Zum Hauptinhalt springen

China im Zweiten WeltkriegDer vergessene Verbündete

Mit der Kapitulation Japans endete vor 75 Jahren der acht Jahre dauernde Widerstandskampf der Chinesen. Warum die Rolle Chinas im Ausland fast vergessen ist und wie das Leid von damals das Land bis heute prägt.

Chinesische Soldaten trainieren mit amerikanischen Thompson-Maschinenpistolen (1937, geschätztes Aufnahmedatum).
Chinesische Soldaten trainieren mit amerikanischen Thompson-Maschinenpistolen (1937, geschätztes Aufnahmedatum).
Foto: Imago

Es ist der 10. August 1945, als ein Gesandter des japanischen Militärs Ishii Shiro den Rückzugsbefehl überbringt, ein Tag nach Abwurf der zweiten Atombombe über Nagasaki. Der Generalleutnant und Arzt befiehlt seinen Männern im nordchinesischen Harbin, Labore niederzubrennen, Gebäude zu sprengen und Gefangene zu töten. Ishii flieht nach Japan, das am 2. September kapituliert.

Was der Kommandant der Einheit 731 zerstören lässt, wird auf Druck der USA nicht in den Tokioter Prozessen aufgearbeitet. Washington schlägt Ishii einen Handel vor, im Tausch gegen seine Forschungsergebnisse muss er sich nie für seine Verbrechen verantworten.

In geheimen Einrichtungen in der besetzten Mandschurei, später auch in anderen Teilen Chinas und in Singapur, entwickelten Ishiis Wissenschaftler zwischen 1933 und 1945 biologische und chemische Waffen. Getarnt als Abteilung für Prävention von Epidemien, züchteten sie mehr als 50 Viren- und Bakterienarten, die Krankheiten wie Pest und Typhus auslösen, testeten Bomben, die Städte mit Erregern verseuchen sollen. Den Einsatz von mit Pest infizierten Flöhen hielten die Japaner für besonders erfolgversprechend.

Tödliche Versuche an Gefangenen

Schätzungsweise 3500 chinesische und koreanische Zivilisten sowie sowjetische, amerikanische und britische Kriegsgefangene wurden bei Menschenversuchen getötet. Ishii und seine Helfer infizierten sie, sezierten sie bei lebendigem Leibe, vergasten sie, warfen Biowaffen über ihnen ab. Zehntausende infizierten sich und starben in Festlandchina auch an den Folgen biochemischer Angriffe, die Japan im Krieg verübte.

Heute erinnert eine Gedenkstätte in Harbin an die Verbrechen, doch nur wenige im Ausland dürften je von der Einheit 731 gehört haben. Dabei gilt sie in China in Anlehnung an den Massenmörder Josef Mengele, der in deutschen KZs Versuche an Menschen unternahm, als das «Auschwitz Asiens». Kaum ein Ort steht so für das Leid Chinas im Kampf gegen Japan.

Japanische Wissenschaftler bei Menschenversuchen in der chinesischen Provinz Jilin im November 1940.
Japanische Wissenschaftler bei Menschenversuchen in der chinesischen Provinz Jilin im November 1940.
Foto: Imago

Die Einheit 731
, getarnt als Abteilung für Prävention von Epidemien, tötete schätzungsweise 3500 Zivilisten und Kriegsgefangene.

Die Einheit 731
, getarnt als Abteilung für Prävention von Epidemien, tötete schätzungsweise 3500 Zivilisten und Kriegsgefangene.
Foto: Imago
 Eine Gedenkstätte in Harbin erinnert an die Verbrechen, doch nur wenige im Ausland dürften je von der Einheit 731 gehört haben.
Eine Gedenkstätte in Harbin erinnert an die Verbrechen, doch nur wenige im Ausland dürften je von der Einheit 731 gehört haben.
Foto: Imago
1 / 3

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Rolle des ostasiatischen Verbündeten der USA, Grossbritanniens und der Sowjetunion vergessen. Der Krieg zwischen Japan und China wirkt wie ein Nebenschauplatz. Dabei war die junge Republik das erste Land, das der Aggression der Achsenmächte ausgesetzt war. Bis zum Überfall auf Pearl Harbor 1941 kämpfte das Land, verarmt und geschwächt vom Bürgerkrieg, faktisch allein gegen Japan. Wenige Zehntausend schlecht ausgebildete Soldaten standen 800’000 Mann der hochmodernen Armee Japans gegenüber.

Ganz unter japanische Kontrolle fällt jedoch China nie. Nach Kriegseintritt der USA ist es Washingtons Strategie, China im Krieg zu halten, um japanische Kräfte zu binden. 1944 kämpfen chinesische Soldaten mit britischen und US-Truppen in Burma, sichern den Weg nach Indien.

