Das unsichtbare Superorgan

Unser Immunsystem erkennt und bekämpft Eindringlinge. Dabei lernt es laufend dazu. Wie funktioniert das?

Der Körper arbeitet ständig an seiner Abwehr, auch wenn man gesund ist: Eine Frau spielt mit einem Hund. Foto: Getty Images

Der Körper arbeitet ständig an seiner Abwehr, auch wenn man gesund ist: Eine Frau spielt mit einem Hund. Foto: Getty Images

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Natürliche Abwehr rund um die Uhr
Krankheitskeime sind überall. Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten können sich jederzeit in unserem Organismus einnisten und Funktionsstörungen oder Krankheiten auslösen. «Das Immunsystem hat die Aufgabe, diese von aussen kommenden Angreifer rund um die Uhr unschädlich zu machen», sagt der deutsche Kinder- und Jugendarzt Michael Hauch, der mit seiner Frau Regine ein Buch über das Immunsystem geschrieben hat. Es trägt den Titel «Ihr unbekanntes Superorgan».

Dieses «Superorgan» stellt laufend und ohne grosses Brimborium unsere körperliche Unversehrtheit sicher. Immer wenn wir nach dem Kuss eines verschnupften Menschen nicht selbst krank werden oder wenn ein aufgeschlagenes Knie innert kürzester Zeit komplett verheilt, hat unser natürliches Abwehrsystem ganze Arbeit geleistet. Es ist sogar in der Lage, veränderte körpereigene Zellen zu zerstören, bevor sie zu Krebs führen können. Seinen Namen hat das Immunsystem vom lateinischen Wort «immunis», was so viel bedeutet wie unberührt, frei, rein.

Das ortlose «Organ»
Das Immunsystem ist für das Auge ebenso unsichtbar wie die Krankheitskeime, die es abwehrt. Es befindet sich nicht an einem bestimmten Ort im Körper, sondern ist, wie Mediziner Michael Hauch es ausdrückt, «vielmehr ein chaotisches und zugleich geniales Netz aus vielen Komponenten, die mal mehr und mal weniger gut, mal blitzschnell und mal eher zögerlich miteinander kommunizieren».

Das wenig bekannte Organ hinter unserem Brustbein, der Thymus, arbeitet ebenso für das Immunsystem wie die Milz, die Mandeln, die Lymphknoten und das Knochenmark. Sie alle stellen die Abwehrzellen, Antikörper, Botenstoffe und körpereigenen Eiweisse her, die die komplexen Abläufe der Immunabwehr steuern. Die Blutbahn und die Lymphgefässe transportieren die Immunzellen und Botenstoffe in jeden Winkel des Körpers. Nicht zuletzt sind die oberste Hautschicht, die Magensäure, die Darmflora und die Schleimhäute wichtige Mitarbeiter des Immunsystems. Als Schutzbarrieren erschweren sie möglichen Eindringlingen den Eintritt in den Körper.

Eine Armee in weiss
Die weissen Blutkörperchen, auch Leukozyten genannt, sind die Hauptagenten unserer Immunabwehr. Macht sich irgendwo in unserem Körper eine Infektion oder Entzündung breit, merken dies spezialisierte Immunzellen, die wie Wächter durch unseren Körper patrouillieren. Sie melden die Gefahr und mobilisieren Hilfe. Das Immunsystem erhöht dann die Zahl der kleinen weissen Helfer. Die Ärztin oder der Arzt entnimmt das dem Blutbild. Es gibt mehrere Unterarten von Leukozyten. Sie tragen komplizierte Namen wie Lymphozyten, Granulozyten, Monozyten oder Makrophagen. Sie alle haben spezifische Aufgaben, die sie mit Hilfe von Rezeptoren auf ihrer Zelloberfläche erledigen. Michael Hauch erklärt: «Die einen weissen Blutkörperchen machen fremde Stoffe wie Gifte unschädlich, andere fressen Viren, Bakterien oder Pilze. Wieder andere transportieren tote Zellen in die Lymphknoten ab, wo sie abgebaut werden.» Und dann gibt es noch jene Leukozyten, die bei Wunden den Wiederaufbau des zerstörten Gewebes einleiten.

