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Ärzte wollen wieder operierenDie Gefahr für die Patienten wird immer grösser

Die starke Einschränkung der Operationstätigkeit sei inzwischen verantwortungslos, sind etwa die Dermatologen überzeugt. Sie sind nicht die Einzigen, die eine Lockerung der Covid-19-Verordnung fordern.

Ein Arzt untersucht einen Mann auf Hautkrebs: Je nach Befund drängt sich eine schnelle Operation auf.
Ein Arzt untersucht einen Mann auf Hautkrebs: Je nach Befund drängt sich eine schnelle Operation auf.
Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Ein 67-jähriger Patient mit einem schwer abgrenzbaren Basalzellkarzinom an der Nase sollte vorletzte Woche operiert werden. Der Mann hat den Termin verschoben, weil er Angst hat, er könnte sich in der Praxis anstecken und so ein Tumor wachse ja langsam. Für seinen behandelnden Arzt, den Dermatologen Tobias Plaza, ein Beispiel dafür, wie gefährlich der «Operationsstopp» für nicht dringliche Eingriffe werden kann: «Der Tumor könnte sich in den Nasenknorpel und den Knochen ausbreiten. Das würde dann zu einer aufwendigen, schmerzhafteren und mit mehr Risiken verbundenen Nasenrekonstruktion führen.»

Es sei schwierig zu beurteilen, wie dringlich dieser konkrete Eingriff sei, sagt der im Hautzentrum Uster arbeitende Spezialist. Bei vielen Ärzten gehe deshalb die Angst um, ob sie sich noch im Rahmen der Legalität bewegen oder sich sogar strafbar machen, wenn sie zum Skalpell greifen.

Schlimmere Krankheitsverläufe

Die Patientinnen und Patienten sowie die Ärzte würden nun eine Anpassung der geltenden Regeln erwarten, sagt der Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (SGDV). Es sei gefährlich, verantwortungslos und werde zu schlimmeren Krankheitsverläufen führen, wenn man nicht bald wieder wie vor dem Notstand behandeln dürfe, warnt Plaza. In einem Schreiben an den Bundesrat äussert die Fachgesellschaft ihre Bedenken und ihre Sorge um die Patientensicherheit.

Und die Dermatologen sind mit ihrer Forderung nicht alleine: Über hundert Mediziner, zusammengeschlossen in einer Ad-hoc-Gruppierung namens «Ärzte/innen mit Blick aufs Ganze» (Ambag), haben einen offenen Brief an den Bundesrat unterzeichnet. Darin wird unter anderem eine Aufhebung des Lockdown in Arztpraxen und den Spitälern gefordert. Schliesslich zeigten die Fakten, dass es gelungen sei, die Infektionskurve zu glätten. Eine Überbelastung des Gesundheitssystems werde nicht mehr stattfinden.

«Die Spitäler und Kliniken sind hygienetechnisch bestens vorbereitet.»

Josef E. Brandenberg, Präsident des Dachverbandes der Chirurgen (FMCH)

Auch auf höchster Verbandsebene wird der Ruf nach einer Lockerung immer lauter. «Wenn genügend Grundmaterialen wie Anästhesiemittel, OP-Schutzkleidungen und Desinfektionsmittel vorhanden sind, gibt es keinen Grund mehr, die Operationstätigkeit einzuschränken», sagt Josef E. Brandenberg. Er präsidiert den Dachverband FMCH, in dem zwanzig chirurgisch und invasiv tätige Fachgesellschaften zusammengeschlossen sind. Die Spitäler und Kliniken seien hygienetechnisch bestens dafür gerüstet, dass trotz vermehrter Operationen das Ansteckungsrisiko nicht steige.

Wichtige Rahmenbedingungen

Auch der Dachverband der Ärztinnen und Ärzte (FMH) würde eine Lockerung der bestehenden Beschränkungen begrüssen. «Das Aufschieben sämtlicher nicht dringend angezeigter Eingriffe und Behandlungen kann zu schweren Verläufen und Folgeerkrankungen führen», sagt FMH-Präsident Jürg Schlup. Der Verband plädiere deshalb für eine Aufhebung des Verbots, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Ob und wann es genügend Masken, Hygieneartikel oder Narkosemittel gibt, um den Lockdown für die Ärzteschaft aufzuheben oder zumindest zu lockern, müsste das Bundesamt für Gesundheit (BAG) wissen. Dort gibt man sich jedoch bedeckt und kann oder will diese Fragen nicht beantworten. Hat das BAG dem Bundesrat für die Sitzung am Donnerstag zu möglichen Lockerungen bei den medizinischen Eingriffen und Behandlungen überhaupt eine Empfehlung abgegeben? Auch dazu könne sich das BAG nicht äussern, sagt Katrin Holenstein von der Medienstelle. Nur so viel: Der Bundesrat werde über das weitere Vorgehen informieren.

12 Kommentare
    Alexander Wetter

    wie ist es denn mit Augen-Aerzte, Zahn-Aerzte, etc - kann ein Patient überhaupt ein Termin vereinbaren ?