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Konjunktur nach der ÖffnungDer Tiefpunkt liegt hinter uns

Jüngste Daten aus der Schweizer Wirtschaft zeugen davon, dass sich die Lage auf tiefem Niveau stabilisiert. Eine Normalisierung dürfte aber noch länger auf sich warten lassen.

Schon am ersten Wochenende nach dem Lockdown wird wieder flaniert, eingekauft und in Restaurants eingekehrt: Impression von der Zürcher Bahnhofstrasse am 16. Mai.
Schon am ersten Wochenende nach dem Lockdown wird wieder flaniert, eingekauft und in Restaurants eingekehrt: Impression von der Zürcher Bahnhofstrasse am 16. Mai.
Foto: Urs Jaudas (Tamedia)

Um 2,6 Prozent ist die Schweizer Wirtschaft im ersten Quartal eingebrochen. Hauptgrund für diese Entwicklung ist der weitgehende Lockdown der Schweizer Wirtschaft. Jetzt interessiert vor allem, wie es nach der Öffnung weitergeht: Folgt einem V gleich nach dem Absturz ein ebenso rascher Aufschwung oder geht es einem U gleich weiter, mit einer anhaltend gedrückten Lage, bis es dereinst wieder aufwärtsgeht.

Um die Entwicklung zeitnah zu beobachten, haben Ökonomen innovative Messmethoden entwickelt. Diese verweisen auf eine deutliche Verbesserung der Lage seit der Öffnung. So zeigt etwa die Auswertung von aktuellen Daten zur Verwendung von Debitkarten Transaktionen in einem Umfang von rund 2 Milliarden Franken an – so viel wie noch in keiner anderen Woche des Jahres. Die Zahlen belegen allerdings nicht eine Normalisierung des Konsums. Viele haben angesichts erstmals wieder geöffneter Geschäfte Käufe nachgeholt, oder sie bezahlen mehr mit Karten als mit Bargeld.

Weitere Messmethoden basieren auf aktuellen Mobilitätsdaten oder auf Finanzmarktdaten und der Medienberichterstattung. Auch diese Indikatoren verweisen auf eine Verbesserung der Lage, stehen aber ebenso wenig für eine Normalisierung. Das gilt auch für herkömmliche Indikatoren wie den Purchase Manager Index (PMI) für die Schweiz im Mai. Er wird aus Umfragen unter Einkäufern grosser Unternehmen erhoben. Im Vergleich zum April ist er zwar leicht angestiegen, steht aber noch immer für eine deutliche weitere Eintrübung der Wirtschaftslage – das gilt besonders für den Dienstleistungssektor. Insgesamt ist weiter mit einem Personalabbau zu rechnen; immerhin soll dieser in einem geringeren Tempo erfolgen als noch im April.

Überraschend starke Exporte

Angesichts der weltweiten Krise hat überrascht, dass die Warenexporte im ersten Quartal um 3,4 Prozent und damit stärker als in den Vorquartalen zugenommen haben. Das geht wie so oft hauptsächlich auf Pharma-Ausfuhren und den Transithandel zurück, widerspiegelt aber nicht die Lage der klassischen Industrie. Deren Wertschöpfung verzeichnete sogar den stärksten Rückgang seit dem Frankenschock von Anfang 2015. Der Verband Swissmem erwartet für die Unternehmen in der Maschinenbau-, Elektro- und Metallbranche erst im kommenden Jahr eine Erholung.

Positiv für diese Branche ist dagegen, dass sich der Franken seit Mitte Mai verbilligt hat. Damals kostete 1 Euro an den Interbankenmärkten wenig mehr als 1.05 Franken, seither ist dessen Preis auf mehr als 1.08 Franken angestiegen. Da die Nationalbank jüngst deutlich weniger an den Devisenmärkten interveniert hat, geht diese Entwicklung auf die gleiche Entwicklung zurück, die sich auch an steigenden Kursen an den Börsen und Kapitalmärkten zeigt: Die Investoren wagen wieder mehr – sichere Häfen wie der Franken sind weniger gefragt.

«Wir wissen nicht, ob es rasch wieder bergauf geht. Wir befürchten, dass das Wunschdenken ist.»

Stefan Brupbacher, Swissmem-Direktor

Auch das steht nicht für eine Normalisierung. Viele Beobachter sehen als Kurstreiber nach wie vor die Geldschübe der Notenbanken. Dazu kommen die massiven Stützungsprogramme der Regierungen. In Deutschland hat die dortige Regierung ihr eigenes Programm am Mittwoch um 130 Milliarden Euro ausgeweitet. Insgesamt hat sie damit 1,3 Billionen Euro zur Bewältigung der Krise bereitgestellt. Davon profitiert indirekt auch die Schweizer Wirtschaft.

Der Tiefpunkt der Krise dürfte hinter uns liegen – das lässt sich auch aus jüngst veröffentlichten Prognosen lesen. Doch damit ist sie nicht ausgestanden. Selbst die Credit Suisse, die anderen Prognostikern in einem Bericht einen «exzessiven Pessimismus» vorwirft, rechnet mit einem historischen Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Schweiz um 3,5 Prozent, andere sogar mit einem von bis zu 8,2 Prozent. In einem anderen Bericht erwartet die CS für die Weltwirtschaft zudem ein Aktivitäts-Level «weit unter dem bisherigen Trend für die absehbare Zukunft». Diese Befürchtung teilt man auch in der Schweizer Wirtschaft. «Wir wissen nicht, ob es rasch wieder bergauf geht», sagt etwa Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher. «Wir befürchten, dass das Wunschdenken ist. Wir gehen eher von einem U aus. Wie lange der untere Balken des U ist, ist eine der grossen Fragen», sagt er.