Macht 5G das Internet zu Hause überflüssig?

Der Trend, den heimischen Anschluss aufzugeben, wird sich mit dem schnellen Mobilfunknetz verstärken. Und das könnte zum Problem werden.

Lohnt sich der Glasfaserausbau überhaupt noch, wo 5G vor der Türe steht?

Lohnt sich der Glasfaserausbau überhaupt noch, wo 5G vor der Türe steht? Bild: Guido Kirchner/Reuters

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5G ist zu einem Hoffnungsträger avanciert. Die nächste Mobilfunkgeneration soll als Wegbereiter für allerlei Tech-Träume fungieren: Die virtuelle Realität, selbstlenkende Autos, E-Health und das intelligente Stromnetz werden einen gehörigen Schub erfahren, sobald dieses Jahr die ersten 5G-Netze aufgeschaltet werden – so die Versprechen der Branche.

5G macht das mobile Internet sehr schnell – noch schneller als ein Glasfaseranschluss direkt in der Wohnung, im Haus oder im Büro, dem bislang schnellstmöglichen Weg ins Internet. Dia stellt sich die Frage: Braucht es den Anschluss zu Hause überhaupt noch? Oder reicht es völlig aus, wenn man das schnelle Mobilfunknetz mit einem möglichst unlimitierten Datenvolumen zur Verfügung hat? Das Sparpotenzial ist offensichtlich: Ohne den fest verlegten Internetanschluss fällt eine monatliche Rechnung weg und man braucht sich keine Gedanken um die Internetinfrastruktur im eigenen Domizil zu machen.

WLAN per Handy-Hotspot

Kostenbewusste Internetnutzer, zum Beispiel Studenten, praktizieren das schon heute, denn es ist auch heute schon einfach, den Internetzugang des Mobiltelefons mit anderen Geräten zu nutzen. Das iPhone stellt den persönlichen Hotspot bereit, mit dem sich Laptops, smarte Fernseher oder Spielkonsolen mit dem WLAN des Telefons verbinden und dessen Internetzugang verwenden. Auch bei Android-Telefonen gibt es diese Möglichkeit. Dort heisst sie Tethering, mobiler Hotspot oder etwas in der Art.

Das ist indes nur eine behelfsmässige Lösung, die sich für den Dauereinsatz nicht so richtig eignet: Der Akku des Mobilgeräts wird schnell leer, und wenn der Besitzer sein Telefon mitnimmt, ist auch das Internet weg. Für dauerhaftere Lösungen gibt es Router, zum Beispiel von Fritzbox, die genauso funktionieren wie seine Pendants für ADSL, Glasfaser oder TV-Kabel – mit dem Unterschied, dass er das Datennetz eines Mobilfunkanbieters nutzt.

Nokia zeigt in einem Video, wie 5G «alles» verändern soll.

Das ist auch mit dem Vorgänger von 5G, dem LTE- oder 4G-Standard, ordentlich schnell. Allerdings braucht es den passenden Mobilfunkvertrag, der zwei Bedingungen erfüllt: Erstens sollte eine Multi-SIM-Option vorhanden sein. Das besagt, dass man mehrere SIM-Karten erhält und eine davon eigens für den Router verwenden kann.

Zweitens benötigt man ein unbeschränktes Datenvolumen: Denn das typische Kontingent eines beschränkten Vertrags reicht nicht gerade weit, wenn mehrere Leute den Internetzugang nutzen. Schon ein Betriebssystem-Update ist typischerweise mehrere Gigabytes gross und kann die Limite sprengen. Das würde dazu führen, dass der Zugang gedrosselt wird oder dass nachgezahlt werden muss.

«Glasfaser durch die Luft»

Bei der Unterstützung solcher Lösungen unterscheiden sich die Schweizer Mobilfunkanbieter. Sunrise propagiert die «Glasfaser durch die Luft». Mit 5G lassen sich in der ersten Phase vor allem ländliche Gebiete mit Hochbreitband-Internet erschliessen, sagt Mediensprecher Rolf Ziebold.

Der Mobilfunkanbieter hat Router wie den Sunrise 4G+ WiFi Tower im Angebot, die für die Internetversorgung zu Hause gedacht sind. Sunrise sieht vor, dass die Serviceleistung «im Einzelfall depriorisiert» wird, wenn die Nutzung an einem Ort dazu führt, dass die Qualität für die anderen Kunden leidet. Das könne zu einer Temporeduktion führen. Die Hürden für diese Bremse lägen aber hoch, betont Rolf Ziebold: «Nebst einer eingeschränkten Antennenkapazität sind Datenaufkommen von bis zu 500 GB und mehr im Schnitt von drei Monaten erforderlich.»

