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Kolumne von Markus SommDiktator der Entschlusslosigkeit

Alain Berset hat keinen Plan, wie die Corona-Krise zu meistern ist. Damit ist er allerdings nicht allein.

Selten hat man den sonst sehr selbstbewussten Sozialdemokraten so unsicher, so nachdenklich, so ratlos gehört: Alain Berset nach der Medienkonferenz des Bundesrates, an der die neuen Massnahmen verkündet worden sind (28. Oktober 2020).
Selten hat man den sonst sehr selbstbewussten Sozialdemokraten so unsicher, so nachdenklich, so ratlos gehört: Alain Berset nach der Medienkonferenz des Bundesrates, an der die neuen Massnahmen verkündet worden sind (28. Oktober 2020).
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Es fragt die NZZ: «Daraus kann man lesen, dass Sie den Prognosen der Wissenschafter nicht ganz trauen.» Worauf Alain Berset entgegnet: «Nein. Die Wissenschafter sind sehr wichtig für uns; wir sind in ständigem Austausch mit ihnen, aber sie regieren nicht die Schweiz.» Wer nicht gut aufpasst, könnte das leicht missverstehen – und Berset klingt wie Trump. Hat Berset gesagt, er traue den Wissenschaftlern nicht ganz – oder weist er die Interpretation der NZZ zurück, wonach man das keinesfalls aus seinen Aussagen ablesen könne?

Selbstverständlich traut Berset, der promovierte Akademiker, den Wissenschaftlern, und doch ist bemerkenswert, um wie viel skeptischer Berset ihnen gegenüber geworden ist: «Sie regieren nicht die Schweiz.» Was in Amerika als «Follow the Science» wie ein elftes Gebot verkündet wird – der Wissenschaft auf jeden Fall zu folgen –, gilt für die schweizerische Regierung offenbar nicht mehr. Selbst Berset tritt ungleich vorsichtiger auf als im Frühling, als die erste Corona-Welle übers Land hereingebrochen war. Selten hat man den sonst sehr selbstbewussten Sozialdemokraten so unsicher, so nachdenklich, so ratlos gehört: Sollen wir Weihnachten im grösseren Kreis feiern?, fragt die NZZ: «Ich weiss es nicht, ich weiss es nicht», sagt Berset. Und Skiferien? Er hoffe es. Wie lange könnten die Einschränkungen dauern? Etwa gar bis im Frühling? «Wer weiss...? Ich habe mir angewöhnt, keinerlei Prognosen zu dieser Krise zu machen. Fast alle, die es versuchten, lagen falsch.»

Berset am Ende seines Lateins. Aus dem General der Pandemie, zu dem ihn die Medien noch vor wenigen Monaten ernannt hatten, ist ein Diktator der Entschlusslosigkeit geworden, ein Cunctator, ein Zögerer wie jener römische Staatsmann, der in die Geschichte einging, weil er jeder Schlacht auswich. Am Ende sollte der Römer gerade deswegen siegen – und vielleicht gewinnt auch unser Bundesrat am Schluss, aber wohl nicht wegen Berset, der am Mittwoch viel einschneidendere Massnahmen beantragt hatte, aber nicht durchdrang, sondern wir überstehen die Krise besser, weil unser System ein System des Zögerns, des Abwartens, der Entschlusslosigkeit ist. Demokratie für Teetrinker.

Nicht Allmachtfantasien grassieren in Bern, Berlin oder Paris, sondern die nackte Angst vor dem Versagen.

Berset ist aber auch ehrlich: Wir wissen es immer noch nicht, wie dieser Gesundheitskrise am besten beizukommen ist. Und die Wissenschaftler wissen es eben auch nicht. Sie widersprechen sich, das ist das eine, aber viele von ihnen haben sich auch unglaubwürdig gemacht, weil sie zu oft meinten, mit besonders mörderischen Prognosen die Leute ermahnen zu müssen, Prognosen, die sich dann als unrichtig erwiesen. Die gleiche Konfusion hat sich ausgebreitet wie ein lähmendes Gift, wenn es darum geht, die Wirkung der diversen Massnahmen abzuschätzen. Maske auf, Maske wo? Lockdown oder kein Lockdown?

Länder, die einen harten Lockdown durchgesetzt haben, verzeichnen höhere Fallzahlen wie etwa Frankreich. Länder, die etwas milder vorgegangen sind, aber auch wie zum Beispiel Schweden. Es scheint unmöglich, hier gültige Schlüsse zu ziehen. Wovor den meisten Politikern graut, auch Berset offensichtlich, ist eine zweite Schliessung des Landes; die Verheerungen des ersten Lockdown stecken uns allen in den Knochen. Wir können Corona? Die Krisenpolitik ist so viel anspruchsvoller geworden als im Frühling, als man unter dem Eindruck stand, einfach das chinesische Modell, eine Art Rosskur – brutal, heftig, wirksam – anwenden zu können. Nun steht diese Methode eigentlich nicht mehr zur Verfügung, wenn wir realistisch sind. Vielleicht hilft am Ende nur die Zeit.

Manche warnen heute vor einem allzu mächtigen Staat. Diese Warnung ist immer geboten, und sicher haben die Beamten und die Politiker zu Anfang die Krise genutzt, um sich aufzublasen, sich wichtig zu machen, sich überall einzumischen, sich alles zuzutrauen. Inzwischen stehen sie kleinlaut in ihren leeren Büros. Was wir im Grunde erleben, ist eine Kernschmelze der behördlichen Zuversicht. Auch die Beamten und Politiker ahnen, dass der Staat, ihr Staat, an die Grenzen seiner Fähigkeiten gestossen ist. Er ist überfordert. Nicht Allmachtfantasien grassieren in Bern, Berlin oder Paris, sondern die nackte Angst vor dem Versagen.Es passt zu unserer etwas infantilen Generation, dass wir meinen, jedes Problem lösen zu können: Wirtschaftskrise, Krieg und Frieden, jede Seuche unserer Zeit. Vor allem an den Staat glauben wir, der uns den Schoppen gibt, wann immer uns der Hunger plagt. Nun hat selbst der Staat keinen Schoppen mehr zur Hand.

101 Kommentare
    Franz Schwegler Zermatt

    Eigentlich ist Herr Somm der geniale Bundesrat oder einfach die richtige Mann für alle Fälle! Nur konnte er dies noch nie unter Beweis stellen weil er es vorzieht einfach immer schön als Journalist uns weiss zu machen was alles falsch läuft statt sich selber politisch als Macher zu engagieren. Aber was ja nicht ist kann noch werden!