Regensdorf

Handys fliegen über die Gefängnismauer – nun wird gerodet

Geschützt vom Wald beliefern Komplizen die Pöschwies-Insassen mit verbotenen Gegenständen – damit soll jetzt Schluss sein.

Mauer, Zaun und Wald: Das Amt für Justizvollzug will den Sicherheitsperimeter auf dieser Seite des Pöschholzes deutlich vergrössern. Fotos: Urs Jaudas

Mauer, Zaun und Wald: Das Amt für Justizvollzug will den Sicherheitsperimeter auf dieser Seite des Pöschholzes deutlich vergrössern. Fotos: Urs Jaudas

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Laubbedeckte Feldwege, hier und da ein Hündeler oder ein Jogger auf dem Vita-Parcours: Das Pöschholz in Regensdorf wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz gewöhnlicher Wald im Kanton Zürich. Doch das Waldstück grenzt unmittelbar an den Sicherheitszaun und die Betonmauer der Justizvollzugsanstalt Pöschwies, mit 400 Plätzen die grösste geschlossene Anstalt der Schweiz. Der Feldweg zum Wald führt direkt den Gitterzaun entlang, hinter dem der Grünstreifen mit den Überwachungskameras liegt. Von jenseits der Mauer hört man die Pfiffe des Schiedsrichters vom Gefängnis-Fussballplatz.

«Der dichte Wald nimmt uns die Sicht und bietet Deckung, sodass sich Personen unbemerkt bis fast direkt zur Gefängnismauer nähern können», sagt Jessica Maise, Sprecherin des Amts für Justizvollzug. Das erleichtere nicht nur den Einwurf von Gegenständen wie Handys, Drogen oder Waffen ins Gefängnis, sondern auch andere illegale Aktivitäten, vorab nachts. Gemeint sind mutwillige Beschädigungen am Zaun oder Befreiungsaktionen etwa mit Rammbock-Fahrzeugen. «Die Nähe zum Wald stellt für die Sicherheit der JVA Pöschwies ein klares Risiko dar», sagt Maise.

Es gilt, eine Distanz von rund 40 Metern zu überwinden. Allerdings: Der Weltrekord im Handy-Weitwurf liegt bei 101 Metern.

Rund 50 illegale Einwurfaktionen werden laut der Gefängnisleitung pro Jahr in der Pöschwies entdeckt. Bisher seien es vorab Drogen und Mobiltelefone. Letztere sind im Vollzug verboten, weil man damit etwa die Flucht planen oder illegale Kinderpornografie konsumieren könnte. Trotz «umfangreicher Vorkehrungen und einer grossen Aufmerksamkeit», so Sprecherin Maise, gelangen Insassen immer wieder in den Besitz eingeworfener Gegenstände. Grund: Sie können sich auf dem Gefängnisareal und in den Spazierhöfen zu gewissen Zeiten frei bewegen.

Stellt ein Sicherheitsrisiko dar: Die Nähe des Waldes bei der Justizvollzugsanstalt Pöschwies.

Im Pöschwald deuten rot-weisse Metallpfosten mit einem «Kein Durchgang»-Schild neben dem Sicherheitszaun darauf hin, dass sich offenbar Personen jeweils ganz nah zum Zaun vorwagen. Klar wird vor Ort auch: Wer von Hand Gegenstände über die Gefängnismauer werfen will, braucht eine spezielle Wurftechnik. Es gilt, eine Distanz von rund 40 Metern zu überwinden. Allerdings: Der Weltrekord im Handy-Weitwurf liegt bei 101 Metern. Zudem könnten auch Schleudern, Katapult- oder andere Abschussvorrichtungen zum Einsatz kommen. Oder Drohnen mit einem Ausklinkmechanismus.

Kosten stehen noch nicht fest

Jetzt hat das Amt für Justizvollzug den Einwurf-Aktionen den Kampf angesagt: mit einer Ausdehnung des Sicherheitsperimeters im Pöschwald, also jener Zone, die nicht betreten werden kann. «In einer Distanz von ungefähr 70 Metern zur bestehenden Mauer soll ein zusätzlicher Zaun errichtet werden», sagt Sprecherin Jessica Maise.

Der Zaun soll weiter von der

Der innerhalb dieser Zone liegende Wald werde so ausgelichtet, dass die Fläche mit technischen Mitteln überwacht werden kann. Dass eine solche Ausweitung des Sicherheitsbereichs Sinn mache, zeigt sich laut Maise im Nordwesten der JVA Pöschwies. Dort komme der Einwurf von Mobiltelefonen und anderen Gegenständen inzwischen kaum mehr vor. Bauen will die JVA den neuen Zaun «sobald als möglich». Das Baugesuch wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2020 bei der Gemeinde Regensdorf eingereicht und unterliegt dem ordentlichen Bewilligungsverfahren. Die Kosten stehen noch nicht fest.

