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Eine jüdische Köchin in WienDie Nazis stahlen ihr Kochbuch

Alice Urbach lehrte ganz Wien das Kochen; 1935 veröffentlichte sie ein Kochbuch, es wurde ein Grosserfolg. Dann tilgten die Nazis jede Erinnerung an die Autorin und gaben das Buch als eigenes heraus.

Alice Urbach brachte im Wien der 30er-Jahre vielen das Kochen bei – bis sie vor den Nazis flüchten musste.
Alice Urbach brachte im Wien der 30er-Jahre vielen das Kochen bei – bis sie vor den Nazis flüchten musste.
Foto: Privat

Karina Urbach ist Historikerin und mehrfache Buchautorin, die in Cambridge unter anderem zur Geschichte der Geheimdienste forscht. Jetzt hat sie ein neues Buch geschrieben über das Wien der Zwanzigerjahre, dem Jahrzehnt, bei dem Wissenschaft, klassische Musik und Literatur auf höchstem Niveau betrieben, aufgeführt und veröffentlicht wurden. Das elegant geschriebene Buch handelt von Spionage und Prominenten, auch von den Verbrechen der Nationalsozialisten. Und von einer Frau: Alice Urbach, Grossmutter der Autorin und Spitzenköchin der österreichischen Küche. Da sie erst 1983, mit 97 Jahren, starb, konnte ihre Enkelin sie oft treffen und kannte sie gut.

Alice war vor den Nazis nach England geflohen, wo sie als Dienstbotin arbeitete und später ein Flüchtlingsheim für jüdische Mädchen leitete. Mit Kochunterricht versuchte sie die Kinder vom Krieg abzulenken. Nach Kriegsende zog sie nach New York um, später gab sie in San Francisco Kochkurse und stellte im amerikanischen Fernsehen ihre besten Rezepte vor.

Damit tat sie es der amerikanischen CIA-Agentin Julia Child nach, die mit ihrem Mann nach dem Krieg aus Asien nach Paris zog und dort das französische Kochen gründlich lernte. Sie schrieb ein dickmachendes Buch darüber und wurde mit ihren Rezepten, die sie mit Humor und ohne Belehrungen im Fernsehen darbrachte, zum überraschenden Star.

Während aber Julia Child für ihr Können bekannt und geschätzt war, wurde Alice Urbach die erste Karriere von den Nazis gestohlen. Wie das kam, hat Alices Enkelin Karina dem «Spiegel» erzählt. Ihre Grossmutter wurde 1886 in eine bürgerliche jüdische Familie geboren, in der viel geschrieben wurde. Ihr Vater zum Beispiel verfasste das Buch «Die Juden in Wien». Alice verlor früh ihren Mann und musste ihre beiden Buben allein aufziehen. Sie eröffnete eine Kochschule und wurde schnell bekannt. Man sagt von ihr, sie habe den Wienerinnen und Wienern das Kochen beigebracht.

1935 brachte der Ernst-Reinhardt-Verlag ihre Erkenntnisse in einem Kochbuch heraus. Es hiess, etwas behäbig, «So kocht man in Wien. Ein Koch- und Haushaltungsbuch der gut bürgerlichen Küche». 500 Seiten über Tafelspitz, Wiener Schnitzel, Marillenknödel und Mehlspeisen. Das Buch entwickelte sich zum Grosserfolg und wurde mehrfach nachgedruckt.

«Meine jüdischen Hände auf den Fotos bleiben drin.»

Alice Urbach

Drei Jahre später, nach Hitlers Einmarsch in seine österreichische Heimat, wurde Alice Urbach um ihre Autorenschaft gebracht. Der Verlag folgte den Forderungen der Nazis, gab einen unbekannten Mann als Autor an und tilgte sämtliche Passagen, die auf Urbachs jüdische Kultur und Herkunft verwiesen. «Aber meine jüdischen Hände auf den Fotos bleiben drin», kommentierte sie trocken.

Was Urbach passierte, mussten auch andere jüdische Autoren erleben. Besonders bekannt und auch schamlos erfuhr das der jüdische Stilkritiker Eduard Engel. Seine einflussreiche «Deutsche Stilkunst» wurde von Ludwig Reiners systematisch geplündert. Dennoch nannte er das Vorbild nur einmal in einer Liste von Quellen. Reiners war auch Mitglied der NSDAP gewesen.

Als Alice Urbach nach dem Krieg den Reinhardt-Verlag mit dem Plagiat konfrontierte, mochte sich dieser nicht gross äussern. Man redete sich mit verloren gegangenen Archivakten heraus, Alice bekam also ihr Buch nicht zurück. Wenigstens reagierte der Verlag nach der Veröffentlichung des «Spiegel»-Gesprächs mit Urbachs Enkelin: «Auch wenn dieser Vorgang [damals] rechtlich nicht zu beanstanden war, bewerten wir das damalige Verhalten des Verlages heute als moralisch nicht vertretbar.»

Was Alice Urbach mit ihrem Buch passierte, mussten auch andere jüdische Autoren erleben.

2 Kommentare
    Annalena Moser

    Der Verlag könnte das Buch ja wieder auflegen, diesmal mit dem Namen der richtigen Autorin und eventuell auch einem erklärenden Vorwort. Ich könnte mir vorstellen, dass es interessant wäre für leidenschaftliche Hobbyköchinnen. Ich nehme regelmässig, besonders für die Weihnachtsguetzli, das Kochbuch meiner Mama aus dem Jahr 1936 hervor. Ihre "Meiländerli" waren und sind unübertroffen.