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Kommentar zur TigerattackeDie Natur kennt keine Moral

Früher wurden Tiere, die Menschen getötet haben, sofort erschossen – als Bestrafung für etwas, was sie in freier Wildbahn immer machen. Dem Zoo Zürich stellt sich nun aber eine andere Frage.

Nach über zwei Monaten Corona-Pause öffnete auch der Römer Zoo. Ein Paar betrachtet einen weissen sibirischen Tiger hinter einer Schutzscheibe.
Nach über zwei Monaten Corona-Pause öffnete auch der Römer Zoo. Ein Paar betrachtet einen weissen sibirischen Tiger hinter einer Schutzscheibe.
Foto: Andrew Medichini (Keystone)

Bis vor wenigen Jahren hat man wilde Tiere, die Menschen angefallen oder getötet haben, sofort erschossen. (Lesen Sie im Interview, was für Sicherheitskonzepte moderne Zoos haben.) Bestraft wurden sie für etwas, was sie in freier Wildbahn immer machen: Sie jagen oder verteidigen ihr Territorium. Es ist ihr Instinkt, so zu handeln. Die moralischen Kategorien, die Menschen reflexartig anwenden, um das Verhalten der Tiere zu erklären, sind ein Versuch, sie zu vermenschlichen. Wir neigen dazu, Natur so zu denken, als ob sie von Absichten und Intentionen geleitet würdegenauso wie wir selbst. Auch die jüngste Aussage, dass die Tigerin bisher nicht aggressiv aufgefallen sei, fällt in diese Kategorie.

Die Natur kennt keine Moral, und sie kann auch nicht schuldig gesprochen werden. Insofern ist es ein Fortschritt, dass die Tigerin im Zürcher Zoo nicht erschossen oder eingeschläfert wird. Denn die Frage ist berechtigt: Welche absichtsvolle Tat könnte mit einer solchen Strafe gesühnt werden? Und was für eine Gerechtigkeit liesse sich damit herstellen? Es ging bei früheren Erschiessungen von Wildtieren eher darum, dass die Empörung über einen solchen Angriff besänftigt werden sollte. Da das Tier jederzeit wieder zuschlagen konnte, hatte es in den Augen nicht weniger Menschen keine zweite Chance verdient. Deshalbund um die Überlegenheit des Menschen zu demonstrierenschien der finale Schuss gerechtfertigt, auch dann, wenn das Opfer bereits aus den Fängen des Tieres befreit worden war.

Der Zoo sagt viel über die Fähigkeit des Menschen, Wildnis zu bannen, und wenig über sie selbst.

Im Zoo zeigt sich weniger die wilde Natur als der offen zutage tretende Widerspruch im Menschen selbst: Er will die Wildnis bestaunen, aber bloss in einem technisch ausgeklügelten und hoch zivilisierten Ambiente. Nur solange der Schutz durch die Zivilisation gewährt ist, kann man sich der Gefahr aussetzen. So verrät der Zoo viel über die Fähigkeiten des Menschen, Wildnis zu bannen, und wenig über sie selbst. Und wenn einmal die Kontrolle versagt und die Tiere aus den vorgezeichneten Bahnen ausbrechen, ist man schockiert. Dass am Wochenende von «menschlichem Versagen» gesprochen wurde, ist aber als weiterer Fortschritt zu werten.

Ein Magnet für Voyeure

Die Frage, was nun mit der Tigerin geschieht, dürfte die Verantwortlichen beschäftigen: Bleibt sie im Zoo Zürich, wie das derzeit vorgesehen ist, könnte sie ein unfreiwilliges Magnet für voyeuristische Besucher werden, die den «Killertiger» unbedingt sehen wollen. Das Tier wäre quasi auf Bewährung gefangen und trüge den Stempel des Vorbestraften. Um dies zu verhindern, könnte ein Umzug in einen anderen Zoo in Betracht gezogen werden. Doch auch bei diesen Fragen zeigt sich, dass zoologische Gärten viel mit den Projektionen des Menschen und wenig mit dem realen Leben der Wildtiere zu tun haben.