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Krise in der Herzchirurgie«Die Patienten werden oft nur noch als Werkbank benutzt»

Paul Vogt leitet nach der Affäre um Professor Francesco Maisano neu die Herzklinik am Zürcher Unispital. Er übt Kritik an Medizinern und Politik.

Muss den Ruf der Klinik für Herzchirurgie am Zürcher Unispital retten: Herzchirurg Paul Vogt.
Muss den Ruf der Klinik für Herzchirurgie am Zürcher Unispital retten: Herzchirurg Paul Vogt.
Foto: Sebastian Magnani

Paul Vogt redet schnell, aber präzise. Präzision ist eine Eigenschaft, die zu guten Herzchirurgen gehört. Und Paul Vogt, 63, ist in der Schweiz einer der besten. Bisher wurde er nur dann an die Herzklinik des Zürcher Unispitals gerufen, wenn man von ihm als Konsiliararzt in komplexen Fällen Rat brauchte. Doch seit Mittwoch leitet er die Klinik. Das Tamedia-Recherchedesk hat Ende Mai publik gemacht, wie der bisherige Chef, Francesco Maisano, finanzielle Interessen an Implantaten nicht offenlegte, Publikationen schönte und zum Teil Komplikationen bei Eingriffen unterschlug. Er ist bis auf weiteres beurlaubt und Paul Vogt muss jetzt den Ruf der Zürcher Herzklinik retten.

Herr Vogt, Sie sind seit letztem Mittwoch Chef der Klinik für Herzchirurgie am Zürcher Unispital. Sie übernehmen eine schwierige Aufgabe. Warum tun Sie das?

Um es genau zu nehmen: Ich arbeite als Klinikdirektor ad interim. Das USZ liegt mir am Herzen, es ist «meine» Alma Mater, und mein Ziel ist, dass die Patienten und Zuweiser wieder Vertrauen ins Universitätsspital haben können. Zudem soll es wieder international kompetitive Resultate liefern. Es ist schon fast eine Verpflichtung, zu helfen, denn immerhin geht es um die grösste Universitätsklinik in der Schweiz.

Wie stark hat der Skandal das Vertrauen der Patienten erschüttert?

Ich habe gehört, dass in den letzten Wochen für eine Herzchirurgie wie die des USZ deutlich weniger Patienten planbar operiert worden sind. Meist waren es notfallmässige Eingriffe. Das ist problematisch, weil die Sterberate steigt, wenn man nur noch die schwierigen Notfälle zu operieren hat.

Unsere Recherchen zeigten schwierige Zustände an der Herzklinik. Geschönte Studien, verschwiegene Komplikationen. Wie ist das an einem solch renommierten Spital möglich?

Ob das so stimmt und was genau abgelaufen ist, müssen die verschiedenen Kommissionen und Ermittlungsbehörden herausfinden. Ich schaue in die Zukunft.

Zeigen die Vorfälle unabhängig von Maisano ein allgemeines Versagen?

Es ist ein generelles Problem unseres Gesundheitswesens, dass die klinische Medizin am Patienten immer weniger zählt. Es geht vermehrt um gewinnstrebende Aktionäre, um den Aufbau von möglichst profitablen Start-ups schlussendlich um sehr viel Geld. Die Patienten, so scheint mir, werden in zu vielen Bereichen nur noch als Werkbank gesehen, an der man Geld generiert. Das Ungleichgewicht zwischen der klinischen Medizin für den Patienten und der Forschung am Patienten ist zu gross geworden.

«Einstein sagte das klar: um ein hervorragendes Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.»

Paul Vogt, Klinikleiter ad interim am Unispital

Würden Sie derart starke finanziellen Interessen als Patientengefährdung einschätzen?

Natürlich. Kollegen verschiedener Fachbereiche sagen mir, dass heute finanzielle Anreize rationale, medizinische Entscheidungen mit dem Patienten in Zentrum zu oft überlagern.

Zum Beispiel?

Die entscheidende Frage besteht darin, ob der Patient operiert werden muss und ob er davon profitiert, und nicht, ob er operiert werden kann. Es gibt eine Tendenz, so lange in den medizinischen Akten zu suchen, bis man einen abnormen Wert findet, mit dem man die Indikation zur einer Operation oder Intervention rechtfertigen kann. Das ist ein systemisches Problem, das enorme Gesundheitskosten verursacht.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind es die Chefärzte mit ihren hohen Salären, welche die Kosten in die Höhe treiben.