Grippevirus im Anmarsch
Wenn ein Grippevirus in unseren Körper eindringt, treten die weissen Blutkörperchen überall in unserer Blutbahn in Aktion. Zuerst sind Makrophagen, sogenannte Riesenfresszellen, zur Stelle und fressen so viele Eindringlinge, wie sie können. Die überlebenden Krankheitserreger nisten sich in Körperzellen ein und vermehren sich in ihnen. Jetzt senden die Riesenfresszellen eine Botschaft an die Helferzellen und teilen ihnen mit, wie die Oberfläche des Virus beschaffen ist. Daran erkennen die Helferzellen, um welchen Feind es sich handelt. Sie aktivieren Killerzellen, die die befallenen Körperzellen attackieren und vernichten. Gleichzeitig lösen die Helferzellen die Produktion von Antikörpern aus. Das sind Abwehrstoffe, die wie Schlüssel und Schloss auf bestimmte Oberflächenmerkmale der krank machenden Erreger passen und sich deshalb an sie andocken können. Die mit Antikörpern besetzten Eindringlinge in der Blutbahn werden nun – wie schon die befallenen Körperzellen – von den Riesenfresszellen beseitigt. Die Grippe ist abgewendet.

Lebenslanges Erinnern und Lernen
Unser Immunsystem besteht aus einem angeborenen und einem adaptiven, lernenden Teil. Beide sind miteinander verbunden. Das angeborene ist weitgehend in der Erbinformation festgelegt. «Es haut auf alles drauf, immer im selben Schema», sagt Michael Hauch. Das adaptive Immunsystem bildet sich erst so richtig ab der Geburt heraus. «Mit der Zeit passt es sich an unseren Lebensstil an, erkennt die Erreger in unserer Umwelt und weiss wie ein gut trainiertes Team von Bodyguards, was zu tun ist.» Es ist höchst anpassungsfähig gegenüber neuen und veränderten Krankheitserregern und lernt mit jedem Infekt dazu. Dank spezialisierter Leukozyten, sogenannter Gedächtniszellen, erinnert sich unser Körper an den ersten Kontakt mit einem Keim und kann bei weiteren Infekten schneller darauf reagieren. Deshalb müssen wir Kinderkrankheiten wie Masern und Windpocken höchstens einmal im Leben durchmachen.

Stärkt die Abwehrkräfte: Regelmässige Bewegung. Foto: iStock

Dasselbe Prinzip machen wir uns beim Impfen zunutze: Mit der Spritze bringt der Arzt abgetötete oder abgeschwächte Krankheitserreger in unsere Blutbahn, die keine Infektion mehr auslösen können. Das Immunsystem bildet aber Gedächtniszellen gegen sie, um beim nächsten Kontakt mit dem echten Erreger sofort reagieren zu können.

Zuverlässig und doch nicht fehlerfrei
Das Immunsystem funktioniert normalerweise wie ein Schweizer Uhrwerk, doch es ist nicht unfehlbar. Manchmal ist die Zahl der Immunzellen zu gering, manchmal arbeiten sie nicht richtig zusammen. Solche Fehler können angeboren sein, wie etwa bei Menschen mit Downsyndrom: Sie leiden überdurchschnittlich oft an Infekten. Andere Immundefekte entstehen im Laufe des Lebens. Die wohl bekannteste erworbene Immunschwächekrankheit ist Aids. Aber auch Leukämie kann das Immunsystem schädigen, weil Krebszellen die gesunden Immunzellen verdrängen. «Früher starben viele Patienten an Immundefekten», sagt Michael Hauch. «Heute hingegen kann man vielen helfen, etwa dank einer Knochenmarktransplantation oder durch die lebenslängliche Einnahme von Medikamenten.»

Der Frauenbonus
Der Eindruck, dass Männer häufiger grippale Infekte einfangen, ist mehr als ein Klischee. Die Evolution hat Frauen tatsächlich mit einer robusteren Immunabwehr ausgestattet – weil sie diejenigen sind, die den Nachwuchs austragen und gebären. Während das männliche Geschlechtshormon Testosteron die Anzahl und die Aktivität von Immunzellen eher einschränkt, werden sie durch die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron im grossen Stil gefördert. Besonders unempfindlich gegen Erreger sind Frauen deshalb während der Schwangerschaft. Ein starkes Immunsystem bringt aber nicht nur Vorteile. «Es kann so aufdrehen, dass es am Ende körpereigenes Gewebe angreift», sagt Mediziner Michael Hauch. «Frauen haben deshalb weitaus häufiger Autoimmunkrankheiten als Männer.»

