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TribüneDie anthropologische Konstante

Psychoanalytiker Jürg Acklin beschreibt, was durch die Corona-Krise alles anders geworden ist – und was eben nicht.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Wir Älteren waren und sind ja die physisch vulnerableren während der Corona-Krise. Es galt, uns zu schützen.
Gemäss einer eben durchgeführten Untersuchung sind wir aber psychisch stabiler als die junge Generation.
Keine schlechte Nachricht für uns.

Wir alten Männer sollen uns durch Interesse und Selbstbewusstsein auszeichnen, so weit, so gut. Das soll erklären, weshalb wir den anderen so gerne die Welt erklären, meint der Politologe Michael Hermann. Dabei haben wir es sonst gar nicht so leicht. Heterosexuell, männlich und alt ist geradezu toxisch, wir sind gewissermassen am Ende der gesellschaftlichen Korrektheitsskala, so etwas wie ethische Parias. Deshalb sollte ich weiterhin dankbar sein, dass ich überlebt habe (das bin ich) und schweigen. Auf keinen Fall mehr die Welt erklären, das ist ohnehin schwierig, das können nicht einmal mehr die jungen Philosophinnen und Philosophen. Und dennoch drängt es mich, nicht etwas zu erklären, sondern einfach zu beschreiben.

Am Mittwoch bin ich auf der Seefeldstrasse stadtauswärts Richtung Tiefenbrunnen spaziert. Ein wunderschöner Sommernachmittag , überall Menschen, zu Fuss, auf Trottinetts, auf Velos, auf Motorrädern und in Autos. Sommerlich gekleidete, fröhliche Passanten aller Altersstufen waren unterwegs oder sassen in einem der zahlreichen Boulvardcafés und genossen den Feierabend: das pralle Leben! In den öffentlichen Verkehrsmitteln geschützt durch die verordneten Masken. Ich will jetzt nicht doch noch ins Erklären abdriften, aber mir ist durch den Kopf gegangen, dass alle soziologischen Hochrechnungen über die Wirkung der Pandemie auf die menschliche Psyche ziemlich danebenlagen. Wir sind nicht besser geworden, aber auch nicht schlechter, nicht rücksichtsvoller, aber auch nicht rücksichtsloser, nicht empathischer, aber auch nicht unempathischer. Wir sind, um nicht noch mehr Eigenschaften aufzuzählen, ziemlich gleich geblieben, die anthropologische Konstante ist geradezu unheimlich zäh.

Wir gewöhnen uns an fast alles, das ist einerseits erschreckend, macht aber vielleicht auch unsere erstaunliche Resilienz verständlich, die wir zum Überleben brauchen.

Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker.
Foto: PD