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Kolumne «Miniatur des Alltags»Die blauen Augen

Celia Eugster sinniert über einfache Fragen und schwierige Antworten.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Illustration: Olivier Samter

«Wieso ist der Himmel blau?» «Wieso hat T-Rex so kurze Arme?» «Wieso muss ich jetzt schon ins Bett?» Diese und ähnliche Fragen darf ich mir seit kurzem täglich anhören. Auch wenn von dreijährigen Zwillingsschwestern wohl nicht viel anderes zu erwarten ist, treibt mich ihre grenzenlose Neugierde immer wieder an meine Grenzen. Wieso? Weil ich gerade mal einen Bruchteil ihrer Fragen beantworten kann. Und weil auf jede Antwort sogleich das nächste «wieso folgt. Kürzlich erlebte ich zudem, wie wichtig es ist, ihre Fragen mit Bedacht zu beantworten.

Seit einiger Zeit hegt eine meiner Schwestern eine ungeahnte Faszination für mich. So kam es, dass sie mir letztens ins Gesicht starrte und nach einer Weile verwundert den Kopf auf die Seite legte. «Wieso sind meine Augen nicht blau?» Bevor ich zu einer Antwort ansetzen konnte, stach sie mir ihren kleinen Zeigefinger ins Auge. «Ich will auch blaue Augen.» Ich versuchte es zunächst mit einer logischen Erklärung: «Mama hat doch auch braune Augen.» Und setzte mit einem Kompliment nach: «Aber deine Augen sind doch wunderschön.» Doch die Kleine blieb stur. Als sie schliesslich beinahe weinerlich ein «bitte» hinterlegte, gab ich auf. «Wenn du älter bist. Okay?» Ihr Gesicht hellte sich sogleich auf, und ich wusste, dass ich einen Fehler begangen hatte.

Eine Woche lang herrschte Ruhe, und ich war mir sicher, dass sie mein Versprechen vergessen hatte. Bis sie eines Abends seelenruhig auf ihrer Zahnbürste herumkaute und in den Spiegel blickte. «Jetzt bin ich älter. Darf ich blaue Augen haben?» Ich schüttelte entschuldigend den Kopf. Nein, das gehe leider nicht so einfach. Enttäuschung machte sich auf ihrem Gesicht breit. «Wieso?»