Sicherheit oder Naturschutz?

Doch der neue Sicherheitszaun im Pöschwald ist umstritten. Der Kantonsrat hat zwar vor rund zwei Wochen eine entsprechende Richtplanänderung mit 122 zu 50 Stimmen genehmigt. Allerdings gegen den Widerstand von Grünen und GLP. Sie kritisieren, dass für die Ausweitung der Sicherheitszone ein Teil des Pöschwaldes gerodet wird – «ein Wald mit Schutzstatus im Gebiet Katzensee», wie der grüne Kantonsrat Thomas Schweizer sagt.

Weiter tangiere der erweiterte Sicherheitsperimeter auch eine archäologische Zone, und es müssten ein beliebter Wanderweg und der Vita-Parcours verlegt werden. Für Schweizer ist nicht einzusehen, warum sich die Bedrohungssituation wegen der Einwürfe über die Mauer in den letzten Jahren derart geändert haben soll, dass nun plötzlich eine solch einschneidende Massnahme nötig wird. «Wieso baut man nicht auf der Gefängnismauer einen Zaun, in dem Handys und Drogen hängen bleiben?» Und Drohnenflüge liessen sich mit dem neuen Zaun ohnehin nicht verhindern. Das Ganze komme ihm vor wie eine «Burggraben-Logik von gestern».

Alternative Lösungsansätze seien nicht genau abgeklärt worden.

Pikant: Der Antrag, auf die Erweiterung des Sicherheitsperimeters zu verzichten, stammte ursprünglich von Martin Neukom – früher grüner Kantonsrat, seit diesem Frühjahr Regierungsrat. In seiner neuen Rolle als Baudirektor sagte er im Parlament: «Ich bitte Sie, den Antrag Neukom abzulehnen.»

Ein zweiter Zaun soll gebaut werden: Der heutige steht rund 40 Meter vor dem Mauer.

Auch GLP-Kantonsrat Thomas Wirth fragt sich, ob es nicht andere Lösungsansätze gebe, bei denen der wertvolle Baumbestand geschützt werden könnte, etwa ein Netz auf der Innenseite der Gefängnismauer. Solche alternativen Lösungsansätze seien nicht genau abgeklärt worden. Weiter weist Wirth darauf hin, dass die Rodung rechtlich angefochten werden könnte.

Skepsis bei Anwohnern

SP-Kantonsrat Jonas Erni dagegen befürwortet den neuen Zaun. «Für uns hat bei dieser Güterabwägung die Sicherheit Vorrang, da der geplante lichte Wald durchaus auch einen ökologischen Mehrwert bieten kann.» Zudem hätten die Gefängnisverantwortlichen glaubhaft darlegen können, dass es Sicherheitsmängel gebe, die behoben werden müssten. Das Amt für Justizvollzug betont, dass zwar «im Bereich des Zaunverlaufs» Bäume gefällt werden müssen, es handle sich aber keineswegs um eine Rodung. Der Eingriff solle «so schonend wie möglich» erfolgen. Zudem sei geplant, das neu eingezäunte Gebiet ökologisch aufzuwerten.

In Regensdorf haben die Zaun-Pläne Skepsis ausgelöst. Gemeindepräsident Max Walter spricht von einer «zwiespältigen Sache». Er pocht darauf, dass die heutigen Fusswege bestehen bleiben. Immerhin müssten Bewohnerinnen und Bewohner im Gebiet Altburg auch künftig diesen Weg zum Bahnhof nehmen können. Walter setzt auf Gespräche mit dem Kanton: «Wir sind bereits vorstellig geworden, um miteinander eine gangbare Lösung zu finden.» Laut dem Amt für Justizvollzug werden die Bedenken der Bevölkerung wegen des Verlaufs und der optischen Erscheinung des Zaunes, der durchgehenden Fusswegverbindung zum Bahnhof und des Erhalts des Waldes sowie des Vita-Parcours «ernst genommen und so gut wie möglich berücksichtigt».

Aufrüsten gegen Drohnen

Weil viele Handys etwa auch mit Warenlieferungen in die Pöschwies gelangen, wird ab nächstem Sommer eine neue Mobile- und WLAN-Detektionsanlage in Betrieb genommen. Sie löst Alarm aus, sobald ein Handy verwendet wird. Auch im Kampf gegen Drohnenabwürfe rüstet die Justizvollzugsanstalt auf. Ebenfalls im Sommer soll ein Detektionssystem zur Früherkennung von Drohnen in Betrieb gehen. Nähere Angaben zur Funktionsweise wollten die Pöschwies-Verantwortlichen nicht machen – aus Sicherheitsgründen.

Erstellt: 13.11.2019, 13:11 Uhr

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