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Interview mit Christo Grozev«Die Welt soll erfahren, dass die russische Killermaschine existiert»

Nach dem missglückten Giftanschlag auf Alexei Nawalny rief der russische Oppositionelle einen der mutmasslichen Killer an. Ermöglicht hat dieses bemerkenswerte Gespräch der Journalist Christo Grozev.

Alexei Nawalny (rechts) telefoniert mit dem mutmasslichen Agenten. Christo Grozev (links) hört zu.
Alexei Nawalny (rechts) telefoniert mit dem mutmasslichen Agenten. Christo Grozev (links) hört zu.
Foto: Screenshot (Youtube / Alexei Nawalny)

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB bezeichnet Nawalnys Telefongespräch mit einem FSB-Agenten, der ihn offenbar töten wollte, als Fälschung. Hat er recht?

Nein, das Telefongespräch ist echt. Wir haben es mitgefilmt. An der Aufnahme wurde nichts verändert. Wir haben das Video des 49-minütigen Gesprächs so online gestellt, wie es stattfand.

Auf dem Video sind Sie neben Nawalny zu sehen. Was war Ihre Rolle?

Ich hatte mit meinen Kollegen bei der Rechercheplattform Bellingcat die Namen und die Daten der Mitglieder jenes FSB-Teams gefunden, das Nawalny gemäss unseren Recherchen mit Nowitschok vergiften wollte. Für den Anruf hatte ich eine App installiert, über die der Angerufene eine falsche Telefonnummer sieht, in diesem Fall die Festnetznummer einer FSB-Einheit. Während des Gesprächs hörte ich zu und holte mir Informationen für meine weitere Arbeit.

Das klappte gleich beim ersten Versuch?

Nein. Wir haben zuvor fünf mutmassliche Mittäter angerufen, aber Nawalny meldete sich unter seinem richtigen Namen: «Hallo, hier spricht Nawalny, warum wollten Sie mich töten?» Die Reaktion war nur Stille. Also änderte er seine Strategie und rief unter falscher Identität an, als Assistent eines hochrangigen russischen Kreml-Beamten, der für seinen Boss Informationen über die fehlgeschlagene Aktion sammelte.

Das wurde ihm geglaubt?

Beim ersten Versuch antwortete der Angerufene: «Ich weiss genau, wer du bist» – und legte auf. Beim zweiten Versuch hatten wir Glück.

Dieser mutmassliche Agent war aber beim Anschlag in der Stadt Tomsk nicht direkt beteiligt?

Im Film «Pulp Fiction» gibt es die Figur des Mister Wolf, der «Probleme beseitigt». So einer war dieser Mann offenbar. Nachdem das Flugzeug mit dem vergifteten Nawalny in Omsk notgelandet und das Opfer im Spital erstversorgt worden war, kam er gemäss unseren Recherchen, um die Spuren zu beseitigen. Und wir glauben, dass er schon im Januar 2017 Mitglied eines Kommandos war, das Nawalny vergiften wollte.

«Wir konnten beide nicht glauben, was wir da gehört hatten.»

Christo Grozev über das Telefongespräch

Im Telefongespräch behauptete Nawalny mehrmals, er habe «Befehl von oben» erhalten, die Aktion mit Nowitschok noch einmal zu analysieren. Das hat ihm sein Gesprächspartner offenbar abgenommen?

Ich war verwundert, wie präzise Nawalny den militärischen Ton des FSB imitieren konnte. Er kannte ihn wohl aus seiner Jugend gut: Sein Vater war bei der Armee.

Nawalny sprach fast 50 Minuten mit einem Mann, der ihn offenbar töten wollte, und blieb dennoch ruhig in seiner Rolle. Wie reagierte er nach dem Gespräch?

Er war extrem müde, wir hatten ja seit 4 Uhr morgens versucht, diese Gespräche zu führen. Wahrscheinlich half ihm die Müdigkeit, keine Emotionen zu zeigen. Er funktionierte wie ein Roboter. Danach ging er schlafen, und erst als er gegen Mittag wieder aufstand, zeigte er sich ekstatisch, gleichzeitig aber auch geschockt. Wir konnten beide nicht glauben, was wir da gehört hatten.

