Zum Hauptinhalt springen

Kolumne «Miniatur des Alltags»Der Polizist hinterm Vorhang

Eine Kolumne über Nachbarschaft und das Beobachten.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Illustration: Olivier Samter

Wer kennt ihn nicht, diesen Nachbarn, der jeden und alles im Blick hat. Egal ob jemand seinen Abfall nicht ausreichend frankiert oder verdächtig durchs Quartier schleicht, ihm entgeht nichts. Im Volksmund wird darum gerne vom Polizisten hinterm Vorhang gesprochen. Dies auch darum, weil er, wo er veritables Unrecht wittert, auch nicht davor zurückschreckt, die «echten» Gesetzeshüter einzuschalten.

Mich selber befremdet ein solches Verhalten zutiefst. So eine bin ich nicht und will ich nie sein.

Doch plötzlich reisst mich ein schrilles Klingeln aus dem Traum. Sofort sitze ich aufrecht in meinem Bett. Mein Blick wandert zum Wecker. Kurz vor zwei Uhr nachts. Was kann …? Es klingelt erneut. Ich schleppe mich zur Wohnungstür. «Hallo?», rufe ich in die Gegensprechanlage. Nichts. Doch! Da fällt die Haustür ins Schloss. Ich höre Schritte im Stiegenhaus. Sofort presse ich mein Auge an den Türspion. Ein Mann torkelt in mein Bild. Den Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen, schwankt er von einer Wand zur anderen und bleibt dann mitten vor meiner Wohnungstüre stehen.

Die Person ist mir gänzlich unbekannt. Meine Atmung beschleunigt sich. Was machen? Auf Zehenspitzen renne ich ins Schlafzimmer und greife zum Handy. Flüsternd schildere ich dem Kantonspolizisten in der Einsatzzentrale meine Situation. Eine Patrouille komme, versichert er. Ich haste zurück zum Türspion.

Ein Ruck scheint durch den Mann hindurchzugehen. Er setzt sich in Bewegung, torkelt die Treppe hinunter und zum Haus hinaus. Ich greife zum Telefon, eile ans Fenster. Der Mann ist fort. Die Polizeipatrouille kommt dennoch. Mit Taschenlampen suchen sie das Quartier ab. Dabei leuchten sie auch hinter Abfallcontainer und parkierte Autos. Die Augen des Polizisten hinterm Vorhang begleiten sie.