Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu Hollywood und CoronaDie Filmbranche wird kreativ überleben

Kinos schliessen, Blockbusters werden verschoben, viele Aufnahmen sind nicht mehr möglich. Die Filmbranche ist in einer tiefen Krise. Ist sie auch vom Aussterben bedroht? Keinesfalls.

Jimmy Kimmel war zur Verleihung der Emmy Awards im September allein auf der Bühne – aber umgeben von Stars aus aller Welt.
Jimmy Kimmel war zur Verleihung der Emmy Awards im September allein auf der Bühne – aber umgeben von Stars aus aller Welt.
Foto: AP

«Nein.» Wer dieses Wort in Hollywood verwendet, der ist nur zu faul, eine Lösung zu finden. Wer sich in den vergangenen Jahren mit Leuten unterhielt, die bei Produktionsfirmen Rechnungen bezahlen, der hörte stets, warum gerade die amerikanische Filmbranche in der Lage war, ihre Werke wie Kunst zu produzieren und wie Ware zu verkaufen. Wenn es zum Beispiel für die Thrillerserie «Homeland» einen Ort brauchte, der gerade mal 20 Sekunden zu sehen ist, die Stimmung aber perfekt einfängt, dann flog eben jemand für zwei Wochen nach Südafrika und suchte nach diesem Ort.

Das Wort «Nein» ist nun immer wieder zu hören in Los Angeles, und es hat mit der Corona-Pandemie zu tun: Nein, die Kinos in Kalifornien sind nicht geöffnet, die Kinokette AMC schliesst deshalb 127 Filialen in Grossbritannien und 536 in den USA. Nein, die James-Bond-Folge «No Time to Die» wird nicht vor April 2021 zu sehen sein. Und nein, es ist derzeit nicht möglich, Massenszenen wie in «Braveheart» oder «Ben Hur» zu drehen – oder intime Szenen wie jene in ranzigen Restaurants, für die der «Breaking Bad»-Ableger «Better Call Saul» so gefeiert wird.

Ist das ein Albtraum, aus dem diese Branche, in der allein in Los Angeles rund ein Drittel der 650’000 Beschäftigten ihre Jobs verloren haben, erwachen wird – oder ist die Pandemie der Beschleuniger eines längerfristigen Trends?

Die Filmindustrie vermeldete für das vergangene Jahr einen weltweiten Rekordumsatz (101 Milliarden Dollar), die Handelsvereinigung Motion Picture Association betonte, dieses Wachstum sei nicht nur auf Streaming zurückzuführen, sondern dass auch die Erlöse an den Kinokassen so hoch gewesen seien wie noch nie zuvor. Es stimmt schon: Streaming gewinnt weiterhin an Relevanz, kulturell wie finanziell. Disney hat mit der Entscheidung, «Mulan» für 30 Dollar auf der Plattform Disney+ zu veröffentlichen, bereits gezeigt, dass es nicht mehr unbedingt einen Kinosaal braucht – zumal die Kinozahlen für «Tenet», das der Branche Hoffnung geben sollte, ernüchternd gewesen sind.

Wer den Niedergang akzeptiert, der ist nur zu faul, eine Lösung zu finden.

Wenn die Filmbranche aber eines bewiesen hat in den letzten hundert Jahren, dann, dass sie dem immer wieder prognostizierten Niedergang mit Ideen begegnet ist, mit neuen Formaten wie Cinemascope oder mit dem Umbau von Kinos zu Wohlfühlpalästen mit Liegesesseln, Cocktailbars und Bedienung am Platz. Wer den Niedergang akzeptiert, der ist nur zu faul, eine Lösung zu finden. Die Kreativen werden überleben. Wie immer in Hollywood.

Die Luxuskinokette Alamo Drafthouse Cinema vermietet seit ein paar Wochen ganze Kinosäle an Besucher und ist damit derart erfolgreich, dass es nun landesweit versucht wird. Produzent Tyler Perry, gerade vom Magazin «Time» in die Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen, hat auf einem ehemaligen Militärstützpunkt einen sogenannten Biodome errichten lassen: eine Art Kleinstadt wie die Studios in Los Angeles mit Drehorten, Soundstudios und Unterkünften – nur perfekt abgestimmt auf Corona-Regeln. Die Leute arbeiten in «Pods» (Gruppen), alles ist unterteilt in Zonen für möglichst wenig Kontakt.

Corona-gerechte Serien

Drehbuchautoren haben bemerkt, dass sie derzeit Geschichten schreiben müssen, die sich nicht wie Kunst, sondern auch wie Ware produzieren lassen. Die neue Staffel von «Better Call Saul» wird, das steht schon im Drehbuch, an Orten spielen, die typisch sind für den Stil der Serie – an denen es aber auch erlaubt ist, zu drehen. Szenen sind so geschrieben, dass sie den Regeln entsprechen, und die Frau, die nach Drehorten gesucht hat, arbeitet mittlerweile daran, für intime Szenen womöglich Schauspieler zu finden, die auch privat miteinander verbandelt sind und deshalb gemeinsam vor der Kamera agieren könnten. Das Motto: Nicht jammern, sondern kreative Lösungen finden.

Es braucht Inhalte, damit die Menschen ins Kino wollen (oder den Fernseher oder das Handy einschalten), daran arbeiten die kreativsten Leute der Branche – nicht nur in Hollywood, sondern weltweit, und sie geben mit ihren Ideen eine deutliche Antwort auf die Frage, ob die Filmbranche vom Aussterben bedroht ist: nein.

1 Kommentar
    Daniel Beck

    Danke für diesen positiven Artikel! Ich denke genau so! Das Kino wird niemals tot sein. Auf irgendeine Weise wird es "das Kino" immer geben- auch auf Leinwänden ausserhalb der eigenen 4 Wänden! Wenn Leute in meinem Umfeld sagten und sagen (schon vor Corona und jetzt- klar- erst recht) wir hätten sicher Mühe, dann pflege ich jeweils zu sagen: "Ja, aber gejammert wurde auch als das Fernsehen kam, als VHS kam, DVD's...":-)! Wofür ich in dieser Pandemie wirklich- auch-/zumind. für die nähere Zukunft ein grosses Potential sehe, ist bei kleineren Produktionen, Independent-Filmen- insbesondere aus den USA! Dass man möglicherweise ein bisschen stärker wegkommt von Blockbustern, von Prequels, Sequels, Spin-Offs, etc. noch-und-nöcher. Sondern wieder vermehrt auf originelle und neue und innovative Stoffe setzt, auch Wagnisse eingeht. Denn: Wer nichts wagt gewinnt nichts:-)! Also: Auf das Kino! Es wird nicht sterben!