Zum Hauptinhalt springen

Interview mit Mobiliar-Chef«Die Leute sind weniger bereit, für die Schäden anderer zu zahlen»

Die Versicherer könnten nicht dafür einstehen, wenn wegen Corona «der Staat die ganze Schweizer Volkswirtschaft herunterfährt», sagt Mobiliar-Chef Markus Hongler. Und er stellt einen Trend zur Entsolidarisierung fest.

«Corona wirkt als Brandbeschleuniger»: Mobiliar-Chef Markus Hongler, aufgenommen am Sitz der Versicherung in Zürich-Oerlikon.
«Corona wirkt als Brandbeschleuniger»: Mobiliar-Chef Markus Hongler, aufgenommen am Sitz der Versicherung in Zürich-Oerlikon.
Foto: Andrea Zahler

Herr Hongler, lassen Sie mich mit einem aktuellen Vorgang einsteigen: Helvetia und Raiffeisen werden ihre Vertriebskooperation beenden. Ist damit
für die Mobiliar der Weg frei zu einer Partnerschaft mit Raiffeisen?

Raiffeisen Schweiz hat im Frühjahr 2019 ihre Versicherungskooperation neu ausgeschrieben. Die Mobiliar wurde ebenfalls angefragt. Wir prüfen immer wieder Möglichkeiten für Kooperationen und Partnerschaften. Das ist auch hier der Fall. Ein finaler Entscheid ist bisher nicht gefallen.

Die Suva berichtete kürzlich über stark gesunkene Unfallzahlen wegen des Lockdown. Dürfen wir uns auf Prämiensenkungen im nächsten Jahr freuen?

Wir passen die Prämien laufend an die Schadenentwicklung in den Vorjahren an. Unsere Autoprämien haben wir bereits im April um durchschnittlich 3 bis 4 Prozent und teils um bis zu 8 Prozent gesenkt. Ausserdem werden wir ab Juli 10 Prozent der Autoprämie als Gewinnbeteiligung an unsere Kunden zurückerstatten.

Die Suva erwägt einen «Corona-Bonus», allenfalls in Absprache mit den privaten Versicherern. Was halten Sie davon?

Die Suva ist kein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern eine Teilmonopolistin. Dahinter steckt eine andere Ratio, als wir sie im deregulierten Markt kennen. Im heutigen Wettbewerbsumfeld muss jeder für sich entscheiden, wie er sich aufstellt, welche Ziele er anstrebt und wie er seine Prämien gestaltet.

Rechnen Sie – abgesehen von temporären Ausschlägen – mit dauerhaften Verschiebungen im Schadenverlauf aufgrund der Pandemie?

Ja, wir werden andere Schadenbilder zu sehen bekommen. Die Pandemie hat darauf aber nur einen indirekten Einfluss. Entscheidend ist vielmehr, dass Corona das Kundenverhalten verändern wird. Nicht im Sinne völlig neuer Trends – sie sind bereits vorhanden. Corona wirkt sozusagen als Brandbeschleuniger.

Wie bekommt dies die Mobiliar zu spüren?

Die Autoversicherung ist ein gutes Beispiel: Die Kunden werden von uns erwarten, dass wir ihre Prämien entsprechend der individuellen Nutzung des Autos berechnen. Was in angelsächsischen Ländern längst zum Standard gehört, ist bei uns noch nicht angekommen.

Es fehlt an einem entsprechenden Angebot.

Die Mobiliar bietet dies bereits an. Aber weniger als 5 Prozent unserer Kunden nutzen es – vor allem junge Leute, bei denen die höheren Prämien einen Anreiz schaffen.

Worauf führen Sie das geringe Interesse zurück?

In der Schweiz sind es die Kunden gewohnt, Jahresprämien zu zahlen und jederzeit auf einen hohen Leistungsstandard zurückzugreifen. Das aufzugeben, fällt schwer.

Warum soll das mit Corona anders werden?

Während des Lockdown konnten die Leute länger nicht Auto fahren. Also wollen sie jetzt weniger Prämie zahlen. Eine solche Forderung stand bis jetzt nicht im Raum.

