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Ostern im AusnahmezustandCorona löst in den Schweizer Kirchen eine Revolution aus

Mit moderner Technik trotzen die Landes- und Freikirchen an Ostern dem bundesrätlichen Gottesdienstverbot – und beleben Praktiken aus dem Mittelalter neu.

Ein Mikrofon und Kamera anstelle der Glaubensgemeinde: Pater Patrick Ledergerber hält im Kloster Engelberg die Sonntagsmesse.
Ein Mikrofon und Kamera anstelle der Glaubensgemeinde: Pater Patrick Ledergerber hält im Kloster Engelberg die Sonntagsmesse.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Nein, wie einer dieser geschliffenen amerikanischen TV-Prediger kommt Hanspeter Plattner wahrlich nicht daher. Und das Technische sei ihm «gar nicht gegeben», meint er selber. Doch jetzt, in der Woche 4 des Lockdown, tut er es trotzdem: Er predigt in eine Kamera.

Plattner, reformierter Pfarrer in Muttenz BL, sitzt bei sich zu Hause vor seinem Bücherregal und spricht in breitem Basler Dialekt zu seinem unsichtbaren Publikum. Über «dieses khaibe Virus». Was es mit den Menschen mache. Und welchen Trost das Evangelium in dieser Situation zu bieten habe. Täglich produzieren Plattner und seine Muttenzer Pfarrkollegen derzeit ein solches «Wort zum Tag». Und so wird Pfarrer Plattner mit 60 Jahren noch zum religiösen Influencer im Internet und zum Mitstreiter in einer digitalen Revolution, die die Schweizer Kirchen über Nacht erfasst hat.

«Manche Pfarrer hofften, dieses Internet werde wieder vorbeigehen.»

Pascale Huber, Pfarrerin

Die Plattners sind überall. Ob evangelisch oder katholisch, ob freikirchlich oder orthodox, ob digitaler Early Adopter oder technisch unbedarft: Tausende von Priestern, Pfarrerinnen und Pastoren haben ihre Messen und Gottesdienste von einem Tag auf den anderen digitalisiert. Zwar erleben in der Corona-Krise viele Branchen einen Digitalisierungsschub. Doch in den Kirchen ist er total. Ihr Kerngeschäft, die Sonntagsgottesdienste, wurden durch das bundesrätliche Versammlungsverbot noch brutaler abgewürgt als die meisten Wirtschaftszweige. Kirchen, die jetzt nicht ins Internet gehen, hören auf zu existieren, mindestens temporär.

Einzelne Kirchen waren schon vor Corona digital präsent etwa die reformierte Zürcher Streetchurch oder die evangelische Freikirche International Christian Fellowship (ICF). Doch es gab auch jene Theologen, die bis Corona fanden, Kirche sei nur in der direkten Begegnung möglich. «Manche Pfarrer hofften insgeheim, dieses Internet werde irgendwann wieder vorbeigehen», sagt Pascale Huber, Pfarrerin und Geschäftsführerin der Reformierten Medien, welche unter anderem das Portal Ref.ch betreibt.

Jetzt bekommt Huber Anrufe von verzweifelten Pfarrkollegen: «Welche Videokamera muss ich jetzt kaufen?» Auf Youtube tauchen spezialisierte Tutorials auf. Thema: Wie betet man vor der Kamera? «Besser nicht direkt in die Linse schauen, empfiehlt ein Kommunikations-Coach. Sonst bekämen die Zuschauer noch das Gefühl, sie seien selber Gott.

Mehrere Kirchen schliessen sich zusammen

Pascale Huber hat auf der Plattform Ref.ch eine neue Seite installiert, auf der reformierte Kirchgemeinden ihre Online-Angebote eintragen. Nach nur zwei Wochen sind bereits 300 digitale Kirchen präsent, und täglich werden es mehr. Noch einmal so viele Schweizer Kirchen präsentieren ihre Videogottesdienste auf kirchezuhause.com, der zweiten grossen Plattform, die in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde. Hier bieten schwergewichtig Freikirchen ihre Streams an, doch auch katholische und reformierte Gottesdienste sind im Angebot. Etwas weniger umfassend ist eine kleine Übersicht über katholische Angebote, welche die Bischofskonferenz aufgeschaltet hat.

Nicht einmal das Kloster Einsiedeln, einer der grössten Player auf dem Schweizer Kirchenmarkt, übertrug seine Gottesdienste bisher im Internet. Eigentlich habe man schon lange Streams einrichten wollen, sagt Abt Urban Federer. Doch es blieb bei der Absicht bis der Bundesrat das Versammlungsverbot verhängte. Noch am gleichen Tag bekam der Mönch, der die klösterliche IT-Abteilung leitet, den Auftrag: Wir brauchen einen Livestream. Sofort!

