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Kolumne «Miniaturen des Alltags»Das geht mir auf den Wecker

Die Vergesslichkeit der Nachbarn kann die Falschen aufrütteln – und in den Wahnsinn treiben.

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Eine kleine Geschichte aus dem Alltag.
Grafik: Olivier Samter

Wie merkt man, dass man – ganz schleichend – verrückt wird? Genau, man hört plötzlich Stimmen in seinem Kopf. Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass einen die Isolation im Homeoffice unweigerlich in den Wahnsinn treibt. Aber ist da, im Hintergrund, nicht irgendwo ein leises, monotones Geräusch zu hören?

Ich sitze eines Morgens in der Wohnung und lausche, noch bevor ich von zu Hause aus die Arbeit aufnehme, angestrengt in die Stille. Tatsächlich: In der Wohnung direkt unter mir – oder ist es in jener schräg darunter? – ertönt ein ständiges «Biebiep! Biebiep!».

Schnell ist mir klar: Hier hat jemand das Haus verlassen, ohne seinen Wecker abzustellen. Und ich bin erleichtert. Gut zu wissen, dass ich noch nicht am Rand des Wahnsinns bin. Obwohl, ich steuere gerade darauf hin zu: Denn das Geräusch will einfach nicht aufhören. Den ganzen Morgen lang ertönt das «Biebiep! Biebiep!» Und den ganzen Nachmittag lang: «Biebiep! Biebiep!»

Das geht mir wirklich auf den Wecker! Es ist schlimmer als ein tropfender Wasserhahn, der einem den letzten Nerv raubt. Immerhin: Wenn ich telefoniere und mit anderen Leuten rede, höre ich das Geräusch nicht. Wenn ich an meinem Text schreibe, ist es dafür umso lauter. Es helfen nur noch Ohrstöpsel und Musik, wobei Letzteres die Konzentration ebenfalls stört.

Am frühen Abend ist der nervende Ton endlich weg. Ist die Batterie des Weckers leer, ist die Nachbarin nach Hause gekommen? Keine Ahnung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es tatsächlich ruhig ist. Vielleicht ist die Stille trügerisch, ja vielleicht existiert sie nur in meinem Kopf – was wiederum eine andere Form von Wahnsinn wäre. Auch da ist man sich nach so vielen Tagen im Homeoffice, plötzlich nicht mehr sicher. Biebiep! Biebiep!