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TribüneDen Regen erträumen

Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf, über die Magie der Kommunikation.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Olivier Samter

Worte sind die Farben unseres Weltbildes. Ein grösserer Wortschatz entspricht einer bunteren Palette – und diese bietet die Möglichkeit, reichhaltiger und nuancierter zu malen. Nur: Dies dann tatsächlich zu tun, ist eine weitere wichtige Entscheidung. Jegliche Form der Kunst verbindet auf ihre Art. Aber nie können wir der reinen Magie näher kommen als durch Kommunikation. Im Grossen wie im Kleinen: Jeder Kriegsbeschluss und jede Liebesbeziehung wird kommunikativ gezeichnet, bevor sie gelebt wird. Jede Blaupause bietet die Möglichkeit einer Adaptation – die einzige unverrückbare Wahrheit ist der gelebte Moment, alles danach (und davor) ist Interpretation.

Die negativste Form des Malens ist die Manipulation, die poetischste, ruhigste und intimste das Träumen. Den Mut haben, Bilder weiterzuzeichnen, ohne das Gesamtbild zu kennen, so, wie es sich eben gut anfühlt, nach bestem Wissen und Gewissen, dem Herzen folgend. Kritik an persönlicher Offenbarung schmerzt. Nur: Die einzige Alternative ist es, den Pinsel gar nicht erst in die Hand zu nehmen. Und je geregelter der Kontext, je steifer die Normen, je rigider die Gesellschaftsstruktur, desto verführerischer scheint diese Entscheidung.

Ich glaube, das Leben beginnt zum Zeitpunkt, in dem man realisiert, dass man es nicht ganz ernst zu nehmen braucht. «DEDIT» (lat.) als coolere Version des «YOLO»: Das Einzig Definitive Ist Tod. Ein Mantra, dessen demütige Akzeptanz vieles auf melancholisch-verzauberte Weise erleichtert. Ganz besonders die Überwindung zu malen. Bilder, die nicht wirken wie gewünscht, kann man weiterzeichnen. Aus jedem misslungenen Gemälde kann man lernen. Die Realisation, wirklich verloren zu haben, entfaltet sich in den meisten Fällen auf einer ewig weissen Leinwand.

Darum: Wer Regen will, soll von Regen sprechen, bis der Regen kommt. Aufrichtige Komplimente für die Poesie im Leben, in Menschen, Momenten; für das Gute, das Künstlerische – sie wollen ausgesprochen werden. Ohne Angst vor Verletzung, denn der Mut zu dieser Verletzlichkeit ist letzten Endes, was uns aufrichtet und stark macht. DEDIT – und vorher gilt es, zu malen. An sich, an und für Seelen, die einen umgeben, und für das grosse Ganze. Die Welt ist so schön, wie man sie sich erträumt. Und der Regen so erfrischend, wie man sich ihn verspricht.

Joël Perrin aus Männedorf.
Joël Perrin aus Männedorf.
PD