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Remis in der Nations LeagueDas Nationalteam verpasst den Exploit

Der Schweiz reicht eine starke erste Halbzeit nicht zum Sieg in Deutschland – beim 3:3 ist Mario Gavranovic der Sieger und Fabian Schär der Verlierer in einem Team, das schliesslich zu viele Fehler macht.

Das schönste Schweizer Tor des Abends: Remo Freuler lupft gekonnt über Manuel Neuer zum 2:0 für die Schweiz.
Video: SRF

Am Samstag nach dem 0:1 in Spanien trug Vladimir Petkovic noch die rosarote Brille. Der Nationalcoach stellte die Leistung seiner Mannschaft viel besser dar, als sie war.

An diesem kühlen Dienstag in Köln, vor 50’000 leeren Zuschauerplätzen, treten die Schweizer lange Zeit so auf, als wollten sie ihre Kritiker Lügen strafen. Nach einer halben Stunde führen sie mit zwei Treffern und nach knapp einer Stunde mit 3:2.

Am Ende steht es 3:3. Es ist das Resultat nach einem munteren Spiel, nach dem sich die Schweizer grämen mögen, die grosse Chance zum Exploit nicht genutzt zu haben, doch dafür haben sie sich individuell erneut zu viele Aussetzer geleistet. Und die Deutschen kriegen kein bisschen Ruhe in die Diskussion, ob Bundestrainer Joachim Löw wirklich weiss, was er will.

Der Anfang der Schweizer ist also bemerkenswert gewesen, und er zwingt zum Blick in die Geschichtsbücher, um nach ihrem letztem Sieg auf deutschem Boden zu suchen. Wer sucht, wird im Jahr 1956 fündig, als sie in Frankfurt 3:1 gewannen. Danach setzte es sechs Niederlagen in sieben Spielen ab, unter anderem 1:5, 0:4 und 1:4.

Die Tiefe gesucht

Und dann steht es in Köln auf einmal 2:0 für die Schweiz. Das mag überraschen, ist aber kein Zufall. In erster Linie liegt das an der Schweiz, die einen vorzüglichen Auftritt hinlegt, die so spielt, wie sie es kann, und defensiv sehr organisiert und diszipliniert ist. Die Gegenattacke sucht sie immer wieder mit spielerischen Lösungen, ohne aber das Klein-Klein zu suchen wie noch am Samstag in Spanien, vielmehr sucht sie die Tiefe. Dafür wird sie belohnt.

Das zweite Tor ist bezeichnend. Toni Kroos verliert für einmal einen Ball, den Granit Xhaka abfängt, Mario Gavranovic spielt den tiefen Pass, Haris Seferovic legt den Ball quer, und Remo Freuler hebt ihn über Manuel Neuer. Freulers Abschluss ist elegant, vor allem belohnt er sich damit für seinem langen Lauf aus dem Mittelfeld heraus.

Dass es nach einer halben Stunde 2:0 steht, ist verdient. In der 4. Minute haben die Schweizer die erste Chance. Dabei steht Xherdan Shaqiri nach dem Zuspiel von Freuler allein vor Neuer und scheitert an ihm. Nur eine Minute später fällt das Tor bereits, Freuler legt den Ball mit dem Kopf auf Gavranovic, und der lenkt ihn direkt mit dem Kopf über Neuer hinweg ins Tor.

Mit der Zeit ziehen sich die Schweizer zurück, sie verteidigen tief und stellen die Räume zu. Da sehen sie nicht immer spektakulär aus, aber sie arbeiten sehr effizient und bringen den Gegner mit dem grossen Namen an seine Grenzen. Kroos, Kimmich, Gnabry, Havertz, Werner – sie rennen sich wiederholt fest und können das Talent, das sie zweifellos alle haben, kaum einmal entfalten.

