«Der Zweck einer Firma ist nicht nur, Geld zu verdienen»

Roche-Erbe André Hoffmann lehnt die Konzernverantwortungs-Initiative ab. Er erwartet, dass sich Unternehmen ohnehin korrekt verhalten.

André Hoffmann (62) vertritt die Familie als Vizepräsident im Verwaltungsrat der Roche. Foto: Patrick Martin («24 Heures»)

André Hoffmann (62) vertritt die Familie als Vizepräsident im Verwaltungsrat der Roche. Foto: Patrick Martin («24 Heures»)

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Herr Hoffmann, was tragen Sie da für einen regenbogenfarbenen Anstecker am Revers?
Das ist das Zeichen der UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Welt. Das sind ganz wichtige Ziele für den Wandel hin zu einem besseren Leben und einer gesünderen Erde.

Wie sehen Sie dabei die Rolle der Wirtschaft?
Die Wirtschaft kann viel dazu beitragen, damit Veränderungen auf der ganzen Welt umgesetzt werden. Gerade in Ländern, wo die Regierung ihre Bürger nicht schützt, haben Weltkonzerne eine besondere Rolle zu spielen. Die Wirtschaft kann dort mehr verändern als Regierungen oder die Zivilgesellschaft. Der Zweck einer Firma ist nicht nur, Geld zu verdienen. Es geht um die Unterstützung aller Anspruchsgruppen: Bei Roche sind das Patienten, Mitarbeiter, Zulieferer, das Gesundheitssystem und die Aktionäre. Wir müssen für alle Verantwortung übernehmen. Roche wird nicht geführt, um einseitig den Aktionären zu nützen, sondern damit alle profitieren.

Werben Sie damit auch für die Konzernverantwortungsinitiative?
Ich bin leidenschaftlich überzeugt, dass die Wirtschaft eine Kraft des Wandels ist. Es ist ganz richtig, dass ein Weltkonzern wie Roche sich überall so gut benimmt wie zu Hause. Aber dass unbedingt das Schweizer Recht überall angewendet werden soll, wie es die Initiative will, scheint mir falsch.

Lehnen Sie die Initiative ab?
Mir ist wichtig, dass wir Werte haben, die wir überall verteidigen. Angestellte von Roche in Delhi oder Kuala Lumpur sind doch keine anderen Angestellten als diejenigen in der Schweiz. Sie arbeiten für unser Unternehmen, und das ist etwas, das wir sehr schätzen. Wir sind uns unserer Verantwortung in anderen Ländern bewusst. Dass uns jetzt eine Initiative vorschreiben will, wie wir es machen müssen, ist keine liberale Option.

«Ich habe nicht das Gefühl, dass Familienkonzerne grundsätzlich besser sind.»

Der Ständerat entscheidet im Dezember über einen abgeschwächten Gegenvorschlag, und der Vorschlag des Bundesrats sieht lediglich eine Berichterstattung der Konzerne zu Menschenrechtsfragen vor.
Ich bin gegen all diese Vorschläge. Es gibt keine erfolgreiche Firma, die darauf angelegt ist, den Leuten zu schaden. Bei Menschenrechtsfragen ist ein Unternehmen, das seine eigenen Werte verteidigt, sicher viel effizienter als eine rechtliche Vorschrift. Viele Unternehmen machen schon jetzt viel dafür, ohne dass sie per Gesetz bei der Umsetzung eingeschränkt werden.

Ein Pharmaunternehmen wie Roche kann das leichter sagen als etwa ein Rohstoffkonzern wie Glencore, der wegen Umweltschäden, Ausbeutung und Kinderarbeit in Verruf ist. Decken Sie damit nicht auch Glencore?
Ich bedauere, dass es zu dieser Initiative gekommen ist. Ich erwarte, dass sich die Unternehmen so verhalten, dass es sie nicht braucht. Wenn das Parlament oder das Volk etwas beschliesst, um für heimische Unternehmen das Schweizer Recht in andere Länder zu exportieren, dann unterstütze ich das nicht. Wir sollten anderen Ländern nicht unsere Vorstellungen aufzwingen.

Glauben Sie, dass ein von einer Familie kontrollierter Konzern wie Roche andere Werte vertreten kann als Börsenkonzerne, die ständig von Übernahmen bedroht sind?
Ich habe nicht das Gefühl, dass Familienkonzerne grundsätzlich besser sind. Bei uns ist in den letzten vier oder fünf Generationen eine besondere Roche-Kultur entstanden, aber man kann das nicht generalisieren.

Inzwischen achtet auch ein Vermögensverwalter wie Blackrock bei Investitionen auf CO2-Reduktion und auf soziale Standards.
Ja, ich glaube, jetzt geht es langsam vorwärts. Die Wirtschaft muss etwas für die Gemeinschaft tun. Die Konzentration auf die kurzfristige Gewinnmaximierung ist falsch. Milton Friedmans Theorie«The Business of Business is Business» ist nicht mehr aktuell. Wir müssen nicht nur an unserer Profitabilität gemessen werden, sondern auch an unserem Beitrag für die Gesellschaft. Es reicht nicht, wenn die Wirtschaft keinen Schaden verursacht, sie muss einen Nettobeitrag leisten und wirklich etwas an alle zurückgeben.

Sind Sie für die Einführung neuer Messwerte?
Die Idee regenerativer Investments ist zentral. Es gibt schon viele Nachhaltigkeitssysteme, zum Beispiel den Dow Jones Sustainability Index. Es gibt natürlich auch die Public-Relations-Werte: was andere denken, wie wir uns benehmen.

«Mein Grossvater war 90 Jahre alt, als er die Firma verliess.»

Wie steht es mit der Nachhaltigkeit bei Ihrer eigenen Nachfolgeplanung?
Ja, wir überlegen das im Verwaltungsrat. Eigentlich ständig. Wir sind im Dialog mit verschiedenen Altersgruppen, und wir versuchen eine Lösung zu finden, die allen helfen wird. Das wird uns gelingen. Die Führung von Familienfirmen funktioniert nur, wenn die Familie auch eine gewisse Identifikation mit der Firma hat. Diese Identifikation ist bei uns gegeben.

Und wann werden Sie als Vizepräsident im Verwaltungsrat und als Familiensprecher abgelöst?
Die Frage ist, wann der richtige Moment ist, um sich zurückzuziehen. Ich kann das nicht pauschal sagen. Mein Grossvater war 90 Jahre alt, als er gegangen ist.

Sie sind erst 62. Aber auch bei Ihrem Grossvater gab es eine lange Übergangszeit. Denken Sie daran, mit 65 an die nächste Generation zu übergeben?
Ich möchte die Flexibilität behalten. Es muss der Firma gut gehen. Es darf nicht sein, dass die Interessen der Familienaktionäre wichtiger sind als jene der mehr als 90'000 Angestellten von Roche.

Was heisst das jetzt konkret für Ihre Nachfolgeregelung?
Die offizielle Antwort ist: Es gibt Pläne, und die werden wir umsetzen. Wir haben uns etwas überlegt, haben aber noch etwas Zeit. Mein Cousin, Andreas Oeri, der wie bereits angekündigt kommendes Jahr aus dem Verwaltungsrat ausscheiden wird, ist zehn Jahre älter als ich, und mein Neffe Jörg Duschmalé, der nun für den Oeri-Zweig nachrückt, ist sechs Jahre älter als der älteste meiner Söhne.

Erstellt: 28.11.2019, 06:08 Uhr

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