Die App, die der Privatsphäre ein Ende setzen könnte

Das bislang unbekannte Start-up Clearview AI hat eine Datenbank mit über einer Milliarde Bildern gesammelt. Die US-Polizei arbeitet bereits damit.

Gesichtserkennung an einer Ausstellung zur öffentlichen Sicherheit in Shenzhen, China. Foto: Bobby Yip (Reuters)

Gesichtserkennung an einer Ausstellung zur öffentlichen Sicherheit in Shenzhen, China. Foto: Bobby Yip (Reuters) Bild: Matt Rourke/Keystone

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Durch eine Recherche der «New York Times» ist bekannt geworden, dass Gesichtserkennung inzwischen in globalem Stil betrieben wird. Ein bislang unbekanntes Start-up namens Clearview AI aus New York hat mehr als eine Milliarde Bilder gesammelt und Ermittlungsbehörden für Personenrecherchen zur Verfügung gestellt.

Damit lassen sich gemäss Beschreibung der Zeitung beliebige Personen identifizieren, die man beispielsweise auf der Strasse sieht: Man macht ein Foto, lädt es bei Clearview hoch und bekommt im Gegenzug öffentliche Fotos der Person, zusammen mit den Links zu den Quellen dieser Fotos. Clearview hat für seine Datenbank Bilder von Facebook, Youtube, Vimeo und Millionen anderer Websites abgegriffen.

Das Werbevideo von Clearview.

Diese Datenbank werde von Hunderten von Strafverfolgungsbehörden in den USA benutzt, schreibt die «New York Times»: Homeland-Security, das FBI, aber auch lokale Polizeibehörden würden darauf zugreifen – ganz nach dem Motto des Unternehmens: «Technologie, um die härtesten Kriminalfälle aufzuklären». Auf der Website zitiert es einen Kriminalbeamten der Abteilung für Sexualverbrechen der kanadischen Polizei: Clearview sei das beste Instrument für die Identifikation, das ihm in den letzten zehn Jahren begegnet sei: «Nach anderthalb Wochen haben wir acht Leute identifiziert, sowohl Opfer als auch Täter.»

Clearview weiss, wen Polizisten suchen

Die App steht nur polizeilichen Ermittlern offen. Die Journalistin der NYT hat daher mit Polizisten zusammengearbeitet, die ihr Foto durch die Gesichtserkennungs-App geschickt haben. Kurz darauf hätten sie Anrufe des Unternehmens erhalten, das wissen wollte, ob sie etwa Kontakt zu den Medien hätten. Das lässt sich nur so erklären, dass Clearview genau im Bild ist, nach welchen Leuten die Strafverfolgungsbehörden suchen.

Das hat ein riesiges Missbrauchspotenzial. Die «New York Times» vermutet denn auch, dass «dieses geheimnistuerische Start-up der Privatsphäre, so wie wir sie heute kennen, ein Ende setzen könnte». Im Code der App sei die Möglichkeit vorgesehen, eine Verbindung zu einer Augmented-Reality-Brille herzustellen. Auf diese Weise könnte der Träger der Brille jede Person automatisch identifizieren, die ihr begegnet – gleichgültig, ob es nun ein Aktivist an einer Demo oder ein attraktives Gegenüber in der U-Bahn sei.

Die grossen Techunternehmen haben bei der Gesichtserkennung bislang Zurückhaltung geübt. Sie wird zwar zum biometrischen Schutz von Smartphones und Computern eingesetzt und wird auch in Foto-Apps eingesetzt, damit Bilder nach Personen durchsuchbar sind. Doch bislang bot kein Unternehmen eine frei nutzbare Suche an, die auf Gesichtserkennung basiert.

Suchmaschinenspezialist Google schreibt auf seiner Website zur künstlichen Intelligenz, man «teile viele häufig diskutierten Bedenken bezüglich Missbrauch der Gesichtserkennung». So müsse die Gesichtserkennung fair bleiben und niemanden benachteiligen, die Privatsphäre der Nutzer schützen und das richtige Mass an Transparenz und Kontrolle ermöglichen. Und die Gesichtserkennung dürfe für Überwachung verwendet werden, «die den international akzeptierten Rahmen sprenge».

Rassistische Algorithmen

Auch Facebook verwendet Gesichtserkennung. Diese Funktion lässt sich in einem eigenen Abschnitt in den Einstellungen ein- und jederzeit auch wieder ausschalten. In einer Medienmitteilung beschreibt der Datenschutzbeauftragte Rob Sherman die grössten Bedenken: die Verwendungsmöglichkeiten für Ermittlungsbehörden, aber auch das Problem von Fehlerkennungen, die erwiesenermassen bei nicht weissen Menschen höher sind. «The Atlantic» hat schon 2016 berichtet, dass die Algorithmen ein Befangenheitsproblem hätten: So, wie die Systeme trainiert werden, erkennen sie nicht alle Ethnien gleich zuverlässig. Es liegt auf der Hand, dass bei einer App wie der von Clearview ein falscher Treffer für die Betroffenen verhängnisvolle Konsequenzen haben könnte.

Bei Facebook kommt die Gesichtserkennung nur bei den Leuten zum Einsatz, die ihr zugestimmt haben. Sie werden auf Fotos beschriften, wenn sie bereits vom Autor des Beitrags getaggt worden sind. Auch setzt das soziale Netzwerk die Gesichtserkennung dazu ein, um den Nutzern mehr Kontrolle darüber zu geben, wie ihre Fotos benutzt werden. Wenn beispielsweise jemand die Aufnahme eines fremden Facebook-Nutzers als Profilfoto benutzt, dann werde der Betroffene gewarnt.

Selbst Facebook hält sich zurück

Bei der Gesichtserkennung haben sich die Techkonzerne selbst Zurückhaltung auferlegt: Sie machen längst nicht alles, was technisch möglich wäre – so könnten sowohl Google als auch Facebook eine Suchmaschine anbieten, die genauso wie die von Clearview funktioniert. Auch die «New York Times» sagt, das Tabu sei gebrochen: Selbst wenn Clearview seine App nicht öffentlich zur Verfügung stellt, könnte das ein Trittbrettfahrer tun: «Jemanden über sein Foto zu identifizieren, könnte so einfach werden, wie einen Namen zu googeln.»

Fotos, die in der privaten Cloud gespeichert sind, können nicht missbraucht werden.

Es liegt auf der Hand, dass Schutz vor Missbrauch nur bedingt möglich ist. Denn selbst wenn wir mit unseren privaten Fotos zurückhaltend sind, lässt sich kaum verhindern, dass andere Leute nicht Bilder, auf denen wir mitabgebildet sind, ins Netz hochladen. Trotzdem lassen sich die Missbrauchsmöglichkeiten mit Empfehlungen, wie sie hier zum Beispiel von der deutschen Verbraucherzentrale gemacht werden, zumindest reduzieren:

  • Seien Sie zurückhaltend beim Publizieren von Fotos im Internet.
  • Publizieren Sie Fotos nur für Freunde und Bekannte, nicht öffentlich.
  • Wählen Sie als Profilfoto ein Bild, auf dem Sie nicht vollständig sichtbar sind.
  • Verlangen Sie von Ihren Freunden, dass Bilder von Ihnen nicht ungefragt publiziert werden.

Ausserdem sollten Sie immer mal wieder überprüfen, welche Inhalte über Sie im Internet aufzufinden sind. Und wie wir hier beschreiben, gibt es auch die Möglichkeit, Bilder auf der eigenen Festplatte genauso komfortabel zu sichern wie in der Cloud.

Erstellt: 20.01.2020, 19:44 Uhr

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