Winterthur

«Das Islamisten-Netzwerk ist so gross, dass es über Jahre hinweg bestehen bleibt»

Im Interview spricht der deutsche Journalist Shams Ul-Haq über seine viermonatige Recherche zur Radikalisierung in Schweizer Moscheen. Er ist überzeugt: Der Islamische Staat hat die An’Nur-Moschee in Hegi unter seiner Kontrolle.

Der Journalist und Terrorismusexperte Shams Ul-Haq besuchte während mehrerer Monate das Freitagsgebet in der An’Nur-Moschee in Winterthur-Hegi.

Der Journalist und Terrorismusexperte Shams Ul-Haq besuchte während mehrerer Monate das Freitagsgebet in der An’Nur-Moschee in Winterthur-Hegi. Bild: zvg

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Herr Ul-Haq, Sie haben in mehreren Schweizer Moscheen zum Thema religiöse Radikalisierung recherchiert, sehr intensiv auch in der An’Nur-Moschee in Hegi. Das alles im Auftrag der «SonntagsZeitung»?
Shams Ul-Haq: Nein, natürlich nicht, unabhänig und als freier Journalist und Terrorismusexperte. Ich lebe zwar in Deutschland, aber über Winterthur und die An’Nur-Moschee liest man auch dort immer wieder. Als gläubiger Muslim und Journalist sehe ich es als meine Pflicht an, Missstände aufzudecken und darüber zu berichten. Gelebt habe ich im Hotel Banane und bei Bekannten in Zürich und Winterthur. Wie gross das Netzwerk der Jihad-Rekrutierer hier inzwischen ist – mit dem Zentrum der An’Nur-Moschee –, hat mich erschreckt.

Sie zitieren aus einer Predigt des An’Nur-Imams Shaik Wail, der inzwischen abgesetzt wurde: «Die Gesetze des Islams stehen über allem» oder «Der Mann muss in den Jihad». Ist das denn bereits ein direkter Aufruf an die Gemeinde, in den Heiligen Krieg zu ziehen?
Nein, direkt wurde nie dazu aufgerufen. Namentlich hat der Imam weder den Syrien-Konflikt noch den Islamischen Staat jemals genannt. Das wäre so plump wie verboten. Shaik Wail brüllte aber jeweils derart laut und in einem aggressiven Ton, dass er damit gerade die jüngeren Muslime und Konvertiten erschreckte und irritierte. Sie fühlten sich teilweise als Gläubige angesprochen und aufgefordert. Nur: zu was? Das fragten sie sich. Nach dem Freitagsgebet, aber auch unter der Woche lud Shaik Wail diese Leute dann ein, um «offene Fragen» in Nebenzimmern der Moschee oder zu Hause zu klären.

Und was passierte da?
Dort setzt man offenbar auf den Weg der «Selbsterkenntnis und Bestätigung», der einen viel stärkeren Effekt hat als direkte Order von oben oder aussen. Ein Dialog lief etwa so ab: «Soll ich in den Jihad ziehen?» – «Das musst du für dich selber herausfinden.» – «Und das finde ich am besten in Syrien heraus?» – «Ja.» Während dieser Gespräche wurden offenbar auch IS-Videos gezeigt, in der Moschee selber. Persönlich war ich nie dabei, das wäre viel zu auffällig gewesen. Ich stütze mich hier auf die Angaben meiner Informanten und Vertrauten vor Ort.

Welche Rolle spielen dabei die Personen, die Sie Begleiternennen?
Sie bilden das Zentrum des Netzwerks radikaler Salafisten, die in den Moscheen gezielt nach neuen Anhängern suchen und diese dann eben begleiten: Man geht zusammen ins Fitness, spielt Fussball oder in die Shisha-Lounge und versucht sie so sanft an die eigenen Ideen heranzuführen. Oft sind es junge Muslime oder Konvertiten, die in ihrem Glauben noch nicht gefestigt sind. Wenn diese doch skeptisch wurden und kritische Fragen stellten, wurden sie von ihren Begleitern wieder zu Imam Shaik Wail geführt, um Missverständnisse auszuräumen. Die Begleiter stammen grösstenteils aus dem Umfeld der Koranverteilaktion «Lies!». Und derenNähe zum Islamischen Staat ist unbestritten.

