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Vorwürfe gegen Trump und Biden«Dann wurde sein Griff fester»

Mit Amy Dorris haben jetzt 27 Frauen öffentlich US-Präsident Donald Trump vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Sein Kontrahent Joe Biden kennt ähnliche Vorwürfe. Die Unterschiede aber sind erheblich.

Vor der Wahl wirft eine weitere Frau US-Präsident Donald Trump sexuelle Belästigung vor. Das Bild zeigt Trump bei einer Rede vor Anhängern (17. September 2020).
Vor der Wahl wirft eine weitere Frau US-Präsident Donald Trump sexuelle Belästigung vor. Das Bild zeigt Trump bei einer Rede vor Anhängern (17. September 2020).
Foto: Evan Vucci (Keystone)

Mit Amy Dorris sind es jetzt 27 Frauen, die Trump öffentlich vorwerfen, sie sexuell missbraucht, genötigt oder gar vergewaltigt zu haben. Und es ist vielleicht nicht verkehrt, sich hier noch einmal ihre Namen vor Augen zu führen.

Ivana Trump (seine Exfrau), Jill Harth, E. Jean Carroll, Summer Zervos, Alva Johnson, Jessica Leeds, Kristin Anderson, Lisa Boyne, Cathy Heller, Temple Taggart McDowell, Karena Virginia, Karen Johnson, Mindy McGillivray, Jennifer Murphy, Rachel Crooks, Natasha Stoynoff, Juliet Huddy, Jessica Drake, Ninni Laaksonen, Cassandra Searles, Mariah Billado, Victoria Hughes, Bridget Sullivan, Tasha Dixon und Samantha Holvey.

Sie konnte sich seinem Griff nicht entziehen

Es spricht wenig dagegen, auch Amy Dorris zu glauben, wenn sie jetzt offenbart, dass Trump sie 1997 am Rande des Tennisturniers US Open in New York bedrängt hat. Sie sei zusammen mit ihrem damaligen Freund in Trumps Privatbox eingeladen gewesen, berichtete sie dem Guardian, der ihre Geschichte an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Dorris war damals 24 Jahre alt und hat als Model gearbeitet.

«Er schob seine Zunge in meinen Hals und ich stiess ihn weg», sagt Dorris. «Dann wurde sein Griff fester.» Trump habe sie begrapscht, «überall an meinem Hintern, meinen Brüsten, meinem Rücken, allem». Sie berichtet, sie habe sich seinem Griff nicht entziehen können.

Die Geschichte wird von einer Reihe von Zeugen bestätigt. Darunter ihr Therapeut und gute Freunde, denen sie ihr Erlebnis damals im Vertrauen geschildert habe. Die Reporter des Guardian haben keine Widersprüche in den Aussagen entdeckt. Es gibt Fotos, die belegen, dass Trump und Dorris sich im Sommer 1997 in den VIP-Räumen der US Open begegnet sind. Auf einem Bild hat Trump seine Hand eng um ihre Taille gelegt.

«Dies ist nur ein weiterer erbärmlicher Versuch, Präsident Trump kurz vor der Wahl anzugreifen.»

Jenna Ellis, Anwältin der Trump-Kampagne

Die Trump-Kampagne weist in einer Erklärung alle Vorwürfe zurück. «Die Anschuldigungen sind völlig falsch», erklärte Jenna Ellis, eine Anwältin der Trump-Kampagne. Und: «Wir werden alle rechtlichen Mittel in Betracht ziehen, um The Guardian für die böswillige Veröffentlichung dieser unbegründeten Geschichte zur Rechenschaft zu ziehen. Dies ist nur ein weiterer erbärmlicher Versuch, Präsident Trump kurz vor der Wahl anzugreifen.»

Die Erlebnisse von Dorris sind wie eine Blaupause für die Vorwürfe, die bisher gegen Trump erhoben wurden. Fast alle genannten Frauen berichten, sie seien von Trump mindestens ungefragt berührt, begrapscht oder geküsst worden.

