wie auch zwischen dem Vater und dem Sohn. Der Hauptgrund: das Geld.

Nachdem der 23-Jährige seine Kochlehre abgebrochen hatte, absolvierte er eine Ausbildung zum Fachmann Information und Dokumentation. Die Abschlussprüfung schaffte er erst im zweiten Anlauf, eine Stelle findet er danach nicht. Er wohnt weiterhin zu Hause, seine Mutter bezahlt seine Rechnungen, was den Vater wütend macht. Ihm geht zunehmend gegen den Strich, dass sein Sohn noch nicht auf eigenen Beinen steht.

Zu Hause wird das klassische Rollenbild gelebt: Der Vater, ein ranghoher Militär, bei der Arbeit, die Mutter in der Küche. Nur der Sohn findet seinen Platz nicht. Der Vater sei nett, aber in gewissen Situationen auch jähzornig und laut gewesen, sagt eine der Ex-Freundinnen vor Gericht. Die Mutter habe ihren Sohn übermässig umsorgt, sich in alles eingemischt, alles kontrolliert. «Er war schon ein ziemliches Muttersöhnchen», sagte die Frau. Die Ex-Freundinnen bezeichnen den jungen Mann allesamt als nett, sozial, hilfsbereit. Aber teilweise auch als Menschen mit zwei Gesichtern – der bei einem Streit auch mal handgreiflich werden konnte.

Hinter der Fassade des Einfamilienhauses am Brandholzweg brodelte es schon lange. Bis die Situation im November 2017 eskalierte.
Hinter der Fassade des Einfamilienhauses am Brandholzweg brodelte es schon lange. Bis die Situation im November 2017 eskalierte.
Foto: Raphael Moser

In den Augen des Vaters wird der Sohn zunehmend zum Versager. Durch die Lehrabschlussprüfung gerasselt, beim Militär als untauglich erklärt, nun arbeitslos. Er habe sein Kind oft beleidigt, berichtet eine Ex-Freundin, sagte ihm, er könne nichts, er sei eine Schande, man müsse sich für ihn schämen. Um ein Stück Scheinwelt zu retten, animiert der Vater seinen Sohn gar zum Lügen: Er solle der Mutter sagen, er habe den Job bei der Swisscom gekriegt. Obwohl das nicht stimmt.

Von da an lebt der Angeklagte in seinem Lügenkonstrukt. Verbringt die Tage mit Kollegen, seiner Freundin, dem Vater. Die Mutter denkt, er sei am Arbeiten. «Ich wünsche dir einen guten, erfolgreichen Tag», schrieb sie ihm in einer Whatsapp-Nachricht vom 14. November 2017, 7.24 Uhr. Es sollte die letzte sein.

Vor der Tat: Pizza für die Eltern

Der Tag, als die Scheinwelt definitiv zerbrach. Was das Motiv war, bleibt weiterhin offen. Der 27-Jährige kann knapp seinen Tagesablauf rekonstruieren, und auch das lückenhaft und mit widersprüchlichen Aussagen. Am Nachmittag sind die Eltern zu einer Feier bei den Nachbarn eingeladen, er macht in dieser Zeit die Pizza fürs Abendessen bereit.

Es bleibt unklar, wie der Streit im Elternhaus ausbrach. In der Anklageschrift steht, zwischen Mutter und Sohn, vielleicht aber auch zwischen den Eheleuten sei es zu einem handgreiflichen Streit gekommen. Er habe ein dumpfes Geräusch und dann einen Schrei der Mutter gehört, sagte der Angeklagte am Montag. Er habe seine Mutter auf dem Zwischenboden liegen sehen. Die verletzte Mutter habe sich dann aufs Sofa im Wohnzimmer begeben.

Dann kam es zum Handgemenge zwischen Vater und Sohn, woraufhin der Vater die zwei Treppen bis in den Keller hinunterstürzte. Er habe sich wehren wollen, so der Beschuldigte, deshalb habe er eine Hantel geholt und damit auf den Kopf des Vaters geschlagen. «Wahllos, ohne ersichtlichen Grund auf brutale und grausame Weise» habe er zugeschlagen, steht in der Anklageschrift.

Der gewaltsame Tod des Ehepaares erschütterte die Bewohner des beschaulichen Quartiers in Suberg.
Der gewaltsame Tod des Ehepaares erschütterte die Bewohner des beschaulichen Quartiers in Suberg.
Foto: keystone-sda.ch

Als die Mutter hinzukam, wollte der Sohn sich erklären, was nicht gelang. Daraufhin tötete er auch sie mit fünfzehn Hantelschlägen auf den Kopf. «Ich wollte einfach, dass diese Situation aufhört», sagte er im Gerichtssaal.

Nach dem Mord: Essen mit der Freundin

Nach der Tat duscht sich der junge Mann, zieht sich um. Er versucht, einen Einbruch zu inszenieren. Öffnet Schubladen und Möbelstücke, deponiert Gegenstände im Garten. Die blutverschmierten Kleider verstaut er in seinem Auto und holt dann seine Freundin in Nidau ab. Sie verbringen den Abend im Westside in Bern, wo sie in einem Restaurant essen gehen. Unterwegs nach Nidau teilt er seinen Eltern auf dem Anrufbeantworter noch mit, dass es später werden könne. Obwohl er wusste, dass er sie kurz zuvor getötet hatte.

Um halb zwei nachts bringt er die Freundin zurück nach Nidau. Diese sagte aus, ihr sei an ihrem Freund an diesem Abend nichts Aussergewöhnliches aufgefallen. In der Anklageschrift spricht die Staatsanwaltschaft von «grosser Gefühlskälte», die der Mann gezeigt habe. Zurück im Elternhaus, alarmiert er die Polizei. Er kommt in U-Haft, wo er einige Tage später ein Geständnis ablegt. Bei den Einvernahmen erfuhr der Beschuldigte, dass der Vater nicht sein leiblicher Vater war. Davon hatte er zum Tatzeitpunkt angeblich nichts gewusst.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Da viele Fragen offen sind, wird der Beschuldigte nochmals befragt werden. Die Hoffnung ist nicht allzu gross – er könne sich an vieles nicht erinnern, sagte er am Montag. Ob das stimmt oder nicht – auch das bleibt ein Rätsel.