Und wie eng verflochten ist die An’Nur-Moschee denn mit dem Islamischen Staat?
Ich gehe davon aus, dass die Moschee ohne Zahlungen des IS längst bankrott wäre. Mein Kontaktmann im Moscheevorstand hat mir bestätigt, dass er nicht ausschliessen könne, dass die An’Nur-Moschee heute faktisch unter der Kontrolle des Islamischen Staats stehe. Es fliesst Geld, definitiv, das habe ich auch aus anderen gut informierten internen Quellen erfahren.

Ein Teil des Moscheevorstands weiss offenbar Bescheid. Welche Rolle spielt der langjährige Moscheepräsident Atef Sahnoun, der Radikalisierungsvorwürfe öffentlich immer wieder abgestritten hat, aber stets undurchsichtig blieb?
Atef weiss sehr wohl, was in den Hinterzimmern seiner Moschee passiert. Ich glaube, er nimmt es einfach hin. Warum genau, weiss ich nicht. Aber er macht sich definitiv mitschuldig, wenn Jugendliche dort radikalisiert werden. Er hat noch immer viel zu sagen, der Posten des Präsidenten ist derzeit vakant. Vermutlich wollte Sahnoun seine Gemeinde schützen. Denn natürlich sind die meisten, die in der An’Nur-Moschee zum Freitagsgebet gingen, nach wie vor ganz normale gemässigte Muslime.

Sie gehen aber davon aus, dass das lokale Jihad-Netzwerk noch viel grösser ist als bisher angenommen.
Ja, und ich glaube auch nicht, dass bisher bloss sieben Personen von Winterthur in den Jihad zogen, sondern mindestens doppelt so viele, auch schweizweit. Nicht immer gingen sie direkt nach Syrien, sondern auch nach Ägypten oder Libyen. Das Netzwerk, das man in Winterthur wachsen liess, ist heute zu gross, als dass man es in den nächsten zehn Jahren wieder zerschlagen könnte.

Das müssen Sie ausführen.
Die Begleiter, die teilweise in direktem Kontakt mit dem IS stehen, sind ja längst nicht mehr nur in der An’Nur-Moschee unterwegs, um zu rekrutieren, sondern auch in anderen lokalen Moscheen, aber auch in Zürich und anderen Städten. Meine Recherchen dazu werden noch publik, aber erst später.

Was also fordern Sie von Politik und Behörden?
Die interreligiösen Dialoge unter der Führung der städtischen Behörden und die neue Extremismusfachstelle sind gute Ansätze. Aber sie reichen bei weitem nicht. Meiner Meinung nach hätte man die An’Nur-Moschee bereits nach den ersten bekannten Fällen radikalisierter Jugendlicher sofort schliessen müssen.

Ich habe das Gefühl, dass die Behörden bis heute keine Ahnung, geschweige denn die Kontrolle darüber haben, was in der An’Nur-Moschee abläuft. Fairerweise muss man sagen: Ihnen fehlt die gesetzliche Grundlage, um hart durchzugreifen. Mit Verlaub, aber die Schweizer Gesetze sind viel zu mild, um religiösen Radikalismus effektiv zu bekämpfen. Die rechtlichen Hürden, einen Hassprediger auszuschaffen, sind riesig. So etwas spricht sich herum. Handlungsbedarf gibt es auch bei den Flüchtlingen.

Inwiefern?
Die Asylverfahren dauern in der Schweiz viel zu lange. Junge Leute warten teilweise jahrelang auf ihren Entscheid. Das ist frustrierend. Es gibt einige Flüchtlinge, die inzwischen wütend sind und enttäuscht sind vom System, auch in Winterthur. Auch diese jungen Muslime gehören in den Moscheen zur Zielgruppe der Winterthurer ‹Begleiter›, obwohl sie teilweise wegen des Terrors flüchten mussten, für den sie der IS nun wieder einspannen will. Auf dieses Problem gehe ich auch in meinem neuen Buch ein, «Die Brutstätte des Terrors».