Auch Salt hat eine Internetbox für unlimitierten Internetzugang über 4G. Mit dem Plus-Swiss-Abo kostet die zusätzliche SIM-Karte 10 Franken. Mediensprecherin Viola Lebel weist darauf hin, dass die Multisurf-Karten für Kunden ohne Salt-Abo im Moment vergünstigt für 19.95 Franken im Monat angeboten werden. Eine Limite gibt es bei Salt für den «normalen Datenverbrauch, inklusive Video-Streaming» nicht. Doch Kunden müssen sich bereiterklären, den Dienst nur so zu nutzen, dass «die Servicequalität für andere Kunden nicht beeinträchtigt wird».

Die Swisscom pocht auf «Fair Use»

Die Swisscom hat in ihren Vertragsbestimmungen eine «Fair Use Policy», in der es heisst, dass der Anbieter die Leistung einschränken oder einstellen kann, wenn die Nutzung «erheblich vom üblichen Gebrauch abweicht». Das dürfte unvermeidlich sein, wenn eine ganze Familie oder WG sich einen Mobilfunkvertrag teilt. Die Swisscom bietet keine eigenen Heimrouter für LTE/4G an, ist dieser Nutzung aber nicht komplett abgeneigt: «In Einzelfällen, wenn Kunden fast nur noch ein Smartphone oder Tablet nutzen, kann es sinnvoll sein, die Geräte nur noch per Mobilfunknetz mit Multidevice zu verbinden», erläutert Swisscom-Mediensprecher Armin Schädeli.

Ist dieser Weg die Zukunft und der Internetzugang zu Hause bald ein Auslaufmodell? Und stellen sich die Mobilfunkanbieter mit dem Ausbau von 5G somit selbst ein Bein? Swisscom-Chef Urs Schäppi sieht das nicht so. Bei der Präsentation der Jahreszahlen letzte Woche gab er der Überzeugung Ausdruck, dass sich der Hausanschluss und das Mobilfunknetz ergänzen würden.

«Das will man seinen Augen nicht antun»

Auch Fredy Künzler vom auf Glasfaser-Anschlüsse spezialisierten Internetproviders Init7 fürchtet die Konkurrenz nicht: Für ein bisschen Surfen sei das mobile Netz absolut ausreichend. «Doch sobald man hochauflösend streamt, ist Schluss. Den Pixelbrei oder die niedrige Auflösung will man seinen Augen nicht antun.» Ausserdem funktionierten ein vernünftiges Heimnetzwerk, VPN und eigene Serverdienste auch nicht zuverlässig, ebenso wenig Games, die auf schnelle Reaktionszeiten angewiesen seien. Und Künzler hat einen ganz praktischen Grund, weiterhin zweigleisig zu fahren: Das Mobilfunk-Datenabo dient dann als Rückfallebene, für den Fall, dass der Heimanschluss ausfallen sollte. Ohne die steht man komplett offline da.

Ein Vorteil der Glasfaser ist, dass man sie für sich alleine hat. Die Luft wird bei den drahtlosen Übertragungen als «geshartes Medium» bezeichnet, das alle Kunden am selben Ort gemeinsam nutzen: Übertragen viele Leute gleichzeitig Daten, sinkt die Übertragungsgeschwindigkeit. Wenn das halbe Quartier den abendlichen Netflix-Konsum über den gleichen Mobilfunkmast abwickelt, bleibt von der atemberaubenden 5G-Geschwindigkeit nicht mehr viel übrig.

Mehr Antennen oder mehr Sendeleistung

Das heisst im Klartext, dass die Mobilfunkanbieter entweder für teures Geld mehr Antennen bauen müssen, oder aber dass sie die Sendeleistung erhöhen. Und in der Tat hatten die Mobilfunkanbieter im September 2018 versucht, die Grenzwerte zu erhöhen. Der Ständerat hat das mit einer knappen Mehrheit abgelehnt.

Doch die Gefahr von mehr Antennen oder mehr Sendeleistung führt dazu, dass sich die Gegner eines Ausbaus in ihrem Anliegen bestärkt sehen. Sie machen schon jetzt mit abstrusen Videos Stimmung gegen den neuen Standard – und schieben zum Beispiel Fälle von Vogelsterben auf Testversuche mit 5G. Das sind Verschwörungstheorien. Doch für Fredy Künzler ist klar, dass mehr 5G-Mobilfunk-Nutzung statt Glasfaser den politischen Druck erhöht, mehr Sendeleistung zu erlauben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 19:27 Uhr

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