Wenn die Abwehr verrückt spielt
Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind von einer Autoimmunkrankheit wie rheumatoider Arthritis betroffen. Dabei attackiert das Immunsystem den eigenen Körper. «Aufgrund einer Genveränderung können fehlgeleitete Immunzellen in die Blutbahn gelangen und wie Amokläufer die eigenen Organe und Gewebe angreifen», erklärt Michael Hauch. Auch Hormone, Medikamente, Drogen, Gifte oder Strahlenbehandlungen können Autoimmunkrankheiten auslösen. Bei der multiplen Sklerose etwa greifen die ausser Kontrolle geratenen Immunzellen die Nervenleitungen an; beim Typ-1-Diabetes schiessen sie gegen die Insulin produzierende Bauchspeicheldrüse. Bisher sind Autoimmunkrankheiten nicht heilbar, doch Medikamente und Therapien können das Leiden verringern.

Die Erdnuss als Feind des Systems
An Allergien ist eine Überreaktion des Immunsystems schuld. Wenn der Körper eines Allergikers mit den Eiweissen von an sich harmlosen Stoffen wie Birkenpollen, Erdnuss oder Hausstaub in Kontakt kommt, stuft er diese als «fremd» ein und produziert gegen sie Antikörper, sogenanntes Immunglobulin E. Dieses ruft die körpereigene Abwehr auf den Plan. Aber das Immunsystem übertreibt. Es reagiert zu stark und zu lange. Und produziert Heuschnupfen, Asthma, einen üblen Ausschlag oder einen allergischen Schock mit Atemnot und Kreislaufversagen. Allergien sind nicht vererblich, die Neigung dazu allerdings schon. Experte Michael Hauch sagt: «Warum die einen trotz Veranlagung ohne Allergie durchs Leben kommen und die anderen nicht, hat noch niemand herausgefunden.»

Was den Immunzellen guttut
Die beste Voraussetzung für ein starkes Immunsystem schaffen wir, indem wir ein paar grundlegende Gesundheitstipps befolgen. Wie Studien belegen, profitieren unsere Abwehrkräfte, wenn wir für regelmässige Bewegung sorgen, ausreichend schlafen, das Rauchen sein lassen, Alkohol in Massen geniessen und Dauerstress vermeiden. Die Ernährung sollte möglichst ausgewogen sein. So bekommen die Abwehrzellen auf natürliche Weise genug Vitamin A und C, was sie zahlreicher und aktiver werden lässt. Denselben Effekt hat Zink, das wichtigste Spurenelement fürs Immunsystem. Es ist vor allem in Rindfleisch, Seefisch und Meeresfrüchten, Eiern und Käse enthalten. Unmittelbar aufs Immunsystem wirken auch die mit Probiotika angereicherten Joghurtprodukte. Ihre Säure vertreibt schlechte Bakterien aus dem Darm.

Ob tatsächlich, wie viele schwören, auch kalte Eisbäder die Abwehrkräfte unterstützen, ist bei Fachleuten umstritten. Hinter die viel gepriesenen Immunsystem-Booster wie Echinacea oder den afrikanischen Wurzelextrakt Umckaloabo setzt der Arzt Michael Hauch ebenfalls ein Fragezeichen: «Studien dazu sind zu wenig aussagekräftig. Ein Placeboeffekt ist nicht auszuschliessen.»

Eine starke Psyche macht widerstandsfähiger
In den letzten Jahren haben Wissenschaftler viele Hinweise dafür gefunden, dass es enge Verbindungen zwischen dem Gehirn und dem Immunsystem gibt. Sie können die Mechanismen zwar noch nicht im Detail erklären, doch Fakt ist: Unsere Psyche bestimmt mit, wie unser Immunsystem arbeitet – und umgekehrt.