Die Versicherten zahlen nur noch entsprechend ihrem persönlichen Nutzerverhalten – wird das zur neuen Dominante in der Branche?

Auf jeden Fall werden solche Ansprüche öfter gestellt als früher. Das hat mit der generellen Entsolidarisierung zu tun. Die Leute sind weniger bereit, für die Schäden anderer zu zahlen. Für uns stellt sich die Frage, wie stark wir die Entsolidarisierung zulassen. Versicherung baut auf das Solidaritätsprinzip. Fällt dieses weg, bezahlen schlechtere Risiken sehr hohe Prämien.

Als stossend haben KMU-Kunden empfunden, dass Versicherer Zahlungen trotz Epidemiedeckung verweigerten mit der Begründung, es handle sich bei Corona um eine Pandemie. Warum unterscheidet die Mobiliar erst gar nicht zwischen Epidemie und Pandemie?

Für uns ist die Pandemie kein Thema, weil wir nur in der Schweiz tätig sind. Dass global tätige Konzerne den Pandemiefall ausschliessen, kann ich verstehen. Denn im Fall einer Pandemie tritt der Risikofall beim gesamten Versichertenbestand weltweit gleichzeitig ein – das lässt sich nicht versichern. Deshalb geht es im Kern bei der Diskussion, die Sie ansprechen, gar nicht um die Frage Pandemie oder nicht.

Sondern?

Es geht darum, dass niemand den staatlich verordneten, flächendeckenden Lockdown auf dem Radar hatte. Dieser Fall ist neu im Epidemiegesetz verankert – dass der Staat praktisch ein ganzes Land dichtmachen kann, wobei auch Betriebe ohne einen Schaden schliessen müssen.

«Der Schaden für die Mobiliar ist auch so gross, weil alle Versicherten betroffen sind.»

Die Epidemiedeckung gab es aber schon längst.

Als wir unsere Epidemieversicherung einführten, ging es hauptsächlich um Hygiene. Betriebe, die Nahrungsmittel herstellen oder anbieten, laufen Gefahr, dass sie verunreinigt werden, etwa durch Salmonellen. In dem Fall können die Behörden eine Betriebsschliessung anordnen. Im letzten März standen wir nun plötzlich vor einem landesweiten Lockdown.

Daraufhin haben unter anderem Sie für die Schäden bezahlt, etliche andere lehnten ab.

In unseren Bedingungen ist festgelegt, dass wir zahlen, wenn ein Betrieb auf behördliche Anordnung schliessen muss. Allerdings haben nicht einmal 5 Prozent unseres Bestands eine solche Deckung. Das sind Restaurants, Lebensmittelproduzenten, Alpwirtschaften und Käsereien. Der Schaden für die Mobiliar ist auch so gross, weil alle Versicherten betroffen sind.

Demgegenüber steht der Reputationsschaden für die Versicherer wegen der verweigerten Zahlungen.

Wir müssen der Öffentlichkeit gut erklären, warum ein solches Ereignis nicht versicherbar ist, wenn der Staat die ganze Schweizer Volkswirtschaft herunterfährt. Das muss man anderweitig lösen.

Wie könnte eine solche Lösung aussehen?

Der Versicherungsverband ist im Gespräch mit dem Bund, wie wir einen finanziellen Beitrag leisten können. Zur Diskussion steht etwa eine Poollösung.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ähnlich wie bei Elementarschäden, zum Beispiel wegen grossflächiger Überschwemmungen: Sie treten selten ein, fallen aber im Schadenfall heftig aus. Dafür gibt es in der Schweiz den Elementarschadenpool mit 2 Milliarden Franken. Über diesen werden die Schäden abgewickelt und unter den beteiligten Versicherungen aufgeteilt. Der Pool wiederum kauft gesamtheitlich die Rückversicherung ein, um die Risiken zu diversifizieren. Dies alles auf den Weg zu bringen, ist nicht ganz trivial und benötigt noch etwas Zeit.