Trump hat immer alles abgestritten. Und ist sogar so weit gegangen, sich über manche der Frauen verächtlich zu machen. Wie im Fall von Natasha Stoynoff (lesen Sie dazu eine Liste der Opfer: «Trump war wie ein Oktopus, seine Hände waren überall»).

Politisch anhaben können sie ihm nichts

Die Journalistin hatte 2005 ein Interview mit seiner Frau Melania in Trumps Golf-Ressort Mar-a-Lago in Florida geführt. Donald Trump soll ihr zu der Gelegenheit eine Führung durch das Hotel gegeben haben. In einem unbeobachteten Moment habe sie sich zu ihm umgedreht und «innerhalb von Sekunden drückte er mich gegen die Wand und steckte seine Zunge in meinen Hals». Sie habe nur gerettet, dass Trumps damaliger Butler wenig später in den Raum kam.

Herausgekommen ist die Geschichte kurz vor der Wahl 2016. Auf Wahlkampfveranstaltungen machte sich Trump danach über das Aussehen von Natasha Stoynoff lustig: «Schaut sie euch an. Sagt mir, was ihr glaubt. Ich glaube das nicht.»

Trump hat die Wahl 2016 dennoch gewonnen. Und er wird die Wahl 2020 wenn, dann nicht wegen Amy Dorris verlieren. Die Vorwürfe schaden ihm nicht (lesen Sie dazu den Artikel: «Die Sache wird vergessen, bis die nächste Frau sich meldet»). Fast jeder andere Kandidat müsste aufgeben. Aber Trump hat anders als andere Kandidaten keinen Ruf zu verlieren. In einem kurz vor der Wahl 2016 veröffentlichten Video prahlte er damit, dass er Frauen einfach «an die Pussy» fassen könne, nur weil er ein Prominenter sei.

Sie glauben Trump oder es ist ihnen egal

Aber selbst seine Frau Melania scheinen die Vorwürfe nicht weiter gestört zu haben. Ihrer früheren Freundin Stephanie Winston Wolkoff soll sie gesagt haben: «Ich weiss, mit wem ich verheiratet bin.»

Die Vorwürfe von Amy Dorris werden also vermutlich genauso versanden wie alle anderen. Das geht, weil Trumps Kernwähler ihm entweder glauben, dass sie nicht wahr sind, oder es ihnen schlicht egal ist. Die #metoo-Bewegung fand und findet vor allem in einer linken Blase statt. Unter Republikanern gilt als Nestbeschmutzer, wer auch nur darauf hinweist, dass es Täter auch in ihren Reihen gibt.

Die konservative Autorin Mona Charen etwa sprach Anfang 2018 auf der CPAC, einer Konferenz, auf der sich jeder tummelt, der in republikanischen Kreisen gesehen und gehört werden will. Sie sagte, dass sie den Umgang ihrer Partei mit den Vorwürfen gegen Trump «heuchlerisch» fand. Und sprach den Umstand an, dass die Partei in Alabama den Kandidaten Roy Moore unterstützt habe. Obwohl der in seinem Wahlkampf «glaubhaften» Vorwürfen ausgesetzt war, Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. Charen wurde dafür von ihrem grösstenteils weiblichen Publikum ausgebuht und musste unter Personenschutz das Gelände verlassen.

Völlig entziehen konnten sich die Republikaner dem Sog von #metoo allerdings nicht. Vor der Zwischenwahl 2018 haben zwei Dutzend Kandidaten ihre Kampagne beendet müssen, weil sie mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung oder schlimmer konfrontiert waren. Die Hälfte davon waren Republikaner. Nur Trump blieb in dieser Frage unangreifbar. Bis heute.

