Negativzinsen: So stark leiden die Firmen

Postfinance hat die Schwelle für Negativzinsen gesenkt. Bei den Unternehmen stösst die Entwicklung auf wachsende Skepsis.

Viele Firmen in der Maschinenindustrie sind stark vom Export abhängig: Eine Turbinen-Produktionshalle. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Viele Firmen in der Maschinenindustrie sind stark vom Export abhängig: Eine Turbinen-Produktionshalle. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Immer weniger Personen und Unternehmen bleiben von Negativzinsen verschont. Ab Dezember wird auch bei Postfinance der Kreis jener Kunden grösser, bei denen solche Abgaben auf ihren Kontoeinlagen belastet werden. Neu müssen dort Sparkonten­besitzer ab einer Einlage von 250'000 Franken – statt wie zuvor 500'000 Franken – Negativzinsen entrichten, wenn sie keine weiteren Dienstleistungen von Postfinance nutzen. Guthaben, die diese Schwelle übersteigen, werden mit einer Gebühr von einem Prozent belastet. Postfinance hat die Schwelle nicht zum ersten Mal gesenkt. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei anderen Banken (lesen Sie hier – tiefe Zinsen, was Sparer nun tun können).

Kein Wunder, wird auch die Auseinandersetzung zur Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) immer härter geführt. Mit einer Lawine von Verlautbarungen, Positionspapieren und Pressekonferenzen kritisieren die Banken und ihre Lobbyorganisation – die Bankiervereinigung – die Negativzinsen. Und die Skepsis zeigt sich auch sonst in der Wirtschaft.

Eine am Donnerstag von der UBS publizierte Umfrage unter 2500 Unternehmenschefs – leitenden Angestellten und Unternehmern – zeugt davon. Fast zwei Drittel der Befragten waren der Ansicht, die schädlichen Folgen der Negativzinsen seien grösser als ihr Nutzen. Selbst ein Fünftel der Chefs von Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihres Absatzes exportieren, teilten diese Ansicht. Laut Daniel Kalt, dem Chefökonomen der Grossbank, ist die Studie repräsentativ für die Schweizer Firmenlandschaft.

Die Negativzinsen sind einer der Pfeiler der aktuellen Geldpolitik der SNB. Mit minus 0,75 Prozent sind sie in der Schweiz so tief wie nirgendwo sonst weltweit. Konkret belastet die SNB einen Teil der Einlagen der Banken auf den Girokonten bei ihr mit diesem Satz. Im September ist sie den Banken etwas entgegengekommen. Den Anteil der von Negativzinsen betroffenen Einlagen der Banken hat sie um beinahe die Hälfte gesenkt.

Eine weitere Senkung droht

Doch der Streit ist deswegen nicht abgeebbt. Denn das Entgegenkommen der Nationalbank wird als Vorbereitung für die nächste Bedrohung interpretiert – eine Senkung der Zinsen noch tiefer in den negativen Bereich. Die Verschlechterung der Weltkonjunktur und eine noch expansivere Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) wären Motive dafür. Mit einer weiteren Zinssenkung rechnet auch die UBS, wie sie zusammen mit ihrer Unternehmensumfrage am Donnerstag bekannt gab.

SNB-Präsident Thomas Jordan machte in einem Interview in der «NZZ am Sonntag» deutlich, dass die Notenbank jetzt mehr Spielraum nach unten hat; das sei «mit ein Grund, warum wir kürzlich die Freibeträge für die Banken erhöht haben, womit sie beim Negativzins entlastet werden», sagte er. Auch die von der UBS befragten Unternehmenschefs rechnen noch für längere Zeit mit Negativzinsen. Rund 14 Prozent glauben sogar, dass sie nie mehr verschwinden, und 41 Prozent, dass sie erst zwischen 2025 und 2029 ein Ende finden.

Die Nationalbank will eine weitere Aufwertung des Frankens verhindern

Die SNB will auf jeden Fall verhindern, dass die Banken aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, am Ende auch Kunden mit kleinen Guthaben Negativzinsen zu verrechnen. Das würde zu einem enormen öffentlichen und politischen Druck auf die Verantwortlichen der SNB führen. Doch viele Unternehmen sind bereits von dieser Politik ­betroffen.

Laut der UBS-Umfrage zahlen schon rund 14 Prozent der Firmen Negativzinsen auf ihren liquiden Mitteln und Spareinlagen. Mit wachsender Firmengrösse steigt der Anteil der Betroffenen. Bei solchen mit zwischen 50 und 250 Mitarbeitenden ist es bereits jedes fünfte Unternehmen. Und diese Firmen reagieren darauf: 20 Prozent von ihnen haben gemäss Umfrage ihr Geld von der Bank abgezogen.