In der Schweiz gibt es seit einigen Jahren eine Tendenz, die einem Ärzte-Bashing gleichkommt. Die Politik hat eine Atmosphäre geschaffen, die es erlaubt, dass wir in den Medien fast schon jede Woche als Kriminelle, Abzocker und Betrüger dargestellt werden, was für die absolute Mehrzahl überhaupt nicht zutrifft. Das ist demotivierend. Ich kenne Kollegen in meinem Alter oder auch jüngere, die sagen: Zum Glück bin ich fertig, ich halte es nicht mehr aus.

Was genau hält man nicht mehr aus?

Unser Berufsstand muss ständig Einschränkungen über sich ergehen lassen, weil die Politik demonstrieren will, dass sie die Kosten im Gesundheitswesen eindämmt. Dabei liegen die eigentlichen Kostentreiber an einem anderen Ort.

Wo denn?

Es gibt eine interessante Studie aus Amerika, die den Anstieg der Kosten von 1970 bis 2010 angeschaut hat. Die Kosten für die Ärzte haben in diesem Zeitraum um 350 Prozent zugenommen, die Ausgaben für die Administration um 3500 Prozent. Es ist ganz klar: Die grossen Kostentreiber sind unter anderem die überbordende Administrationen, die übertriebene Computerisierung der Medizin oder der Wahn der Digitalisierung. Als ob man einen guten Patientenkontakt digitalisieren könnte. Das ist absoluter Unsinn.

Wer müsste hier eingreifen?

Es wäre die Aufgabe des Berufsverbands der Ärztinnen und Ärzte (FMH), endlich darzulegen, wo das Geld hinfliesst. Man sollte eine Untersuchung starten und bei einer Millionen Franken Krankenkassenkosten eruieren, wie viel Geld davon tatsächlich für medizinische Leistungen am Patienten ausgegeben wird und wie viel für sinnlose Administration, IT, Klinik-Informationssysteme und überteuerte Geräte, die null zusätzlichen Nutzen bieten.

Die Medizin habe zu oft die Forschung im Blick statt das Wohl der Patienten: Herzchirurg Paul Vogt
Die Medizin habe zu oft die Forschung im Blick statt das Wohl der Patienten: Herzchirurg Paul Vogt
Foto: Sebastian Magnani

Auch nach den Vorwürfen gegen Professor Maisano hört man von der FMH nichts.

Es gibt in der Schweiz keine adäquate Qualitätskontrolle, die ihren Namen verdient, und niemand ist daran interessiert. Dass es die Medien sind, die Missstände aufdecken, ist eine Disqualifikation unseres Systems der Qualitätskontrolle. Es wäre Sache der Ärzte selber, der Spitalleitungen, der medizinischen Fachgesellschaften, der Gesundheitsdirektionen und der FMH, genau hinzuschauen. Die müssten sich immer wieder fragen, welche Qualität wir den Patienten in unserem 85 Milliarden teuren Gesundheitswesen bieten, um im richtigen Moment korrigierend einzugreifen. Aber das passiert nicht.

Ärzte wie Maisano setzen in experimentellen Eingriffen ungeprüfte Implantate ein, an deren Erfolg sie finanzielle Interessen haben. Und publizieren danach Fallstudien zu den Operationen. Wird das Spital so zum Versuchslabor?

Derartige Experimente geben der Industrie die Möglichkeit, auf straff kontrollierte Studien zu verzichten, indem sie dank solcher Ausnahmebewilligungen ihre neuen Implantate billig austesten lassen kann.

Patienten werden zu Versuchskaninchen.

Meiner Meinung nach ist das fatal, aber die Heilmittelverordnung erlaubt das per Gesetz. Dass dies möglich ist, haben Leute entschieden, Politiker und Politikerinnen, die mit den Patienten nichts zu tun haben, von der Sache nichts verstehen.

Engagiert sich für den Aufbau der Herzchirurgie in Eurasien – und operiert deshalb in Usbekistan oder auch China: Professor Paul Vogt
Engagiert sich für den Aufbau der Herzchirurgie in Eurasien – und operiert deshalb in Usbekistan oder auch China: Professor Paul Vogt
Foto: Sebastian Magnani

Aber die Heilmittelbehörde Swissmedic muss vor jedem dieser experimentellen Eingriffe zustimmen.

