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Gemeinsam gegen die US-SanktionenDie Mullahs eilen Maduro zu Hilfe

Erdölland Venezuela geht das Benzin aus. Der Iran springt ein und schickt Tanker – die Staaten eint ihre Feindschaft gegenüber den USA.

Antiamerikanismus verbindet: Nachdem ein iranischer Öltanker bei Puerto Cabello in Venezuela angelegt hat, beginnen Arbeiter mit dem Entladen.
Antiamerikanismus verbindet: Nachdem ein iranischer Öltanker bei Puerto Cabello in Venezuela angelegt hat, beginnen Arbeiter mit dem Entladen.
Foto: Anadolu Agency (Getty Images)

Im Grunde genommen ist Caracas von der Natur gesegnet: Die venezolanische Hauptstadt wird eingerahmt von grünen Bergen, hinter denen dazu auch noch der Ozean lockt. Ideal zum Wandern, Spazierengehen oder Velofahren, was viele Caraqueños auch taten, allerdings meist nur am Wochenende. Im Alltag verliessen sie sich auf eine andere Segnung der Natur: riesige Erdölvorkommen, die dem Land und seiner Hauptstadt lange Zeit nicht nur Wohlstand brachten, sondern auch Benzinpreise, die so niedrig waren, dass man sie eigentlich nur als symbolisch bezeichnen konnte. Doch damit ist nun Schluss: Das Velo ersetzt für immer mehr Menschen in Caracas das Auto, denn ausgerechnet im Erdölland Venezuela wird das Benzin knapp.

Schuld daran, sagen Kritiker, seien vor allem Missmanagement und Korruption. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wiederum gibt dem alten Erzfeind die Schuld an der Misere: Die USA würden einen Wirtschaftskrieg gegen das Land und seine Bevölkerung führen. Der habe dazu geführt, dass Grundnahrungsmittel genauso knapp sind wie Strom, Leitungswasser und eben auch Benzin.

Corona hat die Krise in Venezuela verstärkt

Die Situation war also schon schwierig, nun aber gibt es ein weiteres Problem: Covid-19. Längst gibt es auch Corona-Infektionen in Venezuela, Ausgangssperren und der Absturz des Ölpreises haben die Krise im Land noch einmal verschärft. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt nun der Fall eines jahrzehntealten Tabus in der venezolanischen Politik: Seit Montag gilt kein staatliches Monopol mehr auf den Benzinverkauf. An 200 privat geführten Tankstellen im ganzen Land darf jetzt Treibstoff zum Weltmarktpreis verkauft werden, 50 amerikanische Cent pro Liter. Auch weiterhin sollen die Menschen aber pro Auto 120 Liter im Monat zum Preis von etwa 2 Cent tanken dürfen. Und damit es an den Tankstellen auch Treibstoff gibt, hat die Regierung jüngst Benzin aus dem Iran gekauft. Fünf Tanker aus der Islamischen Republik erreichten Venezuela Ende Mai.

Beide Länder vereint nicht nur ihr Ölreichtum, sondern auch die Sanktionen, mit denen die USA die Wirtschaftssysteme der beiden Staaten in der Vergangenheit belegt haben. Aufgrund umfassender amerikanischer Sanktionen darf die Islamische Republik, einer der weltweit wichtigsten Ölförderer, keine Erdölprodukte auf dem Weltmarkt verkaufen, was die iranische Wirtschaft sehr hart trifft.

Benzin für die verarmten Venezolaner: Fischer gehen den Strand bei Puerto Cabello entlang, während der iranische Tanker Fortune im Hintergrund anlegt.
Benzin für die verarmten Venezolaner: Fischer gehen den Strand bei Puerto Cabello entlang, während der iranische Tanker Fortune im Hintergrund anlegt.
Carlos Hernandez (AP/Keystone)

Der Iran und Venezuela stellten die Öllieferung anschliessend als Akt der Solidarität dar und als Erfolg im Widerstand gegen ihren Erzfeind USA. Teherans Regierungssprecher Ali Rabiei sagte, die Lieferung habe gezeigt, dass sich die US-Sanktionen umgehen liessen. «Der Iran und Venezuela sind unabhängige Staaten, die miteinander handeln und dies weiter tun werden.» Der Tenor der Äusserungen iranischer Politiker und Militärs war, dass man die US-Sanktionen ausgehebelt und Washington in seinem geopolitischen Hinterhof als machtlos vorgeführt habe.

USA drohten damit, die iranischen Tanker abzufangen

Zuvor hatten die USA angeblich die Möglichkeit erwogen, die iranischen Öltanker mit Kriegsschiffen abzufangen. Teheran hatte daraufhin gedroht: Staatspräsident Hassan Rohani kündigte an, man werde zurückschlagen, falls die USA «Ärger machen sollten». Sein Aussenminister Mohammed Jawad Sarif schrieb einen Brief an den UNO-Generalsekretär und sprach von «hegemonialer Kanonenboot-Diplomatie». Und die iranische Nachrichtenagentur Nur, die als Sprachrohr des Nationalen Sicherheitsrats der Islamischen Republik gilt, liess wissen: «Sollten die USA in Piratenmanier auf den internationalen Seewegen Unsicherheit verbreiteten, gehen sie ein hohes Risiko ein.»

Beim grössten Teil der Lieferung, die dann doch nach Venezuela gelangte, handelte es sich offenbar um gebrauchsfertig raffiniertes Benzin. Der Treibstoff soll zusammen mit kleineren Mengen anderer Ölprodukte einen Gesamtwert von rund 43 Millionen Franken haben. Auf der letzten Wegstrecke waren die Tanker von der Marine Venezuelas eskortiert worden.

«Die USA als ein Staat, der internationales Recht bricht, haben es nicht geschafft, diese Tanker aufzuhalten.»

Hojjatollah Soltani, iranischer Botschafter in Venezuela

Unklar bleibt allerdings, ob sich der Iran das Benzin auch hat bezahlen lassen. Teheran bestreitet vehement, dass Caracas die Rechnung mit neun Tonnen Gold beglichen habe. Der iranische Botschafter in Venezuela, Hojjatollah Soltani, sagte, es gebe andere Wege, und nannte Kompensationsgeschäfte mit Kaffee als Beispiel. Die Benzinlieferung sei zudem in voller Übereinstimmung mit internationalem Recht erfolgt: «Die USA als ein Staat, der internationales Recht bricht, haben es nicht geschafft, diese Tanker aufzuhalten.» Die US-Sanktionen gegen den Iran, Venezuela und andere Staaten verlören zunehmend jede Wirksamkeit. Länder, die sich den Vereinigten Staaten entgegenstellten, «haben nicht nachgegeben».

Die Lieferung, schätzen Experten, wird für mehrere Wochen reichen. Was im Anschluss passiert und ob neue Tanker aus dem Iran in Richtung Venezuela in See stechen, ist noch unklar. In Caracas jedenfalls sind die Preise für gebrauchte Velos in der Zwischenzeit rapide angestiegen.