Erstaunlich an diesem Spiel ist, dass die Schweizer trotzdem drei Tore kassieren. Dass sie eben, anders als 1956, trotz eines 2:0 und eines 3:2 nicht gewinnen – trotz der Effizienz von Gavranovic, trotz Shaqiris Einlagen und Xhakas strategischem Spiel. Dabei ist das ein Deutschland gewesen, das defensiv so viele Mängel gezeigt hat, die allemal zu einem Sieg von Petkovics Spielern hätten reichen können. Deutschland hat einen grossen Namen, das hat es immer, aber aktuell hat es alles andere als eine grosse Mannschaft.

Der drohende Abstieg

Die drei Tore haben einen Ursprung: Das ist Fabian Schär, dieser zentrale Verteidiger, bei dem so vieles so leicht aussieht. Diesmal sieht bei ihm vieles nicht gut aus. Einmal kann er einen weiten Ball von Neuer mit der Brust nicht kontrollieren, dann spielt er fahrlässig einen Querpass in der eigenen Platzhälfte, und schliesslich verliert er ohne grosse Gegenwehr einen Zweikampf.

Dreimal wird er dafür bestraft. In der 28. Minute erzielt Werner das 1:2, mit einem cleveren Flachschuss. In der 55. Minute provoziert Havertz den erstmaligen Ausgleich. Und in der 60. Minute, kaum ist Gavranovic sein zweites Tor zur erneuten Führung für die Schweizer gelungen, ist es Gnabry, der zum 3:3 trifft. Wobei Elvedi unaufmerksam ist. Zu Schärs missratenem Auftritt gehört die gelb-rote Karte, die er am Ende noch erhält. Er ist der Verlierer des Abends.

Dafür ist Gavranovic ein Gewinner, der wieder einmal zeigt, was in ihm steckt. Shaqiri leistet sich zwar ein paar Ballverluste. Solange er bei Kräften ist, zeigt er gleichwohl, wie gut er mit seinen spielerischen Qualitäten der Mannschaft tut. Und doch bleibt diese Bilanz: Inzwischen sind es fünf Spiele ohne Sieg. Und darum droht der Abstieg aus der Liga A der Nations League.

Telegramm:

Deutschland – Schweiz 3:3 (1:2)

Köln. – Keine Zuschauer. – SR Buquet (FRA). – Tore: 5. Gavranovic 0:1. 26. Freuler 0:2. 28. Werner 1:2. 55. Havertz 2:2. 56. Gavranovic 2:3. 60. Gnabry 3:3.

Deutschland: Neuer; Klostermann, Ginter (77. Can), Rüdiger, Gosens (58. Halstenberg); Kimmich, Kroos; Goretzka; Havertz (77. Draxler), Werner, Gnabry.

Schweiz: Sommer; Elvedi, Schär, Rodriguez; Widmer, Freuler (85. Benito), Xhaka, Zuber (66. Fernandes); Shaqiri (66. Sow); Gavranovic (75. Mehmedi), Seferovic (85. Itten).

Bemerkungen: Schweiz ohne Akanji und Steffen (beide positiv auf Corona getestet) sowie Aebischer, Ajeti, Embolo, Lang, Mbabu und Zakaria (alle verletzt). 100. Länderspiel von Kroos. 49. Pfostenschuss von Havertz. 93. Gelb-Rote Karte gegen Schär wegen Fouls. Verwarnungen: 28. Schär (Foul). 36. Gosens (Foul). 50. Gavranovic (Foul). 51. Xhaka (Foul). 66. Kroos (Foul).

Rangliste:

1. Spanien 4/7 (6:2)
2. Deutschland 4/6 (7:6)
3. Ukraine 4/6 (4:7)
4. Schweiz 4/2 (5:7)

13 Kommentare
    Ricky

    Schär ist niemals ein "Verlierer". Er ist der einzige Verteidiger, der nach vorn extrem was bringt und auch was riskiert. Bei den Toren war er unglücklich beteiligt. Wer eher nicht mehr ins Aufgebot gehört ist unser Ex-Milan-Spieler.