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Biografie über Karl LagerfeldDer Sonnenkönig war ein Knecht seiner selbst

Der verstorbene Karl Lagerfeld arbeitete zeitlebens an seiner eigenen Inszenierung. Ein neues Buch zeigt, wie wenig die Kunstfigur des exzentrischen Dandys mit ihm selbst zu tun hatte.

Das Haar war gepudert, das Alter geschönt: Karl Lagerfeld wollte nicht, dass die Welt ihn so sah, wie er wirklich war.
Das Haar war gepudert, das Alter geschönt: Karl Lagerfeld wollte nicht, dass die Welt ihn so sah, wie er wirklich war.
Foto: Thibault Camus (Keystone)

Andere Modemarken haben ein Krokodil als Erkennungszeichen oder einen Polospieler. Karl Lagerfeld war sein eigenes Logo. Seine Silhouette – im Nacken zum Zopf gebundenes Haar, markante Brille, Stehkragen – war sein Erkennungszeichen. Sorgfältig konstruierte Lagerfeld das Bild eines exzentrischen Dandys mit Birmakatze auf dem Arm. Und schuf damit eine Kunstfigur, die eigentlich so gar nichts mit ihm zu tun hatte. In Wahrheit war Lagerfeld ein nüchterner Kontrollfreak, dem nichts daran lag, Privates preiszugeben. «Jeden Morgen habe ich meine kleine Styling-Viertelstunde, dann inszeniere ich die Marionette», sagte er.

Zu lesen ist dieser Satz in einer neuen Biografie über Karl Lagerfeld, der im vergangenen Jahr mit 85 Jahren verstorben ist. Den wohl erfolgreichsten und gleichzeitig unnahbarsten Modeschöpfer der Geschichte aufzuschlüsseln, ohne seinen Mythos zu überhöhen, zumal nach seinem Tode: keine leichte Aufgabe. Alfons Kaiser, langjähriger Modekritiker der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», hat sie gut gelöst. Sein Werk «Ein Deutscher in Paris» ist nicht das erste literarische Werk über Karl Lagerfeld, aber wohl das detaillierteste. Der Autor hat mit mehr als 100 Verwandten, Freunden, Nachbarn, Geschäftspartnern gesprochen und Lagerfelds deutscher Herkunft viel Platz eingeräumt. Die Energie des Designers, die selbst an seiner Beisetzung noch spürbar gewesen sei, «musste doch von irgendwoher gekommen sein. Aber woher?»

Der Stachel in seiner Brust

Ja, woher kam der unablässige Ehrgeiz von Karl Lagerfeld, der ihn mehr als sechs Jahrzehnte lang antrieb, als freischaffender Modeschöpfer, Fotograf, Kurator, Buchhändler, Verleger und Sammler? Die implizite These des Autors würde wohl lauten: in seinen Anfängen. Der Vater geschäftete erfolgreich mit Kondensmilch, war distanziert und abwesend. Die Mutter feministisch, gleichzeitig boshaft und von unerbittlichem Ehrgeiz getrieben («Sprich bitte schneller, damit du mit dem Stuss, den du redest, bald zu Ende kommst.»). Geld und Geist waren in der Hamburger Grossbürgerfamilie also da, Geborgenheit weniger. Im Buch wird einmal die These aufgestellt, dass dies den Stachel in Lagerfelds Brust geformt habe: Sein ganzes Leben habe er der dominanten Mutter zu genügen versucht.

«Karl Lagerfeld blieb der ewige Zweite.»

Biograf Alfons Kaiser

Seine Biografie war für Lagerfeld nur ein weiteres Instrument zur Inszenierung seiner selbst. Die bekannteste Schummelei betraf sein Alter, er machte sich fünf Jahre jünger. «Ich bin generationsübergreifend, also spielt mein Alter keine Rolle», sagte er. Kaisers Buch, eher ein Lagerfeld-Lexikon denn eine Biografie, widerlegt solche Tricksereien mit fast schon akademischer Detailtreue. Abgesehen von wenigen Längen lesen sich die 330 Seiten trotzdem flüssig. Man hat auch nicht den Eindruck, da wolle ein enger Weggefährte unkritisch einem durchaus umstrittenen Exzentriker huldigen. Natürlich ist das Buch eine Würdigung, doch fehlen auch Anekdoten nicht, bei denen Lagerfeld zweifelhaft wegkommt. Etwa, wenn der Designer behauptete, er (dessen Eltern mit den Nazis sympathisierten) habe als Kind vom Zweiten Weltkrieg überhaupt nichts mitbekommen.