Die Erinnerung ist wach wie nie

Vier Jahre nach Kriegsende setzten sich die Kommunisten gegen die Nationalisten durch und riefen die Volksrepublik China aus – und halten die Erinnerung an den Kampf lebendig. Der Film «The Eight Hundred», der gerade anlief, erzählt von der heroischen Verteidigung einer Fabrik in Shanghai 1937 gegen die Japaner. 2019 noch wurde die Premiere in letzter Sekunde verschoben, denn der Film zeigt den Kampf der Nationalen Armee, die Soldaten verteidigen die Fahne der Republik China, die heute Taiwans Flagge ist.

Doch der Hass auf Japan und vielleicht auch die Corona-Krise heilen nun Wunden, die der Bürgerkrieg riss. «Eines Tages werden wir die chinesische Flagge auf dem Berg Fuji hissen», heisst es im Film, die Nachfahren dürften nie wieder eine solche Demütigung erleiden. Beim Abspann jubeln Kinobesucher und salutieren, im Netz werden Filmzitate hunderttausendfach geteilt.

Das Gefühl chinesischer Identität, die Angst vor erneuter Instabilität und Schwäche, ist nicht nur Propaganda des Einparteienstaats, auch wenn die KP den Widerstandskampf dazu missbraucht. Die Erinnerung an den Krieg ist wach wie nie. Die Staatspresse erinnert Japan daran, wohin sein Machtstreben das Land 1945 brachte. In den Angriffen schwingt Wut mit, dass Japan dank den USA eine dominierende Macht der Region ist. Eine Rolle, die China beansprucht, die es erwartete im August 1945 angesichts der Opfer, die es im Kampf gegen den Faschismus erbrachte. Doch die Rolle wurde China verwehrt, als die Welt nach dem Krieg in zwei Machtblöcke zerfiel. Der Partner der Amerikaner, Chiang Kai-shek, verlor den Bürgerkrieg, es siegte der Kommunistenführer Mao Zedong. Sein Land war nun eine Bedrohung.

Die Fabrikhalle in Shanghai, in der 450 Soldaten fünf Tage gegen 300’000 Japaner kämpften, steht heute noch. Seit dem Film ist das Gebäude mit den Einschusslöchern beliebtes Ziel für Touristen. Die Welt wird sich an uns erinnern, verspricht ein Offizier im Film. Doch tut sie das?

Japans Strategie lautete: Verbrennt alles, plündert alles, tötet alles.

Die Welt erinnert sich vielleicht an das Massaker von Nanjing. Von Ende 1937 an wüteten japanische Truppen in der damaligen Hauptstadt, vergewaltigten Tausende Frauen, 200’000 bis 300’000 Menschen starben. Andere Tragödien sind vergessen. 4000 Menschen starben 1939 im Feuersturm in Chongqing, zwei Jahre später Tausende, als Japan Angriffe flog. Japans Strategie lautete: Verbrennt alles, plündert alles, tötet alles.

Von Ende 1937 an wüteten japanische Truppen in China: Offiziere posieren mit der Sonnenflagge in Nankou, Peking.
Von Ende 1937 an wüteten japanische Truppen in China: Offiziere posieren mit der Sonnenflagge in Nankou, Peking.
Foto: Imago

1938 brachen chinesische Soldaten Dämme am Gelben Fluss, bis zu einer halben Million Menschen ertranken sofort oder starben in der Folge. Angesichts so vieler Opfer konnten sich ausländische Beobachter zunächst nicht vorstellen, dass es eine Verzweiflungstat der Nationalen Armee war, um die Japaner am Vorrücken zu hindern. 1942 und 1943 verhungerten in der Provinz Henan zwischen zwei und drei Millionen Menschen wegen Dürre, Krieg und Korruption. Menschen gruben nach Graswurzeln, Eltern tauschten ihre Kinder gegen Hefeklösse, es kam zu Fällen von Kannibalismus.

Als der Zweite Weltkrieg mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endet, sind in China rund 80 Millionen Menschen vertrieben, zwischen 14 und 20 Millionen gestorben. Die Kommunistische Partei spricht heute von 35 Millionen Opfern. China gehört zu den Siegern, doch das Land liegt in Trümmern. Zu Beginn hoffte Chiang, der Sieg könne das vom Bürgerkrieg zersplitterten Land einen. Doch seine Partei gilt zu Kriegsende als korrupt und unfähig. Die Not ist Grundlage des Aufstiegs der Kommunisten, die später die Geschichte umschreiben und die Nationalen Armee aus den Geschichtsbüchern tilgen.