Ja, so sagt man. Aber es ist natürlich so, dass Swissmedic überhaupt keine fachliche Kompetenz hat, um eine Entscheidung für solche Bewilligungen auf Papierbasis zu fällen, ohne den Patienten zu kennen – und das noch in der ganzen Breite der gesamten Medizin. Für solche Spezialbewilligungen brauchte es ein unabhängiges Expertengremium, das entscheidet.

Patientinnen und Patienten werden zum Teil auch ungenügend über Risiken von Eingriffen informiert. Und in vielen Spitälern müssen Ärzte nicht offenlegen, wenn sie finanzielle Interessen an Implantaten haben. Was raten Sie?

Vor invasiven Interventionen und Operationen sollten Patienten eine Zweitmeinung einholen, denn die finanziellen Anreize, zu operieren, sind vielfach zu gross. In vielen Bereichen der invasiven und operativen Medizin gibt es zu viele Ärzte für zu wenige Patienten. Ein grosser Teil meiner Sprechstunden besteht in der Bearbeitung von Zweitmeinungen und in fast 80 Prozent der Fälle sehe ich, dass gar keine Operation angezeigt ist.

«In vielen Bereichen der invasiven und operativen Medizin gibt es zu viele Ärzte für zu wenige Patienten.»

Herzchirurg Paul Vogt

In der Sache am USZ gab es seit Jahren viele Mitwisser. Warum haben diese Mediziner nie etwas gesagt?

Zum konkreten Fall will ich mich nicht äussern. Aber Hierarchien im Spital wird man nie eliminieren können. Es gibt nichts Wichtigeres in der Medizin als die jahrzehntelange Erfahrung, das jahrelange Üben eines Handwerks, zum Beispiel das der Chirurgie. Deshalb gibt es zwischen den Chefärzten, den Leitenden Ärztinnen und Ärzten, Oberärzten und Assistenzärzten naturgemäss grosse, fachlich begründete, hierarchische Unterschiede. Bei schwierigen Fragen muss am Schluss der Chef entscheiden und er muss hinstehen, wenn es schiefläuft.

Man hört, dass Ärzte ihre Chefs nicht kritisieren, weil das die Karriere gefährdet.

Ich bin nicht sicher, ob das nur ein Problem in der Medizin ist. Es ist offenbar heute ein weit verbreitetes Gefühl, dass man Angst hat, seine Karriere zu gefährden, wenn man den Mund aufmacht. Widerspruch und hartnäckiges Nachfragen sollten für einen souveränen Chef aber kein Problem sein.

Braucht es also andere Chefs?

Ein Chefarzt sollte vor allem praktische Fähigkeiten als Kliniker im Umgang mit den Patienten haben. Doch das Motto bei der Besetzung von Chefstellen lautet heute vor allem, dass einer viele innovative Entwicklungen und einen hohen Index bei den wissenschaftlichen Zitierungen vorweisen muss. Es wird sowieso viel zu viel publiziert. Bis zu 95 Prozent der Veröffentlichungen in der Medizin sind fragwürdig, wenn nicht sogar sinnlos.

Was heisst das?

Es braucht schärfere Regeln, was überhaupt publiziert wird. Wir brauchen in der klinischen Medizin nicht primär Leute, die publizieren, keine Schreiberlinge ohne klinische Praxis, keine mit Management-Studium oder unzähligen Computerkursen. Es braucht wieder mehr Kliniker am Patientenbett. Einstein sagte das klar: Um ein hervorragendes Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein. So einfach ist das.

Aber Spitäler wollen mit innovativen Medizinern Ruhm gewinnen.

Heutzutage ist alles Weltklasse. Jeder hat ein Kompetenzzentrum. Viele sogenannte Supererfindungen in der Medizin, die als Weltneuheit einmal bejubelt wurden, werden später still und heimlich vom Markt genommen, weil sie nicht funktionieren. Da braucht es wieder mehr Realitätssinn und Vergleiche mit anderen. Ich baue mit meiner Stiftung in Eurasien neue Herzzentren auf. Dabei habe ich viele junge, sehr talentierte Herzchirurgen getroffen, die mit 27 oder 28 Jahren bedeutend weiter waren als jeder Schweizer Herzchirurg im selben Alter. Sie werden dort besser und schneller gefördert, aber «Weltklasse» kommt ihnen nicht über die Lippen.

Nun können Sie als neuer Leiter der Klinik für Herzchirurgie am Zürcher Unispital eigene Akzente setzen. Wo liegen diese?

Für mich ist klar: Ein Spital, egal ob regional oder universitär, muss primär für die Patienten da sein – und, auch wenn wichtig, erst an zweiter Stelle für die Forschung. Das USZ muss zudem den Nachwuchs ausbilden. Und es braucht eine adäquate Qualitätskontrolle.

