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Proteste in ItalienDer General der Orangewesten

Italiens Nationalfeiertag wird zum Defilee der Regierungsgegner. Die Bewegung der «gilet arancioni» vermutet eine Weltverschwörung hinter der Pandemie.

Als Feindbilder dienen Bill Gates, George Soros und Giuseppe Conte: Antonio Pappalardo, Anführer der «gilet arancioni» und Ex-General der Carabinieri.
Als Feindbilder dienen Bill Gates, George Soros und Giuseppe Conte: Antonio Pappalardo, Anführer der «gilet arancioni» und Ex-General der Carabinieri.
Foto: Marco Piraccini (Getty Images)

An ihrem Nationalfeiertag, dem 2. Juni, pflegen sich die Italiener zu vertragen, auch über die politischen Gräben hinweg. Zur «Festa della Repubblica», dem Begehen der italienischen Republikwerdung 1946, gibt es in der Regel keine Proteste, keine Unmutsbekundungen. Das 74. Fest war nun etwas anders. Auf die Militärparade auf den Kaiserforen wurde verzichtet, und das war der Pandemie geschuldet.

Staatspräsident Sergio Mattarella legte einen Blumenkranz vor das Denkmal für den Unbekannten Soldaten und flog dann in die lombardische Kleinstadt Codogno, wo am 21. Februar alles begonnen hatte: «Patient 1», Zona rossa, das ganze Drama um das Virus. «Wie schon bei der Geburt der Republik braucht es auch heute einen Neubeginn ohne Divisionen», sagte Mattarella. Es war ein Versuch, das Land zusammenzuhalten für die Prüfungen, die nun folgen.

Schutzmasken mit der Trikolore

Doch die Zeit der Einheit scheint gerade zu enden. Auf der Piazza del Popolo in Rom und in siebzig weiteren Städten Italiens protestierte die Rechte gegen die Regierung von Cinque Stelle und Sozialdemokraten und gegen deren Management in der Krise. Einfach war das nicht: Wegen der Vorschriften zur Distanzwahrung konnten die drei Parteien Lega, Fratelli d’Italia und Forza Italia ihr Volk nicht so mobilisieren, wie sie das sonst tun – mit Sonderzügen und Bussen aus allen Ecken des Landes.

Ein bisschen Volk kam dann trotzdem, und die Verehrer drängten sich vor für ein Selfie um die Anführer Matteo Salvini, Giorgia Meloni und Antonio Tajani, den Statthalter Silvio Berlusconis. Social Distancing? War nicht möglich. Salvini und Meloni trugen Schutzmasken in den drei Nationalfarben, die ihnen im Gemenge ein paar Mal herunterrutschten. Die Rechte wirft der Regierung vor, sie helfe den vielen Italienern zu wenig, die in wirtschaftlicher Not seien. Es brauche Steuererlasse für Bürger und Unternehmer, die Bürokratie gehöre abgebaut.

«Das war die grösste Versammlung von Idioten der vergangenen Jahrzehnte.»

«Famiglia Cristiana» über den Aufmarsch der Orangen

Nur einige Stunden später versammelte sich auf der Piazza del Popolo ein anderes Volk – demonstrativ ohne Masken: Es hält Virus und Pandemie für Erfindungen dunkler Mächte, die der Welt angeblich eine neue Ordnung aufzwingen wollten. Die «gilet arancioni», italienisch für: «Orangewesten», sind eine junge, heterogene und konfuse Bewegung aus Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremisten, die sich zumindest im Auftritt an den «gilets jaunes» orientiert.

Am vergangenen Samstag hatten sie in Mailand im grossen Stil debütiert, eng an eng, ohne Schutz, gegen alle Regeln. Die katholische Wochenzeitschrift «Famiglia Cristiana», die sonst nie Kraftausdrücke braucht, nannte den Aufmarsch die «grösste Versammlung von Idioten der vergangenen Jahrzehnte». Als Feindbilder dienen den Orangen Bill Gates und George Soros, Präsident Mattarella und Premier Giuseppe Conte.

Kleintribun für alle Schlachten

Angeführt wird die Bewegung von einem alten Bekannten der italienischen Protestszene: Antonio Pappalardo, 73 Jahre alt, aus Palermo. Er war früher General der Carabinieri, seine Anhänger nennen ihn deshalb nur «il Generale», selbst trägt er lieber orangene Sakkos als Plastikwesten.

Anfang der Neunzigerjahre sass Pappalardo als Vertreter einer Kleinpartei im italienischen Parlament, er war auch mal kurz Untersekretär im Finanzministerium. Alle weiteren Versuche, in der Politik Fuss zu fassen, misslangen. Bei den jüngsten Regionalwahlen in Umbrien zum Beispiel brachte er es auf 0,13 Prozent.

Bekannt wurde er als Kleintribun, der sich immer neue Kämpfe und soziale Aufruhre auswählte, um auf Podien zu steigen. Protestierten die Bauern, machte er sich zu ihrem Sprachrohr, waren es die Camionfahrer, dann eben die Camionfahrer. Pappalardo plädiert unter anderem für Italiens Austritt aus der EU und für eine Rückkehr zur Lira. Im Moment ist er also gerade sehr aufgebracht gegen Schutzmasken, und offenbar trifft er damit den Nerv vieler Leute. Man hörte ihn schon sagen, Covid-19 lasse sich mit Yoga und autogenem Training besiegen. Ein Freund aus Bergamo habe die Krankheit so überlebt, das sei der Beweis dafür, dass Corona nicht mehr als eine Grippe sei.

Die Regions- und Landesgrenzen fallen

In Italien beginnt an diesem Mittwoch, 3. Juni, eine neue Phase. Es ist wieder möglich, ohne Sonderbewilligung von einer Region in die andere zu reisen. In der Lombardei gibt es noch täglich Dutzende Neuinfektionen, auch die Zahl der Todesfälle ist nirgendwo höher als im Norden des Landes. Doch die Entwicklung scheint auch dort unter Kontrolle zu sein.

Geöffnet werden auch die Landesgrenzen, zumindest für europäische Ausländer, die gern nach Italien wollen. Für die Italiener hingegen, die ausreisen möchten, bleiben etwa die Grenzen zur Schweiz und Österreich geschlossen.

Da sassen die Schutzmasken noch: Die Oppositionsführer Matteo Salvini, Giorgia Meloni und Antonio Tajani (von rechts nach links) bei ihrem Flashmob in Rom zum 2. Juni.
Da sassen die Schutzmasken noch: Die Oppositionsführer Matteo Salvini, Giorgia Meloni und Antonio Tajani (von rechts nach links) bei ihrem Flashmob in Rom zum 2. Juni.
Foto: Marco Ravagli (Getty Images)