Der Mann von der Förderung fragte: «Ist das ein Thema?»

Natascha Bellers Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» ist der einzige Schweizer Film auf der Piazza in Locarno. Das Drehbuch wollte niemand finanzieren.

Natascha Beller ist mit ihrem Erstling auf der Piazza Grande in Locarno vertreten.

Natascha Beller ist mit ihrem Erstling auf der Piazza Grande in Locarno vertreten. Bild: Locarno Film Festival/Ottavia Bosello

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Natürlich ist die Schweizer Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» nicht immer lustig. Ein paar Gags fallen so flach, dass es wehtut. Aber wenn sie komisch ist, dann ist sie richtig komisch und lässt das ganze schlaffe Sich-witzig-finden hinter sich, das man in der Schweiz seit Ewigkeiten als Humor durchgehen lässt. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Protagonistin Leila (Michèle Rohrbach, ein komödiantisches Grosstalent) einen Regentanz macht um ihren Campinggrill und immer wieder ruft «Ich bi di Nöchscht, wo es Chind überchunnt!». Das ist delirierender Blödsinn, in dem der Wahnsinn der ganzen Wahrheit steckt. Ein Superquatsch, auf den nur Superschlaue kommen.

Das Wunder: Die Selbstbefreiung des Schweizer Humors funktioniert innerhalb des Formats der amerikanischen Liebeskomödie – hohe Pointendichte, viel Tempo, die Handlung wird stark zugespitzt. Gedreht hat den Film die 37-jährige Zürcherin Natascha Beller, Autorin und Regisseurin bei «Deville Late Night». Ihr «Deville»-Kollege Patrick «Karpi» Karpiczenko hat die Kamera gemacht, und wenn man die beiden kennt, weiss man, dass es aus den Schreib-Sessions oft nur die anständigeren Witze in die Satiresendung schaffen, der Rest dreht sich oft um Penisse.

Beller ist die Tochter des Bauunternehmers Walter Beller, vor allem aber das Kind von Blödelkomödien wie «Hot Fuzz». Dort habe sie sich die Schnittübergänge genauer angesehen, sagt sie beim Treffen in Locarno. Liebeskomödien mag sie gern, aber ihr Kinodebüt sei ja doch eher eine unromantische Komödie. «Das Genre hat sich inzwischen ausgeleiert.» Da brauche es auch unsympathischere Frauenfiguren, so wie jene von Amy Schumer in «Trainwreck».

Der Trailer. Video: Cineworx/Youtube

Diese Figur holt sich von den Männern, was sie will, und in «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» will Leila auch unbedingt etwas: ein Kind. Sie ist ja doch schon über 30, und die anderen haben auch alle eins, also los. Ihre Schwester Amanda (Sarah Hostettler) ist bereits schwanger und dazu erfolgreiche Architektin (wobei das mit der Vereinbarung von Baby und Beruf dann kompliziert wird, vor allem auf der Baustelle). Und was hat Leila bei sich zu Hause? Die Spätfolgen eines One-Night-Stands, einen Typen, der sie «Müüsli» nennt und zum Thema Kinder sagt, darüber könne man ja morgen noch reden. Weg damit, aber was nun? In den Dating-Kampf der Ü-30?

Bund will Zurich Film Festival das Geld abdrehen
Mittels einer Gesetzesänderung will der Bund verhindern, dass gewinnorientierte Institutionen künftig Kultursubventionen erhalten – dazu gehören auch Filmfestivals, die gewinnorientierten Unternehmen gehören. Die in Locarno angekündigte Änderung trifft speziell das Zurich Film Festival (ZFF), das im Besitz der NZZ-Mediengruppe ist. Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat dem ZFF bereits einmal die jährliche Unterstützung von 250’000 Franken entzogen und eine organisatorische Entflechtung gefordert, worauf die Subventionen wieder bezahlt wurden. Jetzt wird das Geld wohl ganz abgedreht. Die Festivalleitung aus Nadja Schildknecht und Karl Spoerri findet es «unlogisch, dass ausgerechnet das nicht gewinnorientierte Zurich Film Festival, das sehr viel für den Schweizer Film tut und den Crossover zum ganz normalen Publikum schafft, nun mit einer ‹Lex ZFF› von der Unterstützung ausgeschlossen werden soll.» Auf Wunsch des BAK habe sich das ZFF organisatorisch neu aufgestellt. «Dass das BAK nun mit einem neuen Winkelzug die Unterstützung entziehen will, verstösst gegen Treu und Glauben der zuvor getroffenen Vereinbarung.» (blu)

