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Wahlen im US-KongressDie blaue Welle bleibt aus

Die Demokraten behalten zwar wie erwartet die Mehrheit im Repräsentantenhaus, doch von einem Sieg im
wichtigen Senat waren sie am Mittwoch sehr viel weiter entfernt, als ihnen vorhergesagt worden war.

Lockerer Sieg: Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez.
Lockerer Sieg: Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez.
Foto: John Locher (AP)

Eines kann man nach dem Wahltag in den USA getrost feststellen, jedenfalls was den Kongress angeht: Die riesigen Verschiebungen zugunsten der Demokraten, wie sie nach den Prognosen der Meinungsforscher möglich erschienen, sind ausgeblieben. Von einer blauen Welle, die das Oberhaus des Parlaments in die Hände der Demokraten spülen würde, war auf Anhieb zumindest nichts zu sehen. Und dass die Demokraten das Repräsentantenhaus halten würden, das hatten vorher nicht einmal die Republikaner bezweifelt. Allerdings blieb die Partei auch da eindeutig hinter den Vorhersagen zurück.

In Iowa, einem Bundesstaat, den die Demokraten den Republikanern hätten abjagen müssen, siegte die hochumstrittene Amtsinhaberin Joni Ernst. Sie hatte sich zuletzt in einer Fernsehdebatte blamiert, weil sie im Gegensatz zu ihrer demokratischen Herausforderin keine Ahnung vom Preis von Sojabohnen hatte – im agrarischen Iowa ein Unding. Obwohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert war, wies sie ihre Konkurrentin souverän in die Schranken.

Hassfigur für die Demokraten

In Maine gewann die Republikanerin Susan Collins gemäss ersten Meldungen. Ihre demokratische Herausforderin Sara Gideon sagte eine für den Wahlabend geplante Erklärung ab. Collins gilt als liberale Vorzeigefrau der Republikaner im Senat; sie stimmte vor kurzem erst als Einzige in ihrer Fraktion gegen die Ernennung der umstrittenen erzkonservativen Juristin Amy Coney Barrett zur Richterin am Supreme Court.

Mit Spannung war das Senatsrennen in South Carolina beobachtet worden, normalerweise ein sicheres Mandat für die Republikaner, zumal Amtsinhaber Lindsey Graham den Südstaat bereits seit 18 Jahren vertritt. Doch diesmal schien alles anders zu werden. Graham hatte sich vom Skeptiker zum glühenden Befürworter des Präsidenten gewandelt. Als Vorsitzender des Justizausschusses peitschte er im Oktober die Wahl Amy Coney Barretts durch den Senat. Das machte ihn zu einer besonderen Hassfigur für die Demokraten – und mobilisierte deren Anhänger. In Jaime Harrison hatte Graham zudem erstmals einen Herausforderer, der ihm in den Umfragen gefährlich nahe kam. Harrison konnte deutlich mehr Geld für Wahlwerbung sammeln. Am Ende reichte es dennoch nicht. Der Senatsveteran Graham lag bereits nach kurzer Auszählung uneinholbar vorn.

Vertritt South Carolina seit 18 Jahren im Senat: Lindsey Graham hat wieder gewonnen.
Vertritt South Carolina seit 18 Jahren im Senat: Lindsey Graham hat wieder gewonnen.
Foto: Sam Wolfe (Reuters)

Da war es dann auch nicht weiter bemerkenswert, dass Mitch McConnell, der Führer der republikanischen Senatoren, in seinem Heimatstaat Kentucky problemlos wiedergewählt wurde – obwohl die Demokraten Unsummen in die Wahlkampagne seiner Herausforderin gesteckt hatten: Am Ende waren es nicht weniger als 100 Millionen Dollar. Völlig vergebens. McConnell kam auf fast drei Fünftel der abgegebenen Stimmen.