(Der Landbote)

Erstellt: 17.10.2016, 22:49 Uhr

Ein drastischer Bericht und ein Fragezeichen zum Autor

Die «SonntagsZeitung» hat am Wochenende eine Insider-Reportage aus der An’Nur-Moschee publiziert. Der IS finanziere heute die Moschee, heisst es im Bericht, und der Imam rufe dort «ungehindert» zum Heiligen Krieg auf.

Der lange Text des aus Pakistan stammenden Deutschen Shams Ul-Haq zeigt erschreckende Szenen und Zusammenhänge in der An’Nur-Moschee in Hegi. Noch deutlicher, als man bisher schon wusste, dokumentiert der Autor, wie ein Imam radikalsten Islam predigt, indirekt zum Heiligen Krieg aufruft und in Hinterzimmern Leute für den Jihad mobilisiert. Mehr noch: Nach dem Austritt von gemässigten Mitgliedern sei das Geld im Moscheeverein knapp geworden, nun zahle der IS: «Ohne den IS würde diese Moschee nicht mehr existieren», schreibt Shams Ul-Haq.

Atef Sahnoun, der ehemalige Präsident der An'Nur-Moschee bestreitet hingegen, dass der IS Einfluss auf die Moschee ausübe. Gegenüber der «SoZ» sagte er, die Predigten seien missverstanden worden: «Wenn der Imam vom Jihad spricht, dann meint er den Kampf zwischen Sunniten und Schiiten.»

Er selber, so Shams Ul-Haq, sei während Monaten zum Freitagsgebet in die Moschee gegangen, habe Kontakte geknüpft, auch in anderen Winterthurer Gebetshäusern. Auch dort seien junge Muslime von An’Nur-Leuten direkt angegangen worden. Vier Monate lang habe er recherchiert.

Vertrauen mit Geld erreicht

Er habe in mehreren Moscheen Geld gespendet und sich als pakistanischer Geschäftsmann ausgegeben, um Vertrauen zu schaffen, schreibt Ul-Haq. «Nur so erregte ich das Interesse der Imame, die in mir bald einen vertrauenswürdigen Muslim sahen.»

Shams Ul-Haq bezeichnet sich selber auf seiner Homepage als «Autor und Terrorismusexperte», dessen erstes Buch «Die Brutstätte des Terrors» im Oktober erscheint; er habe dessen Inhalt undercover in Asyl- und Flüchtlingsheimen recherchiert. Ebenfalls auf der Homepage finden sich Interviews, die hauptsächlich in deutschen Medien erschienen.

Umstrittene Asylreportage

In der Schweiz wurde Shams Ul-Haq Anfang Jahr mit einer Reportage aus dem Asylempfangszentrum Kreuzlingen bekannt, die er auch verdeckt recherchiert hatte und die ebenfalls in der «SonntagsZeitung» publiziert wurde. Hauptvorwurf: Im Asylzentrum werde Gewalt angewendet, Flüchtlinge würden geschlagen. Die Reportage schlug hohe Wellen, wie auch die neue aus der Moschee in Hegi erschreckend wirkt.

In der Folge wurde der Undercoverjournalist nach seiner Asylreportage von anderen Medien aber auch harsch kritisiert, weil er sich nach der Publikation nicht zu seiner Arbeit und seinen Quellen äussern wollte. Insbesondere die «Wochenzeitung» (WOZ) ging mit ihm hart ins Gericht: Das sei unglaubwürdig und «Borderlinejournalismus», der Journalist habe «eine völlig schräge Nummer abgezogen». Und im Gespräch mit der WOZ habe der Autor«mitunter offenbar die Unwahrheit» gesagt. Die WOZ verschwieg freilich nicht, dass in Kreuzlingen just damals tatsächlich Fehlverhalten von Securitas-Personal bekannt worden war.(mgm/hit)

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