Zum Hauptinhalt springen

Vögel, Frösche und BienenDas ist das grünste Fussballstadion der Schweiz

Im und um das Stade de la Tuilière summt und brummt es. Die Stadt Lausanne arbeitete für das Prestigeprojekt sogar mit einem ornithologischen Verein zusammen.

Im Biotop neben dem neuen Lausanner Stadion blühen Blumen. Im nächsten Sommer soll das Feuchtgebiet zum Laichplatz für Amphibien werden.
Im Biotop neben dem neuen Lausanner Stadion blühen Blumen. Im nächsten Sommer soll das Feuchtgebiet zum Laichplatz für Amphibien werden.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Fussballstadien sind gigantische Betonklötze. Die neue 170 Millionen Franken teure Lausanner Sportstätte ist da keine Ausnahme. Der Betonbau wirkt massiv, selbst wenn er mit «lediglich» 12’000 Plätzen vergleichsweise bescheiden ist. Weil die Stadt Lausanne neben das grosse Stadion gleich noch ein Mini-Stadion baute und über ein halbes Dutzend Trainingsplätze hinstellte, waren die Betonmischer erst recht im Dauereinsatz. In drei Jahren wurden 2,7 Hektaren Kulturland verbaut.

Nun ist der Fussball-Campus fast fertig. Im November soll der in die Super League aufgestiegene FC Lausanne-Sport im neuen Stadion spielen, jedoch auf Kunst- statt Naturrasen.

Bevor der Ball im Stade de la Tuilière rollt und die Fans ihre Mannschaften besingen, herrscht um das Stadion bereits reges Leben. Auf der Ostseite haben Landschaftsarchitekten ein weitläufiges Feuchtgebiet mit Biotop anlegen lassen. Sumpfblumen blühen da und locken Insekten an.

Im kommenden Frühling sollen dann auch Kröten, Echsen und andere Amphibien ins Gebiet einwandern und den Ort als Laichplatz nutzen. Wasser dürften sie genug haben. In unmittelbarer Nähe fliesst das Flüsschen Petit Flon ins Tal und bewässert die Sumpflandschaft.

«Heute kann man nicht mehr Infrastrukturbauten hinstellen, ohne an die Biodiversität zu denken.»

Natacha Litzistorf, grüne Stadträtin

Die Stadtregierung habe ihr Wort gehalten, betont die grüne Stadträtin Natacha Litzistorf bei einer Besichtigung des Naturparks. Bereits bei der Ausschreibung des Architekturwettbewerbs für den Stadionbau habe man das Ziel ausgegeben, dass nur Teams gewinnen können, die Lebensräume für Tiere und Pflanzen einplanen. «Heute kann man nicht mehr grosse Infrastrukturbauten hinstellen und Tausende Quadratmeter Kulturland vernichten, ohne an die Biodiversität zu denken», argumentiert Litzistorf. Man habe mit der Organisation Pro Natura zusammengearbeitet und sorge mit dem Naturpark rund ums Stadion nun für eine Schweizer Premiere.

Bei der Planung kam Architekten und Naturschützern die Idee, unter die Zuschauerränge im Aussenmantel Vogelhäuschen zu montieren. Fünfzig solcher Häuschen wurden nun aufgehängt. Aus einem unsichtbaren Lautsprecher tönt derzeit dezentes Vogelgeschrei – «die Stimmen von Mauerseglern», weiss Emmanuel Graz, Landschaftsarchitekt der Stadt Lausanne. Noch sind die Häuschen unbewohnt. Durch die Töne sollen die Vögel auf sie aufmerksam werden, einziehen und zu nisten beginnen. Bald soll da eine ganze Mauerseglerkolonie leben.

Stadionverbot für Vögel

Vögel als Bewohner eines Fussballstadions: Ist das eine mit dem anderen vereinbar? Fliegen die Vögel bei Trainings oder Matches nicht ins Stadion? Ertragen sie den Lärm? Lassen sie ihren Kot nicht auf die Besucher fallen?

Man habe mit einem ornithologischen Verein zusammengearbeitet und sich versichern lassen, dass der Mauersegler nicht lärmempfindlich sei und weder Fussballspieler noch Matchbesucher störe, sagt Emmanuel Graz. Doch Probleme wird es geben, sollten sich in den Häuschen andere Vogelarten istallieren. Auch daran hat man bei der Stadt Lausanne gedacht. Die Häuschen lassen sich auf der Unterseite öffnen. Einen Spatzen oder eine Amsel würde man kurzerhand aus dem Refugium herausholen, umsiedeln und damit also mit einer Art Stadionverbot belegen.

Unter der Tribüne wurden Vogelhäuschen angebracht. Darin sollen Mauersegler wohnen.
Unter der Tribüne wurden Vogelhäuschen angebracht. Darin sollen Mauersegler wohnen.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

So idyllisch und durchdacht der Natur- und Vogelpark nun wirkt: Die Zusammenarbeit zwischen Gebäude- und Landschaftsarchitekten war während des Stadionbaus nicht immer spannungsfrei. Ganz grundsätzlich müssen sich Landschaftsexperten mit jenen Flächen begnügen, die Gebäudearchitekten nicht benötigen und damit anderen Zwecke überlassen können.

Auch Emmanuel Graz hätte gerne noch etwas mehr Naturflächen gehabt, betont aber, er sei keineswegs zurückgebunden worden. Die Landschaftsarchitekten seien «wie Hebammen», flachst er. Sie sorgten nach dem Bauende dafür, dass es Leben gibt. Insbesondere die Zwischenräume zwischen den einzelnen Trainingsplätzen hält Graz für äusserst wertvoll.

Der Grashüpfer ist schon da

Die Architekten haben auf dem leicht ansteigenden Terrain die Fussballfelder so gebaut, dass es zwischen den Feldern jeweils rund 20 Meter breite Verbindungsflächen gibt, die abfallen und damit den Höhenunterschied zwischen den Trainingsplätzen kompensieren. In diesen Zwischenräumen wuchern Wildpflanzen, wachsen einheimische Bäume und warten Steingärten darauf, vom Regen geflutet zu werden.

Emmanuel Graz träumt davon, dass eines Tages die Gelbbauchunke einwandert, die in Lausanne immer weniger gesehen wird. Noch hat sich die Unke nicht blicken lassen. Nur der landläufige Grashüpfer ist schon da. Für ihn ist zu hoffen, dass er sich nicht durch die Schutznetze zwängt und sich auf den Trainingsplätzen anzusiedeln beginnt. Dort, wo die Bälle rollen, sich Verteidigungslinien verschieben und Stürmer den direkten Zug zum Tor suchen, wären seine Überlebenschancen wohl nicht allzu hoch.

Zwischen den Trainingsplätzen gibt es kurze Verbindungsflächen mit wild wuchernden Grünflächen und Steingärten.
Zwischen den Trainingsplätzen gibt es kurze Verbindungsflächen mit wild wuchernden Grünflächen und Steingärten.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)
2 Kommentare
    Renato Tobler

    Stadion einmal andres. Zürich könnte da was dazulernen!