Die Witze holt Beller direkt aus dem Leben. Wenn Leila in Zürich Männer anflirtet, fürchten die sich vor allem davor, dass die Frauen Löchli ins Kondom machen, oder sie lösen sich gleich in Luft auf, sobald Leila ihr Alter verrät (Beller hat das selbst so erlebt). Im Ausgang muss sie die Teenagerinnen fragen, was die «Zuki» sei (ein Club an der Langstrasse). Die Kriegsbemalung, die sie sich für die Partnersuche aufgetragen hat, verwandelt sich auf der Tanzfläche in einen Ü-30-Stempel – etwas, was laut einer Kollegin «nur mit sehr viel Alkohol weggeht». Die Erzähleinfälle sind originell – ein Kampf zwischen Leila und einer anderen Single-Frau wird als Western-Duell inszeniert –, die Typologien der Mütter, von alleinerziehend bis karrierefixiert, bleiben eher Typologien, aber auch das gehört zu den Regeln der Klamaukkomödie.

Vor allem, weil Beller beide Seiten zeigt, auch Amandas Mann, der schon um Hilfe ruft, wenn zu Hause der Schoppen umkippt, und dann einen Bauarbeiter vorschickt, der ihr stellvertretend die Vorwürfe vorträgt. Aber was ist dümmer, die lächerliche Solidarität unter Männern oder die kindische Konkurrenz unter Frauen? Am Ende extremisiert Beller Leilas Kinderwunsch in einer Weise, dass der Irrsinn gesellschaftlicher Erwartungen scharfgestellt wird. Kinderkriegen – es ist zum Verrücktwerden.

«Wenn ich an einem Apéro keinen Alkohol trinke, werde ich sofort gefragt: ‹Bist du schwanger?›»Natascha Beller

«Wenn sich Frauen über 30 austauschen, erzählen sie einander automatisch furchtbare Geschichten aus dem Dating- oder Beziehungsleben», sagt Beller. Unter den Horrorstorys, die sie für ihren Film zusammengetragen hat, ist jene von der Flughafenzöllerin, der der getrennt lebende Mann das gemeinsame Kind vorbeigebracht hat, weil er ja eh gleich in die Ferien fliegt. Erstaunlich sei auch, wie direkt die Leute auf Frauen in einem bestimmten Alter losgehen würden. «Wenn ich an einem Apéro keinen Alkohol trinke, werde ich sofort gefragt: ‹Bist du schwanger?›» Sind dann einmal Kinder da, bekämen gerade Regisseurinnen oder Autorinnen umgehend Absagen – und zwar ganz offiziell. «Dann heisst es, du hast ja jetzt ein Kind, du kannst das ja nicht mehr machen.»

Im Fernsehbetrieb sähe Beller gern mehr Autorinnen. Unter den Jungs von «Deville Late Night» führe sie manchmal den grösseren Kampf, wenn es darum gehe, etwas zum Frauenstreik zu machen, auch weil das dann ein Mann vor der Kamera vertreten muss. «Aber ich bin aufgewachsen mit einem Bruder und drei Cousins, ich war immer das einzige Mädchen.» Politisch bewege sich die Schweiz heute allerdings nirgendwohin. Dass sie selber noch die Einführung der Elternzeit erleben wird, glaubt Beller nicht.

Leila (im Kostüm) macht gerade keine gute Figur. Bild: PD

Es scheint in der Schweiz sehr schwierig zu sein, eine Mainstreamkomödie mit schmerzhaftem Kern zu finanzieren. Vom SRF hat Beller Gaststars wie Dani Fohrler ausgeliehen, die «Deville»-Kameraausrüstung konnte sie verwenden, weil sie ihrer eigenen Produktionsfirma gehört. Sonst gabs überall Absagen. Die Förderin SRG lehnte das Drehbuch ab; beim Bundesamt für Kultur (BAK) hat sie erfolglos einmal das Treatment und zweimal das Drehbuch eingegeben; das sei ja mehr ein Fernsehfilm, hiess es dort sinngemäss. Bei der Zürcher Filmstiftung wurde das Drehbuch zweimal zurückgeschickt, am Telefon begründete ein älterer Herr den Entscheid mit einer auf den Inhalt gemünzten Frage: «Ist das denn ein Thema?»