Was an den Vorwürfen gegen Joe Biden anders ist

Auch gegen seinen Kontrahenten Joe Biden gibt es Vorwürfe. Im Frühjahr 2019, der Vorwahlkampf hatte gerade begonnen, haben sich sieben Frauen zu Wort gemeldet, die sagten, Biden habe sie auf unangemessene Weise berührt. Dazu gehörten etwa Küsse auf den Hinterkopf oder ungebetene Umarmungen. Keine der Frauen warf Biden sexuelle Übergriffe vor. Biden wurde von vielen in seiner Partei verteidigt. Er kam aber unter Druck, eine Erklärung abzugeben. Im Kern sagte er, er sei sich nicht bewusst gewesen, dass sein Verhalten dazu führen konnte, dass Frauen sich unwohl fühlten. Daran werde er arbeiten. Diese Erklärung beendete vorerst die Debatte (lesen Sie dazu den Kommentar: Der Grüsel im Weissen Haus).

Unter den Frauen aber war auch Tara Reade, die 1993 eine Mitarbeiterin im Büro des damaligen Senators Biden war. Ende März 2020 erweiterte sie ihre Vorwürfe im Podcast «The Katie Halper Show». Biden, dem da schon die Nominierung kaum noch zu nehmen war, habe nicht nur auf eine Art seine Hände auf ihre Schultern, ihren Nacken und ihr Haar gelegt, dass ihr unwohl geworden sei. Ihr neuer Vorwurf lautete, Biden habe sie gegen eine Wand gedrückt, sie geküsst, seine Hand unter ihren Rock geschoben, sie befingert und gefragt: «Willst du woanders hingehen?»

Vielen Unstimmigkeiten

Die einen sagen, dass Reades Geschichte danach von den Demokraten und ihnen wohlgesonnenen Medien erfolgreich begraben wurde. Andere sagen, dass Reade sich derart in Widersprüche verloren hat, dass ihr kaum noch jemand geglaubt habe.

Tara Reade hatte im April 2019 erstmals öffentlich in einer Lokalzeitung erklärt, dass Biden sie unangebracht berührt habe. Sie hatte aber explizit darauf hingewiesen, dass es nicht um sexuelle Übergriffe gehe, sondern um den Missbrauch von Macht. Sie hat dann mit diversen anderen Medien gesprochen, der Washington Post etwa, der New York Times oder Vox. Niemand wollte ihre Geschichte veröffentlichen. Vor allem, weil die Reporte nicht ausreichend eindeutige Belege und Aussagen aus erster Hand gefunden haben, wie Vox-Autorin Laura McGann in einem langen Artikel erklärte.

«Ich möchte, dass sie wissen, dass sie sich von niemandem etwas antun lassen müssen, was sie nicht wollen.»

Amy Dorris

Nach Reades neuen Vorwürfen haben AP, Politico, die New York Times und andere sich an eine Überprüfung der Geschichte gemacht. Alle kamen zu dem Schluss, dass zu viele Ungereimtheiten im Spiel sind.

Ob, und wenn, was genau 1993 passiert ist, das wissen am Ende wohl nur Biden und Reade. Biden hatte Glück, dass die Corona-Pandemie alles andere überlagert hat. Und dass der Wunsch unter Demokraten übermächtig ist, Trump abzulösen. Das dürfte das Bedürfnis stark gemindert haben, Vorwürfe zu verfolgen, die von so vielen Unstimmigkeiten umgeben sind.

Aber warum ist Amy Dorris jetzt erst an die Öffentlichkeit gegangen, mehr als 20 Jahre nach dem Vorfall mit Trump? Ihre Töchter werden bald 13 Jahre alt, sagt sie. Und «ich möchte, dass sie wissen, dass sie sich von niemandem etwas antun lassen müssen, was sie nicht wollen». Sie will ihnen ein Vorbild sein. «Ich möchte, dass sie sehen, dass ich nicht geschwiegen habe, dass ich mich gegen jemanden gestellt habe, der etwas getan hat, das nicht akzeptabel war.»

39 Kommentare
    David DelMaestro

    Was ich nicht verstehe: warum warten all diese sexuell belästigte Frauen so lange bis sie an die Öffentlichkeit gehen?