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Kolumne «Heute vor»Dankbarkeit sieht anders aus

Zuerst hat er zwei Burschen mit Bier beschenkt, dann wurde er ausgeraubt – ein Mann musste vor 90 Jahren für seine Grosszügigkeit teuer bezahlen. Das damalige Parlament in Horgen musste sich derweil mit unappetitlichen Dingen befassen.

Aus dem Archiv der «Zürichsee-Zeitung».
Aus dem Archiv der «Zürichsee-Zeitung».
Illustration: Olivier Samter

Es liest sich zunächst wie eine normale Polizeimeldung im «Anzeiger des Bezirkes Horgen» aus dem Jahre 1931. Ein «angetrunkener 57-jähriger Mann» wurde an der Seestrasse in Horgen an einem Samstagabend um 23.30 Uhr von einem jungen Burschen überfallen und beraubt. «Dem Überfallenen wurde das Portemonnaie aus den Hosen herausgenommen und nachdem der Inhalt im Betrage von ca. 20 Franken diesem entnommen war, wurde das leere Portemonnaie dem Manne wieder in die Tasche gesteckt.» Erst später stellte sich dramatischerweise heraus: Der 19-jährige Täter wurde kurz zuvor in einer Wirtschaft von dem Überfallenen noch mit Bier beschenkt. Der grosszügige Mann hätte sich bestimmt eine andere Form von Dankbarkeit gewünscht.

Undankbar war auch jener Kanzlist der Gemeindebetriebe Erlenbach, der wegen Unterschlagung von 2200 Franken in Haft genommen wurde. Erst zwei Jahre zuvor war er eingestellt worden, doch «schon unmittelbar nachher begann er einzelne Bezüge nicht zu buchen. Der Alkohol spielte eine Rolle; der Fehlbare ist geständig. Eine Expertise klärt gegenwärtig den Umfang der Veruntreuungen ab», ist in der rechtsufrigen «Zürichsee-Zeitung» zu lesen.

Ein unappetitliches Traktandum hatte das Parlament in Horgen – damals gab es im Bezirkshauptort noch eines – im Februar 1931 zu behandeln. Es ging um den Einbau von Aborten und eines Pissoirs in die Wartehalle beim Dampfschiffsteg für 6000 Franken. Die Wartehalle war 20 Jahre zuvor für 8350 Franken erstellt worden. Zwar war schon damals die Einrichtung von Aborten vorgesehen gewesen. «Der dafür vorgesehene Raum musste aber als Gepäckraum der Dampfschiffgesellschaft überlassen werden.» In der Folge wurde verschiedentlich der Einbau von Aborträumen verlangt, eine Beschlussfassung aber immer wieder verschoben. Das neu vorliegende Projekt teilte die Wartehalle so ein, dass ein 3,5 auf 1,7 Meter grosser Raum für Frauen- und Männeraborte sowie ein Pissoir frei werden sollte. Der «Anzeiger des Bezirkes Horgen» bedauerte in seinem Bericht, dass die bisherigen Anläufe «bis jetzt nicht zum Ziele führten. Hoffentlich gerät es diesmal.» Der Wunsch ging in Erfüllung, der Grosse Gemeinderat bewilligte den Kredit – «auf Rechnung des ausserordentlichen Verkehrs».