Dietlikon

Der Schwanengesang der grossen Piatti

Der Dienstag brachte das Ende einer Ära: In einer Onlineauktion war alles, was noch verkauft werden konnte, versteigert worden, vom Stuhl für 5 Euro bis hin zur Ausstellungsküche für 7700 Euro. Am Dienstag wurden die letzten Hinterlassenschaften der Firma abtransportiert.

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Etwas verloren steht er da, der Weihnachtsbaum. Er ist mit seinen grossen, roten Kugeln ein kitschiger Farbtupfer im ersten Stock des ehe­maligen Hauptgebäudes des Küchenbauers Bruno Piatti AG. Und während die kleine Kunsttanne tapfer weiter ihren Baum steht, ihre Plastiknadeln trotzig dauergrün, geht um sie herum gerade die Welt unter.

Es ist Dienstag, der 5. Juni 2018. Es ist das Ende einer Ära. Das einst stolze Küchenunternehmen mit über 180 Mitarbeitern musste zwar schon im letzten Herbst definitiv Insolvenz anmelden und die Produktion wurde schon 2014 nach Süddeutschland verlegt, nachdem die Firma nach Deutschland verkauft worden war. Doch die definitive Tilgung der letzten Überreste findet heute statt, an dem Tag, an dem alles abtransportiert wird, was noch irgendwie von Wert ist.

857 Positionen waren vor diesem Dienstag im Internet per Auktion angeboten worden. Fast alles, was verscherbelt werden konnte, wurde auch verkauft: Die Kaffeemaschine auf der Ausstellungsebene. Separat dazu ein paar Säcke Kaffeebohnen. Alte Computer und Drucker. Mo­dernste Ausstellungsküchen. Ein kleiner Lieferwagen. Und ja, auch der Plastikchristbaum im ersten Stock. Am günstigsten versteigert wurde ein Stuhl für 5 Euro, am teuersten eine Küche für 7700 Euro.

Der Schwanengesang des einst grossen Unternehmens, welches Bruno Piatti 1948 in einer Scheune mit drei Mitarbeitern lanciert hat, ist das Surren der Akkuschraubenzieher, die während der Demontage der letzten Küchen zum Einsatz kommen. Vielleicht ist es für die ehemaligen Mitarbeiter ein kleiner Trost, dass die Küchen nach halb Europa versteigert wurden. Vor dem Hauptgebäude stehen kleine und grössere Lieferwagen aus Frankreich, Deutschland oder auch aus Belgien bereit.

Was die ehemaligen Angestellten vielleicht auch freut: Viele der Produkte haben stolze neue Besitzer gefunden. So zum Beispiel Gilles Debondt, der extra mit vier Familienmitgliedern angereist ist, um seine neue Küche mitzunehmen. Sie soll sein Haus in den Niederlanden zieren. Abmontieren muss Debondt die Küche aber selbst. Seinem Gesichtsausdruck sieht man an, dass er nicht mehr ganz so davon überzeugt ist, dass das eine gute Idee war. «Mit den ganzen Zollvorschriften, der Demontage und dem Aufbau in Holland wird das eine ziemlich komplizierte Geschichte», erklärt er und kratzt sich am Kopf, während sein Bruder gerade eine ganze Wärmeschublade auf einen Rollwagen lädt. Zwei weitere Verwandte sind derweil mit dem Rückbau einer Kochinsel beschäftigt. Um halb 10 Uhr morgens sind sie noch nicht unter Zeitdruck, aber bis spätestens um 16 Uhr muss das letzte Piatti-Kapitel beendet sein. Alle versteigerten Positionen müssen dann abtransportiert sein.

Ein paar Meter weiter wirkt Familie Ramsauer im Vergleich zu den Debondts etwas ent­spannter – obwohl auch sie ein gutes Stück Arbeit vor sich haben. «Wir haben eine 17-teilige Küche ersteigert»,sagt Klaus Ramseier. Der Vorteil: «Die Küche ist bereits abmontiert und in die ­einzelnen Komponenten zerlegt worden», erklärt Ramseier. Der Transport dürfte deshalb kein Problem sein. «Aber bei der Montage werden wir Hilfe benötigen.»

Im Erdgeschoss zieht Daniel Sigrist ein Wägelchen voller Waren hinter sich her. «Solche Versteigerungen sind ein Hobby von mir», erklärt er, der im Kanton Basel-Landschaft wohnt. In Dietlikon ist ihm ein Schnäppchen gelungen: «Für mein Gartenhäuschen habe ich buntes Geschirr, ein paar Küchentücher und ein paar Lampen gefunden.» Das sei als Ausbeute ziemlich okay. An sein bisher bestes Schnäppchen an einer Auktion kommt es aber nicht heran. «Ich konnte mal ein paar fast neue, hochwertige Fitnessgeräte ergattern», verrät Sigrist.

Die Auktion hat auch Menschen mit einem Gespür für das Geschäftliche angelockt. Im ehemaligen Bürogebäude räumt Paola Budomir einen muffigen Schrank aus. «Mein Onkel hat eine Firma in der Metallindustrie und hat hier ein paar alte Arbeitskleider ersteigert.» Sie hat dann auch selbst auf ein paar Sachen geboten. «Einen Teil davon, wie ein paar Küchenutensilien und Dekomaterial, behalte ich selbst. Aber einen Teil davon werde ich verkaufen», erklärt sie. So hat sie zum Beispiel einen Posten von 500 Bratenwendern erstanden, die sie jeweils im Fünferpack ­weiterverkaufen wird.

Um 16 Uhr ist das Spektakel vorbei. Die vier Mitarbeiter der Troostwijk AG, eines auf Versteigerungen spezialisierten Un­ternehmens, haben einen an­strengenden Arbeitstag hinter sich. Sie haben der Bruno Piatti AG quasi das letzte Geleit gegeben. Die alten Büros und leeren Ausstellungsflächen sind alles, was noch von der einst florierenden Firma im Osten Dietlikons übrig geblieben ist. Und doch hinterlässt dieser Tag auch ein gutes Gefühl. Viele Dinge werden wieder zum Einsatz kommen. Sogar der kleine Weihnachtsbaum hat ein neues Zuhause. Für 25 Euro hat ihn jemand vom ­ersten Stock gerettet. Ungebeugt sorgt er nun in Wetzikon für gute Stimmung.

Erstellt: 06.06.2018, 10:54 Uhr

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