Das Wunder von Freiburg

Eine junge Freisinnige jagt in Freiburg einen CVPler aus dem Ständerat. Wie hat Johanna Gapany das geschafft?

«Kein Sitz ist jemals sicher vergeben»: Johanna Gapany am Sonntagabend im FDP-Lokal in Bulle. Foto: Anthony Anex (Keystone)

«Kein Sitz ist jemals sicher vergeben»: Johanna Gapany am Sonntagabend im FDP-Lokal in Bulle. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Johanna Gapany lieferte während Monaten den perfekten Wahlkampf. Ein Detail aber vergass sie: Sie schrieb keine Siegesrede.

Das war ihr am späten Sonntagabend im Café du Midi in Bulle egal. Kaum hatte die Staatskanzlei Gapany nach einem stundenlangen Kampf gegen die Dämonen der IT-Welt als neue Freiburger Ständerätin ausgerufen, schwang sich die 31-Jährige auf einen Stuhl und richtete sich an ihre Unterstützer: «Als wir uns vor acht Monaten auf dieses Abenteuer einliessen, war es derart unwahrscheinlich, dass wir die Ständeratswahl schaffen!» Während der Kampagne in den Strassen habe sie aber realisiert, dass sie bei den Leuten etwas auslösten. Das habe sie immer weiter angespornt. «Das ist euer Sieg», rief Gapany zum Schluss. «Danke für alles!»

Auch wenn noch leichte Schwaden des Zweifels über dem Resultat hängen, derzeit deutet alles darauf hin, dass ­Johanna Gapany am Sonntag Historisches geschafft hat. Sie, 31-jährig, ­Projektleiterin in einem Privatspital, Milizpolitikerin, Freisinnige, stiess im tiefkatholischen Kanton Freiburg den 62-jährigen CVP-Vertreter und ­Profipolitiker Beat Vonlanthen vom ­Sockel. Erstmals seit 1857 verliert die Freiburger CVP ihren Ständeratssitz. Johanna Gapany wiederum ist die erste Freiburgerin im Stöckli. Und die jüngste Frau aller Zeiten in der kleinen Kammer des Parlaments. Sie ist das Wunder von Freiburg.

Dass es so weit kam, hat viel mit der Entschlossenheit von Gapany zu tun. Und nicht wenig mit dem Profil von Beat Vonlanthen.

Die CVP-Bastion wurde brüchig

Alles begann damit, dass sich die FDP Freiburg gegen eigene Angstreflexe stemmte. Anstatt den 61-jährigen Nationalrat Jacques Bourgeois ins Rennen zu schicken (und wie schon 2015 ehrenvoll mit ihm unterzugehen), entschied sich die Parteileitung dafür, mit einer mutigen, jugendlichen und progressiven Kandidatur den Wahlkampf aufzumischen. Einer Person wie Jo­hanna Gapany, Tochter einer Bauernfamilie, Gemeinderätin aus Bulle und Kantonspolitikerin.

Es war eine Wette auf den Wandel: Die FDP spekulierte darauf, dass sich der Kanton Freiburg mit seinem starken Bevölkerungswachstum seit der Jahrtausendwende verändert hat, zu ihren Gunsten. Und dass die CVP-Bastion brüchig geworden war.

Johanna Gapany gab sich von Beginn an kämpferisch: «Kein Sitz ist jemals sicher vergeben», sagte die 31-Jährige Anfang Jahr. In den nächsten Jahren gehe es im Parlament um die Finanzierung der Renten und die Reform des Gesundheitssystems. «Das ist unsere Zukunft. Da müssen wir Jungen mitreden können», sagte sie der Zeitung «Le Temps». Gapany präsentierte ein Wahlprogramm, das stark auf den Mittelstand fokussiert: Verteidigung der Kaufkraft, sichere Renten, weniger Kostenwachstum im Gesundheitswesen. Ihr Publikum suchte und fand Gapany in den sozialen Netzwerken. Journalisten mochten ihre frischen, selbstbewussten Auftritte. Die Greyerzerin wurde zum heimlichen Liebling der Medien.