Stabilisiert den Coristolspiegel und schützt so das Immunsystem: Sozialer Rückhalt. Foto: iStock

In einer US-amerikanischen Studie verabreichten Forscher 400 Erwachsenen Nasentropfen, die Erkältungsviren enthielten. In der Folge wurden jene Studienteilnehmer krank, die in letzter Zeit nach eigenen Angaben Konflikte oder wenig zwischenmenschliche Nähe erlebt hatten. Wer dagegen häufig in den Arm genommen worden war, blieb tendenziell gesund. Ein weiteres Beispiel: Im Blut und in der Rückenmarksflüssigkeit von depressiven Menschen findet sich eine grosse Menge Abwehrzellen, die auf eine chronische Entzündung hindeuten. Dies, obwohl es keine körperliche Krankheit zu bekämpfen gibt. Bei erfolgreicher Therapie der Depression sinken auch die Entzündungsmarker wieder.

Hoffnung im Kampf gegen Krebs
Krebszellen verändern mit jeder Teilung ihr Aussehen. Damit entziehen sie sich dem Zugriff der Abwehrzellen und ballen sich zu lebensbedrohlichen Tumoren zusammen. Die neusten Therapieansätze gegen Krebs, sogenannte Immuntherapien, zielen darauf ab, die krankhaften Zellen für das Immunsystem wieder erkennbar zu machen. Dabei werden dem Patienten etwa künstlich hergestellte Antikörper eingespritzt, die sich an die Oberflächen der Krebszellen anheften und Riesenfresszellen anlocken, welche diesen den Garaus machen. Alternativ entnimmt man dem Patienten sogenannte T-Lymphozyten, richtet sie im Labor gentechnisch darauf ab, die Tumorzellen besser zu erkennen, vermehrt sie millionenfach und gibt sie dem Patienten ins Blut zurück. Immuntherapien haben schon manchen Menschen geholfen, die an bisher unheilbaren Krebserkrankungen litten. Auf die Frage, wieso nicht alle Patienten darauf ansprechen, hat die Forschung noch keine klare Antwort.

Buchtipp: Michael und Regine Hauch: Ihr unbekanntes Superorgan. Alles über das Immunsystem, Beltz Verlag, 320 Seiten, ca. 27 Franken.

Erstellt: 13.05.2019, 18:54 Uhr

Wo das Immunsystem arbeitet

Gaumen- und Rachenmandeln
Ihnen kommt eine Art Pförtnerrolle zu. Die hier befindlichen Immunzellen bekämpfen Krankheitskeime in allem, was geschluckt oder eingeatmet wird, und melden sie an die anderen Immunorgane.

Thymus
In dem kleinen, drüsenähnlichen Organ hinter dem Brustbein lernt ein Teil der weissen Blutkörperchen, die sogenannten T-Lymphozyten, körpereigene von fremden Zellen zu unterscheiden und diese anzugreifen.


Lymphknoten
Die normalerweise 5 bis 10 Millimeter kleinen Knubbel in der Achsel, der Leiste oder am Hals (und an vielen anderen Stellen im Körper) sind dazu da, Krankheitserreger aus der Lymphflüssigkeit zu filtern. Sind die Knoten geschwollen oder schmerzen, sind sie gerade mit der Abwehr einer Krankheit beschäftigt.


Milz
Das bohnenförmige Organ hinter dem linken Rippenbogen ist an der Bildung und Speicherung der Lymphozyten beteiligt, einer Untergruppe der weissen Blutkörperchen. Die Milz dient auch als Lager für Riesenfresszellen (Makrophagen), die eingedrungene Erreger erkennen und tilgen.


Darm
Hier läuft ein Grossteil aller Abwehrreaktionen ab. Heute gilt der Darm als einer der wichtigsten Teile des Immunsystems. Seine vielen nützlichen Bakterienvölker gewährleisten den Schutz des Körpers, indem sie die Immunzellen über
Eindringlinge informieren.


Haut und Schleimhäute
Sie bilden einen mechanischen äusseren Schutzwall gegen Eindringlinge. Verstärkt wird ihre Wirkung durch den natürlichen Fettfilm und nützliche Mikroorganismen auf der Hautoberfläche beziehungsweise durch die Sekrete auf der Schleimhaut.


Knochenmark
In den Hohlräumen grösserer Knochen werden die sogenannten B- und T-Zellen gebildet, die zu den weissen Blutkörperchen gehören. B-Zellen produzieren Abwehrstoffe (Antikörper), etwa gegen Erkältungsviren, Bakterien oder Gifte. T-Zellen entfernen kranke oder veränderte Körperzellen.

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