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Stimmen aus Beirut «Die tiefste Hölle einer Apokalypse»

Zerbrochenes Glas, eingestürzte Gebäude, überlastete Spitäler: So nahmen Augenzeugen die heftige Explosion in der libanesischen Hauptstadt wahr.

«Das Ausmass der Zerstörung ist extrem»: Einsatzkräfte evakuieren einen Verletzten aus dem Gefahrengebiet in Beirut.
«Das Ausmass der Zerstörung ist extrem»: Einsatzkräfte evakuieren einen Verletzten aus dem Gefahrengebiet in Beirut.
Foto: Mohamed Azakir (Reuters) 

Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut vom Dienstag suchen die Einsatzkräfte in den Trümmern noch immer nach weiteren Opfern. Bisher sollen mindestens 100 Personen gestorben und Tausende verletzt worden sein. Zahlreiche Wohngebiete sind nur noch Schutt und Asche. Die Stadt am Mittelmeer steht unter Schock.

Augenzeugen berichteten von berstendem Glas, einstürzenden Gebäuden und einem lauten Knall. «Ich war in einem Taxi, als ich plötzlich das Gehör verlor. Ich muss zu nahe an der Explosion gewesen sein, also verlor ich mein Gehör für ein paar Sekunden. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, und dann zerbrach plötzlich das Glas im ganzen Auto», erzählte ein Zeuge der britischen BBC. Die Schockwelle der gewaltigen Detonation soll gemäss einem weiteren Augenzeugen eine Frau meterweit weggeschleudert haben.

Von einem «absoluten Chaos» sprach eine Journalistin der englischsprachigen Zeitung «The National» aus den Arabischen Emiraten. «Die Strassen waren buchstäblich mit Glas bedeckt», so Sunniva Rose. Die gesamte Fassade eines Einkaufszentrums zwei Kilometer entfernt von der Detonation sei zerstört worden. «Das Ausmass der Zerstörung ist extrem.»

Bild der Zerstörung: Die Detonation hatte Trümmer und Glassplitter auf die Strassen geschleudert.
Bild der Zerstörung: Die Detonation hatte Trümmer und Glassplitter auf die Strassen geschleudert.
Foto: Hassan Ammar (AP Photo/Keystone) 

Die Trümmer der zerstörten und teils komplett eingestürzten Gebäude erschweren das Durchkommen für die Einsatzkräfte. Unter den Trümmern sollen sich laut Sicherheitskreisen noch mindestens hundert Menschen befinden. «Leute versuchen, Kinder zu befreien, die unter Autos eingeklemmt sind», sagte ein Augenzeuge gegenüber «The National».

Prekäre Situation in den Spitälern

Die Krankenhäuser in der Region sind aufgrund der hohen Anzahl Verletzter bereits am Anschlag, sodass medizinisches Personal Verletzte auf den Strassen behandeln muss. Laut einem betroffenen Mitarbeiter des Kinderhilfswerks Save the Children geben die Krankenhäuser Schwerverletzten den Vorrang.

Erschwerend kommt hinzu, dass manche Krankenhäuser beschädigt oder sogar zerstört wurden. Eines davon ist das St. George Hospital, nur wenige Kilometer vom Hafen und somit der Detonation entfernt. Der Direktor der dazugehörenden Intensivabteilung, Joseph Haddad, schilderte die Situation nach der Explosion gegenüber der «New York Times» als «tiefste Hölle einer Apokalypse». «Die Patienten liefen teilweise vom neunten Stockwerk hinunter, die Aufzüge funktionierten nicht», so Haddad.

«Heute gibt es keinen Unterschied zwischen Mohammed und George.»

Mohammed Badreddine, libanesischer Fotograf

Im St. George Hospital liegt die gesamte Notfallabteilung in Trümmern, der Strom ist ausgefallen. Ein Mitarbeiter des Spitals berichtete dem «Independent» von Patienten, die unter zerbrochenen Fenstern und schweren Stationstüren eingeklemmt worden waren. «Diejenigen, die nicht an die Ventilatoren angeschlossen waren, habe ich, so gut es ging, bewegt. Aber ich sah, wie Menschen verbluteten, ihre Infusionen herausgerissen wurden, einige starben ohne Sauerstoff», sagte der 21-Jährige.

Vor dem Gebäude wurde ein Provisorium an der Stelle eingerichtet, wo sonst Corona-Schnelltests durchgeführt werden. Doch die Behandlung der Patienten gestaltet sich aufgrund des Stromausfalls
als schwierig.

Erinnerungen an den Libanonkrieg

Während die Einsatzkräfte mit dem Aufspüren von Vermissten und der Behandlung von Verletzten beschäftigt sind, rufen die Bilder der Zerstörung den Einwohnern Erinnerungen an Vergangenes wach. Etwa an Attentate, die es immer wieder einmal gegeben hatte, oder den Libanonkrieg vor 14 Jahren. «Ich erinnerte mich an das Jahr 2006 zurück, als Israel den Libanon und ein Gebiet in meiner Nähe bombardierte und ich das Gefühl hatte, ich würde sterben. Das gleiche Gefühl befiel mich heute», sagte der Journalist Mohamed Najem der BBC.

Die Krise offenbare jedoch auch eine Solidarität im sonst von religiösen und politischen Spaltungen geprägten Land, sagte der Fotograf Mohammed Badreddine gegenüber «The National». Die Leute hätten ihre politischen und religiösen Hintergründe hinter sich gelassen und arbeiteten als eine Nation zusammen. «Heute gibt es keinen Unterschied zwischen Mohammed und George, wir sind alle Brüder der Menschheit, die gleichermassen von dieser Krise betroffen sind.»

sho

1 Kommentar
    Marcus Vir

    «Heute gibt es keinen Unterschied zwischen Mohammed und George, wir sind alle Brüder der Menschheit, die gleichermassen von dieser Krise betroffen sind.»

    Es ist traurig, dass es einer solchen Krise bedarf, um das einzusehen.