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Re-Start in Italien
Das Corona-Epizentrum will ein Fussballmärchen schreiben

Keine europäische Stadt wurde vom Virus härter getroffen als Bergamo. Siege von Atalanta wären ein wichtiger Schritt Richtung neue Normalität. Am Sonntag gehts los.

Bergamo  erlangte unerwünschte Berühmtheit als europäisches Epizentrum der Coronapandemie: In den vergangenen Wochen starben in der Region über 6000 Menschen an Covid-19.
Bergamo erlangte unerwünschte Berühmtheit als europäisches Epizentrum der Coronapandemie: In den vergangenen Wochen starben in der Region über 6000 Menschen an Covid-19.
Foto: Marco Di Lauro/Getty Images
Hilfe in schweren Zeiten: Das italienische Militär war während den letzten Wochen in Bergamo omnipräsent.
Hilfe in schweren Zeiten: Das italienische Militär war während den letzten Wochen in Bergamo omnipräsent.
Foto: Emanuele Cremaschi/Getty Images
Erfolge ihrer Mannschaft wären für die Bergamasken ein Schritt zurück zur neuen Normalität: Atalanta mit dem Schweizer Remo Freuler (r.).
Erfolge ihrer Mannschaft wären für die Bergamasken ein Schritt zurück zur neuen Normalität: Atalanta mit dem Schweizer Remo Freuler (r.).
Foto: KEYSTONE/Dave Thompson
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Es waren Bilder, die auch hartgesottensten Personen den Schlaf raubten. Militärlastwagen um Militärlastwagen fuhr spätnachts durch Bergamo, beladen mit Särgen der Opfer der Corona-Pandemie. Sie brachten sie an andere Orte, auf den Friedhöfen der Stadt war längst kein Platz mehr. Die 120’000-Seelen-Stadt, gelegen 50 Kilometer östlich von Mailand, erlangte rasch unerwünschte Berühmtheit als europäisches Epizentrum von Covid-19. Mehr als 6000 Menschen verloren in der Provinz Bergamo ihr Leben in Zusammenhang mit der Pandemie, bei bislang 34’000 Opfern landesweit ein weit überdurchschnittlicher Blutzoll.

Direkte Zeugen der Tragödie wurden Nationalspieler Remo Freuler und der frühere FCZ-Verteidiger Berat Djimsiti, die beiden Profis von Atalanta Bergamo. «Diese Bilder werden mir immer bleiben», sagte Freuler unlängst gegenüber «Tuttosport», «ich denke an ihre Liebsten und dass sie sich nicht einmal mit einer Beerdigung von den Verstorbenen verabschieden konnten: schrecklich.»

Mit Champagner-Fussball zu Grosserfolgen

Der Fussballclub war zuletzt Elixier für eine ganze Region gewesen, Hoffnungsträger für alle Kleinen im Calcio auch und der Beweis, dass mit seriöser Arbeit und haushälterischem Umgang mit den Finanzen sogar die Giganten aus Turin, Mailand und Rom geärgert werden können. Das letzte Jahr hatte den «nerazzurri» lauter Highlights gebracht, besonders Offensivkräfte wie Luis Muriel, Josip Ilicic und Duvan Zapata schossen sich in die Notizblöcke europäischer Topvereine. Zuerst hatte Atalanta mit «Champagner-Fussball» erstmals in der Clubgeschichte die Champions League erreicht, in den ersten sechs Monaten dieser Saison hielt das Hoch an. 70 Tore erzielten die Bergamasken in der Serie A, 10 mehr als die ebenfalls offensivstarken Laziali aus Rom, zuletzt gabs am 1. März ein 7:2 in Lecce. Der Lohn für Freuler und Konsorten: Zwischenrang 4, erneuter Kurs auf die Königsklasse, mit respektablem Vorsprung auf die Ligagrössen AS Roma, Napoli und Milan, dazu die Viertelfinal-Qualifikation in der Champions League.

Remo Freuler (links) will ab Sonntag wie hier in der Champions League gegen Manchester City und Kevin De Bruyne wieder sportliche Schlagzeilen generieren.
Remo Freuler (links) will ab Sonntag wie hier in der Champions League gegen Manchester City und Kevin De Bruyne wieder sportliche Schlagzeilen generieren.
Foto: Luca Bruno / Keystone

Das alles ist in den letzten Monaten zur Randnotiz verkommen. Umso grösser ist nun die Motivation vor der Wiederaufnahme mit dem Heimspiel am Sonntag gegen Sassuolo: «Wir wollen in den nächsten Wochen für Atalanta spielen und gewinnen, aber auch für alle Einwohner von Bergamo», sagt Freuler. Bürgermeister Giorgio Gori sagt: «Erfolge von Atalanta wären nun ganz besonders Balsam für unsere Seele.» Freuler glaubt, dass in nächster Zeit einiges möglich ist, auch in der Champions League, die unmittelbar nach Ende der italienischen Meisterschaft Anfang August in die entscheidende Phase geht: «Wir sind dann schon im Rhythmus. Ich traue uns sehr viel zu.» Es wäre ein Märchen, gegen das wohl niemand etwas einzuwenden hätte.