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Miniaturen des AlltagsDas verschollene Huhn

Eines Abends war Stracciatella, das Zwerghuhn, verschwunden. Die gross angelegte Suche brachte ein kleines Geheimnis zutage.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Illustration: Olivier Samter

Es schien ein Abend zu sein wie jeder andere. Beim Eindunkeln machte sich das Töchterchen auf zu seinem Hühner-Kontrollgang: Automatisches Schiebetor geschlossen? Käfigtüre zu? Alle fünf Hühnchen drin? Bis anhin hatten sich alle drei Fragen stets mit Ja beantworten lassen. Doch heute war ein Platz auf der Stange leer. Stracciatella fehlte.

Zu viert starteten wir sofort mit der Suche. Wir liessen den Lockruf erklingen, der die Hühnerschar jeweils zum Essen rief. Nichts regte sich. Wir durchkämmten nebst dem Garten auch Garage, Keller und Wohnhaus, denn dort strolchte das neugierige Hühnchen von Zeit zu Zeit ebenfalls herum. Doch nirgends eine Spur der schwarz-weiss gepunkteten Stracciatella. Während die jüngste Tochter die Gärten der Nachbarn durchforschte, spritzte die Älteste mit dem Wasserschlauch in unseren Blumengarten. Wäre die kleine Ausreisserin dort, würde sie bestimmt hervorkommen, so die Überlegung.

Doch das Tierchen blieb unauffindbar, und inzwischen war es stockdunkel. Wir liessen den Kopf hängen. Bestimmt hatte eine Katze das Zwerghühnchen auf dem Gewissen. Dicke Tränen rollten über die Wangen des Töchterchens.

Da entschied der Gatte, zum dritten und letzten Mal den Blumengarten abzusuchen. Mit Stecken und Taschenlampe kontrollierte er Meter für Meter. Und da: Unter herabhängenden Blütenständen duckte sich ein kleines, tropfnasses Hühnchen tief in die Erde. Behutsam hoben wir es hoch und staunten: In einer kleinen Mulde lagen sieben schneeweisse Eier. Weder Essensrufe noch «Regenschauer» hatten Stracciatella davon abhalten können, ihr Gelege zu schützen. Sorgsam setzten wir sie samt ihren Eiern in den sicheren Stall. Das kleine Tierchen hatte unseren grossen Respekt verdient.