Und sie hatten einen Filmmitschnitt als Beweis?

Nawalny filmt fast alles, was er macht für seinen Youtube-Kanal. Ausserdem planten wir einen Dokumentarfilm. Aber wir erwarteten nicht, dass wir durch das Telefongespräch neue Informationen erhalten würden.

«Wir bekamen durch das Gespräch neue Informationen»: Alexei Nawalny vor den Fotos des mutmasslichen Killerkommandos.
«Wir bekamen durch das Gespräch neue Informationen»: Alexei Nawalny vor den Fotos des mutmasslichen Killerkommandos.
Foto: Screenshot (Youtube / Alexei Nawalny)

Für den Agenten am anderen Ende der Leitung könnte die Veröffentlichung des Gesprächs schlimme Konsequenzen haben. Wurde darüber diskutiert?

Für Nawalny gab es kein moralisches Dilemma. Er war schliesslich Ziel eines Mordanschlags. Aber kein Staat will in seinem Fall ermitteln. Nicht Russland und auch nicht Deutschland. Also muss Nawalny selbst ermitteln, auch mittels eines Anrufs unter falschem Namen. Trotzdem diskutierten wir fast eine Woche, bevor wir entschieden: Es gibt ein öffentliches Interesse an dem Telefongespräch: Russland und die Welt sollen erfahren, dass diese russische Killermaschine wirklich existiert.

Was hat Sie an den Aussagen des FSB-Mannes besonders überrascht?

Wir hatten bei Bellingcat die Namen und Bewegungsprofile von Nawalnys Verfolgern nur anhand von Datenanalysen herausgefunden. Nun bekam ich live von einem Beteiligten die Bestätigung. Ausserdem nannte er weitere Namen seines Teams, die uns noch nicht bekannt waren.

Der Kreml behauptet, Bellingcat erhalte Informationen von westlichen Geheimdiensten. Stimmt das?

Nein. Wir machen unsere Recherchemethoden immer öffentlich. Telefondaten sind in Russland deutlich schlechter geschützt als im Westen. Man kann sie im Internet gratis bekommen oder zu einem moderaten Preis kaufen. Das bestätigten sogar russische Medien, die nicht in Opposition zum Kreml stehen.

«Nawalny wird nach Russland zurückkehren. Und zwar sehr bald.»

Christo Grozev

Erst hiess es, Spuren von Nowitschok seien auf Wasserflaschen in Nawalnys Hotelzimmer in Tomsk gefunden worden. Im Telefongespräch sagt der Mann, das Gift sei in Nawalnys Unterhose gewesen. Ein Widerspruch?

In dem Telefongespräch ist zu hören, dass die höchste Nowitschok-Konzentration an der Vorderseite von Nawalnys Unterhose zu finden war. Wie sie dorthin kam, können wir nur vermuten: Möglicherweise wurde das Gift dort aufgebracht, vielleicht gelangte es dorthin über den Urin. Beim Anziehen der Unterhose oder beim Gang auf die Toilette könnten Spuren von Nowitschok auf Nawalnys Hand und von dort auf die Wasserflasche gelangt sein.

Fürchten Sie Racheaktionen?

Nicht von der Regierung oder Behörden. Das würde ja unsere Recherchen nur bestätigen. Allerdings könnten sich einzelne Personen rächen wollen, die enttarnt wurden und nun ihre Karriere zerstört sehen. Mit dieser Bedrohung muss ich leben. Nicht nur kurzfristig. Für immer.

Was wird Alexei Nawalny tun?

Er wird nach Russland zurückkehren. Und zwar sehr bald.

21 Kommentare
    Hans Klein

    Lächerlich, einfach nur noch lächerlich und versponnen. Kein Wunder. Aber dass mann an diese Geschichten, die einzig und allein der Verleumdung Russlands dienen, auch noch glaubt !