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Glosse über KommunikationDieses Wort gehört an den Pranger!

Wer nicht von Problemen sprechen will, redet von Herausforderungen. Kein Wort wird derzeit dermassen inflationär verwendet. Höchste Zeit für eine Anklage.

Unser Autor findet, dass man die Reden gewisser Führungskräfte einfach ausfaden und mit Hall vernebeln sollte – wie in einem Hörspiel.
Unser Autor findet, dass man die Reden gewisser Führungskräfte einfach ausfaden und mit Hall vernebeln sollte – wie in einem Hörspiel.
Getty Images/iStockphoto

Vielleicht hat es die eine oder der andere schon gehört: Wir stehen vor gigantischen Herausforderungen. Dieser Satz fällt immer dann, wenn irgendein Kommunikationsmanager ungünstige Vermeldungen zu machen hat und dabei Wörter wie Dilemma, Probleme, Elend, Massenentlassung, Schwierigkeiten, Not, Leid, Unheil und Untergang vermeiden möchte.

In Firmensprecher-Seminaren dürfte es bereits in der ersten Lektion etwa folgendermassen klingen: «Sprecht bloss nie von Problemen! Herausforderungen. Das ist der Term der Stunde: Das klingt besser. Nach einer Aufgabe, nach Abenteuer und nach angestacheltem Ehrgeiz.»

Und so wimmelt es derzeit vor Herausforderungen: Geisterspiele, Presse, Exportindustrie, Bundesrat, Uhrenmessen, WHO, Homeoffice, Eventbranche, Menschheit – überall Herausforderungen. Sogar der Thurgauer Wald steht vor «grossen Herausforderungen», berichtete neulich die «Thurgauer Zeitung». Es ist also anzunehmen, dass es ihm besonders miserabel geht.

Das Codewort, sich nach einem neuen Job umzusehen

Und wenn mal Ruhe wäre von der ganzen Herausüberforderung, dann zündet die Sozialmediengemeinde garantiert irgendeine dusselige Challenge, im Zuge welcher man irgendein sensibles Körperteil in Eiswasser tunken, sich einen Daumen brechen oder Alkoholika ins Auge schütten muss. Aber das ist ein anderes Thema.

Leitet ein Firmensprecher seinen Vortrag mit einem Satz ein, in dem die Wort-Konglomerate «unsere Branche» und «grosse Herausforderungen» vorkommen, dann heisst das für die Belegschaft nichts anderes, als dass es durchaus vernünftig scheint, sich langsam ein bisschen auf dem Arbeitsmarkt umzusehen. Aber eben: Der Arbeitsmarkt steht sogar vor «historischen Herausforderungen», wie die «Freiburger Nachrichten» neulich vermeldeten.

Man sollte die Stimmen der Firmensprecher öfter ausblenden und mit Hall vernebeln.

«Halten Sie ein, Sie unverbesserlicher Defätist!», rufen nun die Firmensprecher dazwischen. «Herausforderungen muss man sich stellen! Sie sind da, um gemeinsam bewältigt zu werden. Man kann sie auch als Chance begreifen, schliesslich ist auch ein Baum nur dann stark und standhaft, wenn er dem Wind ausgesetzt ist, und unser Unternehmen steht nun mal gerade ein bisschen im Gegenwind…» (in einem Hörspiel würde man die Rede des Sprechers nun langsam ausblenden und in einem leicht unheimlichen Studiohall untergehen lassen).

Man sollte die Stimmen der Firmensprecher öfter ausblenden und mit Hall vernebeln. Vieles, was sie sagen, ist Hall und Rauch. Wenn sie in internen Mitteilungen an die Belegschaft von Effizienzsteigerung sprechen, wollen sie verticken, dass man im Management beschlossen hat, das gleiche Angebot mit weniger Personal leisten zu wollen. Wenn sie von Synergien reden, die genutzt werden sollen, dann meinen sie, dass einer kommenden Fusion so einige Human Resources zum Opfer fallen werden.

Firmensprecher seifen uns ein

Firmensprecher sind die grossen Illusionisten des 21. Jahrhunderts. Sie sind auf das Kunststück dressiert, ungünstige Nachrichten wie Verheissungen klingen zu lassen – am besten mit jener singenden Sympathiestimme, die im Coop die Aktionen verliest («chömmet Sie cho profitiere!»).

Und wenn wir schon bei den Werbefiguren sind: Früher, als die Welt noch eine bessere war, schien sich die Werbeindustrie noch stärker zu bemühen, sympathische Werbung mit sympathischen Menschen zu produzieren. Die Wir-haben-die-Produkte-Sie-das-lausige-Leben-Mentalität war noch nicht so verbreitet.

Und wenn die Menschen nicht sympathisch waren, wurden sie immerhin zu schrulligen Originalen stilisiert, wie etwa die Palmolive-Kosmetikerin Tilly, die ein dubioses dermatologisches Hautverträglichkeitsgutachten dazu ermunterte, die schrundigen Hände ihrer verdutzten Klientel im Geschirrspülmittel zu pflegen.

Firmensprecher tun nichts anderes: Sie seifen die schrundigen Gemüter ihrer Zuhörer so lange mit schmierigen Floskeln ein, bis diese meinen, es flutsche dann schon irgendwie von selbst.

«Wir stehen vor grossen Herausforderungen…» Wer diesen Satz das nächste Mal hört, der rechne ruhig mit dem Allerschlimmsten.