Mit Negativzinsen wie auch mit ihren Devisenkäufen verfolgt die Nationalbank nur einen Zweck: Sie will eine weitere Aufwertung des Schweizer Frankens verhindern. Geld in der Schweiz zu halten, soll unattraktiv werden. Aus diesem Grund setzt die SNB darauf, dass sich die Negativzinsen möglichst in der gesamten Wirtschaft durchsetzen.

Wenn die Banken die Kosten für die Negativzinsen allen ausser ihren Kunden mit kleinen bis mittleren Einlagen weiterverrechnen, wird Geld wie Gift gemieden. Deshalb sind Investoren bereit, etwa dem Bund dafür etwas zu bezahlen, damit sie ihm Geld – über den Kauf von Staatsanleihen – leihen dürfen. Solange das Halten von Geld teurer ist, lohnt sich das. Auf Tiefstständen liegen aber auch die Zinssätze für Ausleihungen, die mit Rückzahlungsrisiken verbunden sind – wie bei Hypotheken.

Politik im Landesinteresse

Darin liegt eine weitere Gefahr der Negativzinsen: Wenn das Eingehen von Risiken zu billig möglich ist – nicht nur auf den Hypothekarmärkten –, steigen die Gefahren für die Stabilität des gesamten Finanzsystems. Am meisten Sorgen macht den Unternehmen aber die tiefe Verzinsung der Pensionskassenmittel. Angesichts der tiefen Zinsen können die Kassen die Renditen nicht erwirtschaften, auf die sie zur Sicherstellung ihrer Rentenversprechen angewiesen sind.

Die Nationalbank bestreitet die Begleiterscheinungen der Tiefzinspolitik nicht. Im Widerspruch zu den Banken und der Mehrheit der befragten Unternehmen erklärte SNB-Präsident Jordan aber, eine «besonders gründliche» Prüfung zeige, dass die Negativzinsen weiterhin notwendig und im Interesse des Landes seien. Zudem seien die Zinsen nicht nur wegen der Politik der Nationalbank so tief. Und würde die Nationalbank die Zinsen wieder auf mindestens null erhöhen – so die Essenz von Jordans Argumenten –, käme es zu einer starken Aufwertung des Frankens. Was die Exporte und damit auch das Wirtschaftswachstum einbrechen liesse und einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge hätte.

Bei ihrem wichtigsten Argument hat die Nationalbank ein Argumentationsproblem – dem Zusammenhang ihrer Negativzinsen mit dem Frankenkurs.

Vonseiten der Banken wird diese Argumentationskette bestritten: Den Franken hält man dort nicht für überbewertet – eine Studie von Pictet behauptet sogar, er sei handelsgewichtet bereits unterbewertet. Ausserdem könne die Exportbranche eine Aufwertung gut verdauen, wie sie das in jüngster Zeit auch geschafft habe. Diese Argumente der Banken sind umstritten. Denn sehr rasche Aufwertungen des Frankens haben der Schweizer Wirtschaft immer wieder schwer geschadet.

Selbst in der Umfrage der UBS wird klar: 15 Prozent der vom Wechselkurs zum Euro abhängigen Firmen gaben an, dass sie bei einem Eurokurs von weniger als 1.10 Franken in die Verlustzone sinken würden, bei stark exportorientierten Unternehmen wäre es ein Viertel. Dass die Exportbranche gut mit einem teuren Franken leben kann, liegt überdies an der Pharmabranche, deren Absätze tatsächlich wenig vom Wechselkurs betroffen sind und die zur Industriebranche gezählt wird. Problematischer ist die Lage aber für viele Exporteure aus der klassischen Industrie.

Beim wichtigsten von allen Argumenten zur Rechtfertigung der Negativzinsen hat die Nationalbank allerdings ein Argumentationsproblem – dem Zusammenhang ihrer Negativzinsen mit dem Frankenkurs. Konkret begründet die Nationalbank ihren Zins von minus 0,75 Prozent damit, dass er tiefer sein müsse als in der Eurozone, wo der gleiche Satz jetzt bei minus 0,5 Prozent liegt. Bei gleichen Zinsen oder einer kleineren Differenz würde eine Aufwertung drohen, weil dann Investitionen im Franken wegen der grösseren Stabilität in der Schweiz attraktiver wären.

Während dieser Zusammenhang für gewöhnliche Zeiten gut belegt ist, gibt es keine einzige empirische Untersuchung von Ökonomen dazu, wie das im Umfeld von Negativzinsen aussieht – auch nicht aus der Forschungsabteilung der Nationalbank. Hier zumindest hat die SNB gegenüber den Banken eine offene Flanke. Denn bereits in mehreren Papieren haben Letztere die von der Nationalbank als Hauptargument ins Spiel gebrachte ­Bedeutung der Zinsdifferenz ­bestritten.

Erstellt: 07.11.2019, 22:42 Uhr

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