Der junge Lagerfeld wird als vergeistigter Aussenseiter beschrieben, der schon mit 15 Jahren Sakko und Siegelring trug. Kaum volljährig, entschwand er nach Paris. Seinen ersten Job als Assistent bei Pierre Balmain bekam er mit 21, nachdem er einen Modewettbewerb für den Entwurf eines kanariengelben Wollmantels gewonnen hatte. Auf dem Siegerfoto von 1954 sieht man Lagerfeld stramm im Anzug auf der Bühne stehen, neben ihm ein junger Mann: Yves Saint Laurent, auch er hatte einen Preis erhalten. Die beiden sollten erst Freunde, dann Feinde und später zwei der bedeutendsten Modeschöpfer überhaupt werden.

Ihre gegenseitige Abneigung lag nicht nur daran, dass sie den gleichen Mann begehrten, den schnöselhaften jungen Jacques de Bascher – die erste und vermutlich auch letzte grosse Liebe Karl Lagerfelds. Sie hatte auch damit zu tun, dass der deutsche Designer, der Getriebene, nie ganz an Yves Saint Laurent herankam, was die prägenden Einflüsse in Mode, Film und Kunst betraf. «Karl Lagerfeld blieb der ewige Zweite», schreibt Kaiser.

Erst mal aber tauchte der junge Lagerfeld in Paris ab in sein neues Leben, genoss die Gesellschaft anderer Kreativer und Models, «die ihre Zigarette im richtigen Winkel zwischen den schmalen Fingern hielten». Auch seine Homosexualität war hier akzeptiert. Seine Karriere nahm Fahrt auf, am Ende war er 53 Jahre lang Kreativchef bei Fendi und 35 Jahre bei Chanel – Rekord. Dazu kamen das Label «Karl Lagerfeld» und wechselnde Gastauftritte für andere Modehäuser.

Zur Berühmtheit wurde er in den Achtzigerjahren, als sich die Branche professionalisierte. «Luxusunternehmer wurden zu Milliardären, Models zu Supermodels, Designer zu Stars», schreibt Kaiser. Lagerfeld manövrierte sich mit preussischer Disziplin durch seine vielen Engagements. In seiner Wohnung sollen drei Schreibtische gestanden haben: einer für französische Briefe, einer für deutsche, einer für englische. In den Neunzigern bestritt er zeitweise vier Schauen: Chanel, Chloé und Karl Lagerfeld in Paris sowie Fendi in Mailand. Auch den Aufstieg der Billigmode machte er mit; er war 2004 der Erste, der für H&M entwarf.

Er wurde zum Halloween-Motiv

So opulent seine Schauen daherkamen: Lagerfeld war ein Asket. Keine Drogen, kein Alkohol. Seine einzigen Exzesse erlaubte er sich beim Essen. Eine Journalistin notierte einmal: «Er frisst Schokolade.» Dazu trank er literweise Cola. Nach 2000 speckte er in einer radikalen Diät ab und verwandelte sich in die ikonische Figur, die wir heute vor Augen haben: Sonnenbrille, weisses Haar (es war gepudert), steifer Hemdkragen, schmaler Sakko, Silberschmuck. Geboren war seine Rüstung, die er bis zu seinem Tod nicht mehr ablegte.

Kaiser schreibt treffend: «Vom Logo zur Karikatur ist es aber nicht weit.» Den Lagerfeld-Schattenriss gibt es heute als T-Shirt-Aufdruck und Emoji. Vor einem Jahr, wenige Monate nach seinem Tod, gehörte Karl Lagerfeld zu den beliebtesten Halloween-Motiven.