Touristen in Uniform

Dort, wo der Krieg begann, 1000 Kilometer von Peking in der jetzigen Inneren Mongolei, klettern heute Taxis den Berg hoch. In Hulun Buir stehen sowjetische Panzer zwischen Bäumen, chinesische Touristen haben sich im Museum Uniformen geliehen. Auch der Führer der Tour durch die unterirdische Tunnelanlage, die Japaner nach der Besetzung von Zwangsarbeitern graben liessen, trägt Uniform.

Die Tour beginnt vor einem offenen Buch aus Stein. Auf ihm die Jahreszahlen 1931 und 1945, darüber steht: Niemals vergessen. Dann geht es zu einer Eisenbahnschiene, die verdreht zur Decke ragt.

Es war der 18. September 1931, als die japanische Armee nahe der Stadt Mukden, heute Shenyang, einen Anschlag auf die Südmandschurische Eisenbahn inszenierte, Trümmer von damals liegen heute im Museum von Hulun Buir. Japan hatte im Zuge der Modernisierung und Aufrüstung im 19. Jahrhundert begonnen, seinen Einfluss auf dem Festland auszuweiten. Korea und Taiwan standen bereits unter japanischer Herrschaft, in der Mandschurei nutzt Tokio den inszenierten Anschlag als Vorwand für einen Einmarsch.

Das Datum des Anschlags gehört heute zu den Jahrestagen, die in China jedes Kind kennt. Es erinnert an das Jahrhundert der Demütigung, in dem ausländische Mächte Chinas Schwäche nutzen, es unterwerfen.

Von der Mandschurei, einer Region, die grösser ist als die eigenen Inseln, weitete Japan seinen Einfluss in China aus. Ein Gefecht mit der Nationalen Armee an der Marco-Polo-Brücke löst am 7. Juli 1937 den Krieg aus. Einer der heftigsten Kämpfe tobt um Hulun Buir, 130 Kilometer entfernt von der heutigen russischen Grenze, wo sich die japanische und die sowjetische Armee 1945 gegenüberstehen.

Keine Aussöhnung, keine Aufarbeitung

In China wird der Zweite Weltkrieg, meist nur der «Chinesische Widerstandskampf» genannt, bis heute als Martyrium erzählt. Der Überfall durch Japan, das China eher als einen kleinen Bruder sieht, bestimmt den Nationalismus bis heute. Die Beziehungen zum Nachbarstaat sind die schwierigsten, die das Land pflegt.

Immer wieder eskalieren Spannungen, kommt es zu gewaltsamen Übergriffen. 2012 plünderten aufgebrachte Chinesen wegen eines Streits um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer japanische Supermärkte und Firmen. In Spielfilmen, aber auch in Museen und Gedenkstätten wie Hulun Buir, werden Japaner als grausam, blutrünstig und dumm dargestellt. In Japan sieht es nicht besser aus. Es gibt keine Aussöhnung, keine Aufarbeitung.

Zurück in Harbin. Es ist ein kühler Sommertag im August, eine Gruppe Chinesen besichtigt die Gedenkstätte der Einheit 731. «Unvorstellbar», sagt eine Studentin. Sie will ein Bild vom Foto eines Mannes machen, dessen Haut noch Jahrzehnte später zerfressen ist von Geschwüren. Dann lässt sie ihr Handy sinken. Klassen aus ganz China kommen für das Unterrichtsfach Patriotismus nach Harbin, erzählt ein Museumsmitarbeiter, aber auch etwa 2000 Japaner pro Jahr. Immerhin, sagt er dann.

6 Kommentare
    Wolfgang Renz

    Der "Nationalist" Chiang Kai-Shek war wohl eher ein Kriegsfürst, denn ein Nationalist. Dass die Truppen von Mao den Sieg davon trugen, liegt zu einem wesentlichen Teil daran, dass die Bevölkerung diesen Truppen mehr vertrauten als den marodierenden Banden des Chiang Kai-Shek. Diese Banden terrorisierten plünderten und vergewaltigten, während dem die Truppen von Mao die Menschen gut behandelten.

    Aber der Westen setzte schon immer lieber aufs Pferd von Banditen, hier des Warlords Chiang Kai-Shek, solange diese nur pro westlich waren. Demokratische Gesinnung war da nie ein Kriterium.

    In Taiwan installierten er und seine Offiziere denn auch prompt eine Diktatur ohne die einheimische Bevölkerung zu fragen. Dass sich Taiwan demokratisch entwickeln konnte, hat auch damit zu tun dass diese Bande, die von Festland China fliehen musste langsam ausstarb