In seiner ersten Legislatur in Bundesbern hat sich Vonlanthen eine imposante Zahl von lukrativen Nebenjobs ge­sichert. Sein Jahreseinkommen wird auf 300'000 Franken geschätzt.

Gapanys Popularität bestätigte sich am 20. Oktober 2019. Im ersten Wahlgang der Ständeratswahlen vermochte CVP-Ständerat Beat Vonlanthen Johanna Gapany kaum zu distanzieren. Als auch noch die SVP entschied, ihren Kandidaten zurückzuziehen, war das Feld weit offen.

Nun begingen Christian Levrat und Vonlanthen einen vielleicht kapitalen Fehler. Die Herren machten im zweiten Wahlgang gemeinsame Sache, auf Podien, mit Inseraten und Plakaten. Zwei Männer im gestandenen Alter – gegen die junge Frau. «Viele Wähler realisierten plötzlich, dass es einen Ausgleich braucht», beobachtete FDP-Präsident Sébastien Dorthe.

Die endgültige Wende, so erzählt man es sich in Gapanys Umfeld, ereignete sich am Dienstag der letzten Woche. In Streitgesprächen bei der Lokalzeitung «La Liberté» und im Westschweizer Radio RTS brachten Journalisten die Verstrickungen von Beat Vonlanthen auf.

In seiner ersten Legislatur in Bundesbern hat sich Vonlanthen eine imposante Zahl von lukrativen Nebenjobs ge­sichert. Die Mandate überspannen diverse Branchen und Politikbereiche und verschaffen ihm ein Jahreseinkommen von geschätzt 300'000 Franken.

Der Diabetiker und die Schokolade

Zuletzt war Vonlanthen zeitgleich Präsident des Zementindustrieverbands Cemsuisse, Präsident des Medizin­technikverbands Swiss Medtech und Präsident der Fachvereinigung Wärmepumpen. Zudem versah Vonlanthen den Vorsitz von Chocosuisse und Bisco­suisse, zwei Schwesterverbänden der Zuckerindustrie. Ein bemerkenswertes Mandat für einen Diabetiker. Ähnlich auffällig: Seit 2017 hat der CVP-Mann zudem das Präsidium des Casino-Verbands inne.

Natürlich warf die Ämterkumulation Fragen auf: Hat Vonlanthen noch Zeit für den Ständerat? Wen vertritt er in Bern? Ist er frei in seinen Entscheiden? Oder allenfalls allzu frei?

Beat Vonlanthen formulierte es im Wahlkampf so: «Ein Ständerat braucht ein Netzwerk, muss verankert sein in der Gesellschaft und der Wirtschaft, um seine Arbeit gut machen zu können.» Gapany konterte: «Ich zweifle an diesem Netzwerk, das von den Lobbys bestimmt ist.» Sie glaube, man dürfe nicht zu viele Hüte kumulieren.

Am Tag nach der Sensation dauert es Stunden, bis Johanna Gapany ihr Telefon abnimmt. Sie entschuldigt sich: Sie sei gerade daran, ihr Leben neu zu organisieren. Das alles klingt nach Hektik. Die Greyerzerin aber wirkt abgeklärt und bescheiden. Sie sagt: «Am Samstag ging ich ins Bett und sagte mir: Der Wahlkampf war eine grossartige Erfahrung. Ich konnte in den Debatten gegen Ständeräte bestehen. Ich habe mein Deutsch verbessert, viele Leute getroffen und meine Ideen präsentiert. Am Sonntagabend war ich gewählt, und das knappe Resultat war der Beweis, wofür ich seit Februar kämpfte: um jede einzelne Stimme in jeder einzelnen Gemeinde.»

Das ist es wohl, was in der Politik den Unterschied macht.

Erstellt: 11.11.2019, 21:50 Uhr

Artikel zum Thema

CVP Freiburg verzichtet nach Abwahl auf Rekurs

Drei Kantone haben am Sonntag ihre Ständerats-Vertretungen gewählt. Der Wahl-Ticker zum Nachlesen. Mehr...

Historische Frauenwahl – gleich im Doppel

Freiburg und Genf wählen mit Johanna Gapany (FDP) und Lisa Mazzone (Grüne) die jüngsten Ständerätinnen der Geschichte. Beide sind 31 Jahre jung. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!