Seit dem Publikwerden der Affäre rund um Francesco Maisano hat die Herzklinik weniger Patienten, ausser Notfälle: Universitätsspital Zürich.
Seit dem Publikwerden der Affäre rund um Francesco Maisano hat die Herzklinik weniger Patienten, ausser Notfälle: Universitätsspital Zürich.
Foto: Tom Kawara/TA-BB

Wie soll die aussehen?

In einem ersten Schritt müssen Indikationen für Behandlungen genau überprüft werden. Und dann soll bei jedem neuen Implantat geklärt werden, ob es für den Patienten überhaupt einen Nutzen bringt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Herzklappe wird durch einen neuen Typ Klappenprothese ersetzt eine angeblich fantastische Neuheit. Man braucht statt zwölf Fäden nur noch drei, um sie einzunähen. Und die Operation dauert 20 Minuten weniger. Das wird dann hochgejubelt. Ob das dem Patienten irgendeinen Nutzen bringt, ist fraglich. Sicher ist nur, dass die Neuheit viermal teurer ist als die seit Jahren bewährten Klappen. Neuheiten sollten deshalb nicht mehr kosten dürfen als das Bewährte, bis klar ist, dass sie tatsächlich besser sind. Erst dann dürfte eine Preisfreigabe erfolgen.

Werden Sie zur Verbesserung der Mortalitätsrate in nächster Zeit die Qualität der Operateure überprüfen?

Ja, natürlich. Im Prinzip kann man bei einem Chirurgen sehr früh feststellen, ob es in eine falsche Richtung geht. Falls, muss man herausfinden, warum das so ist. Dann bekommt die Ärztin oder der Arzt Unterstützung, muss also sozusagen nachsitzen. Entweder das Problem löst sich dadurch, oder der Mediziner ist am falschen Ort. Der Wert des klassischen «Lehrers» ist in unserer digitalisierten Zeit total unterbewertet. Man kann 1000 Bücher lesen und 1000 Videos im Web schauen, aber wenn die Jungen nicht die Möglichkeit haben, zu operieren, können sie sich nicht entwickeln.

«Es wird künftig weniger Herzchirurgen brauchen, und es gibt zurzeit schweizweit, gerade auch im Raum Zürich, viel zu viele.»

Paul Vogt

Kardiologen und Herzchirurgen stehen weltweit, aber auch am USZ in einem heftigen Konkurrenzkampf. Worum geht es?

Es ist klar, dass ein Patient nicht am offenen Herzen operiert werden will, wenn man das qualitativ gleiche Resultat mit einer kardiologischen Intervention in örtlicher Betäubung erreichen kann. Die Kardiologen machen zweifellos grosse Fortschritte, auch wenn gewisse die Innovationsfreudigkeit zuweilen übertreiben. Die Herzchirurgie hingegen ist etwas stehen geblieben. Für sie ist es schwieriger geworden. Denn heute macht man die einfachen Eingriffe nicht mehr, die machen die Kardiologen. Das heisst, es ist für die Jungen schwieriger geworden, zu lernen. Es ist vielleicht eine schmerzhafte Erkenntnis, aber es wird künftig weniger Herzchirurgen brauchen, und es gibt zurzeit schweizweit, gerade auch im Raum Zürich, viel zu viele.

Geht es im Konflikt auch ums Ego einiger Exponenten?

Natürlich geht es immer auch ums Ego, aber Ehrgeiz ist wichtig. Die Jungen müssen vorwärtskommen wollen, sonst funktioniert es nicht. Aber es braucht einen Chef, der den Ehrgeiz zwar fördert, ihn aber auch so kanalisieren kann, dass Patienten nicht zu Schaden kommen.

Im Fall Maisano ist der Whistleblower, der auf Missstände hingewiesen hatte, entlassen worden. Er wehrt sich juristisch dagegen. Was soll mit ihm passieren?

Das müssen Juristen und Untersuchungsbehörden entscheiden, nicht ich. Das Problem muss gelöst werden. Eine Klinik kann nicht mit hoher Qualität arbeiten, wenn juristische Querelen bestehen.

Warum nicht?

In einem unruhigen Klima ist es schwierig, zu arbeiten, wenn es um Leben und Tod geht und schwere Komplikation möglich sind. Um operativ hohen Anforderungen zu genügen, braucht es Sicherheit und Ruhe.