Auch sonst gab es am Wahlabend in den ersten Stunden, als an der Ostküste ausgezählt wurde, zunächst keine Überraschungen. Die Republikaner nahmen den Demokraten ein Senatsmandat in Alabama ab. Aber ernsthaft hatte auch niemand erwartet, dass Senator Doug Jones seinen Sitz halten würde. Den hatte er 2017 in einer Nachwahl gegen einen republikanischen Kandidaten gewonnen, dem schwere sexuelle Übergriffe vorgeworfen worden waren. Diesen Verlust hatten die Demokraten sozusagen eingepreist, in dem konservativen Südstaat hat seit Jahren kein Demokrat mehr ein Amt auf Bundesstaatsebene gewonnen, geschweige denn einen Senatssitz. Jones’ Erfolg 2017 war die absolute Ausnahme.

Tatsächlich gelang es den Demokraten, im Südwesten nicht nur New Mexico zu halten, sondern den Republikanern in Colorado und Arizona zwei Sitze abzunehmen.

Gut dagegen sah es für die Demokraten weiter im Westen aus. Dort hatten sie einige populäre Kandidaten aufgestellt. New Mexico konnten sie ohne Probleme halten. Der demokratische Kongressabgeordnete Ben Ray Luján trat als Nachfolger des beliebten Senators Tom Udall an. Luján, ein Latino, gewann in dem Bundesstaat, der unter allen Bundesstaaten den höchsten Anteil an Latinos hat, mit klarem Abstand vor dem Kandidaten der Republikaner.

Tatsächlich gelang es den Demokraten, im Südwesten nicht nur New Mexico zu halten, sondern den Republikanern in Colorado und Arizona zwei Sitze abzunehmen. In Colorado kandidierte der frühere populäre Gouverneur John Hickenlooper, der lange Jahre Bürgermeister von Denver gewesen war. Er schlug Amtsinhaber Cory Gardner, der als einer der kommenden Köpfe bei den Republikanern galt. In Arizona siegte der frühere Astronaut Mark Kelly, ebenfalls ein populärer Kandidat. Er katapultierte Martha McSally aus dem Amt, die vor zwei Jahren vom Gouverneur des Bundesstaates ernannt worden war, um den Sitz zu übernehmen, den über lange Jahre der verstorbene Senator John McCain innegehabt hatte.

Anhängerin von QAnon gewinnt

Bis zum Mittwochmorgen Ortszeit waren ausser Maine drei weitere Senatsrennen noch nicht endgültig ausgezählt, die die Mehrheitsverhältnisse im Senat verschieben konnten: Michigan, North Carolina und Georgia. In allen drei Bundesstaaten lagen in der Nacht die republikanischen Kandidaten vorn.

Unter besonderer Beobachtung beim Kampf ums Repräsentantenhaus standen zwei Rennen – vor allem wegen ihrer politisch umstrittenen Kandidatinnen. In New York gelang es der Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez (31), der wohl populärsten Vertreterin der jungen Linken in der Partei, locker, ihren republikanischen Herausforderer zu schlagen. In Georgia hatten die Republikaner für einen der 14 Sitze des Bundesstaats im Repräsentantenhaus die 46-jährige Marjorie Taylor Greene aufgestellt. Die Demokraten hatten in dem erzkonservativen Wahlbezirk erst gar keinen eigenen Bewerber nominiert. Interessant war die Wahl aber dennoch: Greene ist eine offene Anhängerin der rechten Verschwörungsbewegung QAnon.

20 Kommentare
    Hansueli Hof

    Die erhoffte "blaue Welle" bei Abgeordneten und Senatoren blieb wohl aus, weil zum einen eine Mehrheit der Amerikaner zwar den Herrn Trump nicht mehr will, zum andern aber in ihren Teilstaaten lokale Republikaner wählen.

    Zu den "linken" Demokraten: Wer die USA auch nur ein bisschen kennt, weiss, dass auch die Demokraten alles andere als links sind. Bei uns wären sie "linkstenfalls" eine Mittepartei, eher auf Höhe der FDP.