Am Ende bekam Beller vom BAK und dem Migros-Kulturprozent je 50'000 Franken Postproduktionsförderung, etwas, was den Regisseuren hinterhergeschmissen wird, wenn der Grossteil der Arbeit schon gemacht ist. Dass Bellers Film als einzige Schweizer Produktion für die Piazza in Locarno ausgewählt wurde, ist pikant: Die künstlerische Leiterin Lili Hinstin hat das neue Drama einer ehemaligen Schweizer Filmpreisträgerin abgelehnt und wollte «Baghdad in my Shadow» von Samir nicht auf der Piazza zeigen (der Film läuft ausser Konkurrenz). Beides Spielfilme, die im Gegensatz zu Bellers Komödie vom Bund oder der Zürcher Filmstiftung stattlich finanziert worden sind.

Streaming-Anbieter: Bund verspricht sich 10 Prozent mehr Geld für Schweizer Filme
Wenn Online-Videoanbieter wie Netflix oder Swisscom wie vom Bund gewünscht künftig 4 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen in die hiesige Filmförderung investieren, dürften Schweizer Filme mit 10 Prozent mehr Geld rechnen. Das sagte Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur (BAK), an einer Medienkonferenz in Locarno. Laut Schätzungen des BAK machen Online-Filmanbieter hierzulande 164 Millionen Franken Gesamtumsatz; der grössere Teil entfällt auf Online-Filme zum Kaufen oder Mieten. 4 Prozent wären 6,4 Millionen Franken mehr. Ab 2021 sollen ausserdem vom Bund unterstützte Filme dem Publikum zugänglich gemacht werden – nicht gratis, aber günstig. Bezüglich einer von Verbänden geforderten 20-Prozent-Quote für Schweizer Filme auf Streaming-Plattformen sagte BAK-Filmchef Ivo Kummer, solche Vorgaben seien in Europa unüblich und stellten einen Eingriff in unternehmerische Freiheit dar. (blu)

Hinstins Herz schlägt für Bellers Komödie: Sie gehe sehr weit, findet sie. Die neue Chefin beeindruckt das Festivalpublikum als elegantes Wesen, das selbst gedrehte Zigaretten raucht und mit sympathischen Ausschweifungen auf Italienisch unterhält. Dass ihr all die gefälligen Piazza-Filme wirklich gefallen, die bis jetzt zu sehen waren, kann man sich nicht so recht vorstellen, aber sicher mag sie den satirischen Humor, der zum Beispiel in «Wir Eltern» steckt.

In Locarno ist der Film gerade das dokumentarische Gegenstück zu Bellers Komödie, er vermittelte das Gefühl, Kinderhaben sei gar keine gute Idee. Dokumentarfilmregisseur Eric Bergkraut und Schriftstellerin Ruth Schweikert verfremden in der autobiografischen Fiktion ihren Familienalltag in ihrer eigenen Wohnung im Zürcher Hürlimannareal; der Vater und die drei Söhne spielen Vater und Söhne, die Schauspielerin Elisabeth Niederer übernimmt den Part der Mutter.

Ein sehr interessanter Selbstversuch, der ganz locker daherkommt. Zwei Slacker-Teenager rauben den Eltern mit ihrer Anspruchshaltung und den Badezimmer-Schweinigeleien den letzten Nerv. Gut drauf haben sie auch den spätpubertären Beschuldigungs-Sound; den Eltern werfen sie Emotionalität vor, während sie sich selbst vor Gefühlen überschlagen, und sie schrecken weder vor Sexismus noch Zynismus zurück – bis der Vater vor Verzweiflung die Wäsche aus der Maschine wirft, weil sie wieder niemand ausgeräumt hat. In Wirklichkeit können diese Kinder sicher sehr liebenswürdig sein, aber «Wir Eltern» zeigt eine verschärfte Wirklichkeit und geht wie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» an die Extreme, um nah dran zu sein.

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei»: 11. 8., 21.30 Uhr, Piazza Grande (zweiter Film). Ab 29. 8. in den Kinos. «Wir Eltern», 11. 8., 21 Uhr, Palavideo, später im Kino.

Erstellt: 10.08.2019, 19:48 Uhr

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