Seither ist das Kloster jeden Tag auf Sendung. Von den Laudes um 7.30 Uhr bis zum Komplet um 20 Uhr. Auf Schnickschnack wird verzichtet. Der ruhige Charakter des klösterlichen Gebets soll auch im Internet erhalten bleiben, sagt der Abt. Doch das Kloster hat immerhin drei Kameras im Einsatz, die verschiedene Einstellungen erlauben.

Um qualitativ bessere Sendungen herstellen zu können, bündeln manche Kirchen ihre Kräfte. In Thun haben mehrere Kirchen, die in der evangelischen Allianz verbunden sind, bereits drei gemeinsame Corona-Gottesdienste produziert – ziemlich aufwendig mit mehreren Referenten, Livemusik und Studiogästen. Doch es gibt auch die Version handgestrickt: Pfarrer, die einfach ihren Laptop auf die vorderste Kirchenbank legen und hinterher etwas zerknirscht feststellen, dass sie vielleicht etwas zu sehr von oben herab gepredigt haben.

Doch werden die vielen kirchlichen Onlineangebote auch genutzt? Über umfassende Zahlen verfügt niemand, doch zumindest teilweise sind die Klickraten respektabel. Die reformierte Kirchgemeinde Männedorf ZH zählt an normalen Sonntagen rund 150 Gottesdienstbesucher. Jetzt werde ihr Onlineangebot von bis zu 300 Leuten angeschaut, sagt Huber. Und die Thuner Allianz-Gottesdienste wurde auf Youtube teilweise über 8500-mal angeklickt. Das sind viel höhere Besucherzahlen als im Normalfall.

«Die Osterbotschaft bietet eine Perspektive über die derzeitige Not hinaus.»

Marc Jost, Schweizerische Evangelische Allianz

In Einsiedeln sind die Einschaltquoten bei den Hauptmessen zwar tiefer als im Normalbetrieb. Dafür seien sie viel höher bei den Gebeten am späten Abend, wenn normalerweise kaum noch jemand in der Kirche sei, sagt Urban Federer. Und noch eine Erkenntnis hat der Abt gemacht. Es sei zwar ein Privileg, in der Klosterkirche vor tausend Menschen zu predigen zu dürfen. Doch seit die Messen nur noch im Internet übertragen werden, bekomme er von seinen Zuhörern deutlich mehr persönliche Rückmeldungen.

Was der Abt und seine Benediktiner gerade erleben, ist der Social-Media-Effekt, den Medien und Facebook-Nutzer schon lange kennen: In der Internetkommunikation fallen viele Hemmungen.

Ausgerechnet an Ostern

Der Lockdown trifft die Kirchen nicht nur völlig unerwartet, sondern auch noch im wichtigsten Moment des Kirchenjahres. An Karfreitag und Ostern feiern Christinnen und Christen weltweit das Schlüsselereignis ihres Glaubens: den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus.

Und genau diese Geschichte, so finden Theologen verschiedener Konfessionen, passe jetzt perfekt in die Pandemie. «Gott wird Mensch und ist den Menschen nah»: Das sei die Kernbotschaft des Christentums, sagt Abt Urban Federer. Und diese Hoffnung versuche man, dieses Jahr erst recht zu vermitteln. Die Osterbotschaft von Tod, Auferstehung und neuem Leben vermittle «eine Perspektive über die derzeitige Not hinaus – wenn man sich darauf einlässt», sagt Marc Jost, Co-Generalsekretär der Evangelischen Allianz.

Trotzdem wird Ostern 2020 anders werden als sämtliche Ostern zuvor: Dass die Osterfeiern in so vielen Ländern gleichzeitig ausfallen, gab es nie in 2000 Jahren Christentum. Doch in der Benediktiner-Abtei Einsiedeln, die seit dem Jahr 934 existiert, relativieren sich sogar solche Superlative. Schon früher seien die Ostermessen ab und zu ausgefallen, sagt Abt Urban etwa wenn die Pest wütete, oder während der Französischen Revolution, als die ganze Klostergemeinschaft auf der Flucht war. «Wenn man auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblickt, verliert auch ein Ereignis wie die Corona-Pandemie etwas von seiner Singularität», sagt der Abt.

So sehr die Kirchen digitale Formen ausprobieren: Sehr viele Kirchgemeinden versuchen, auch praktisch zu helfen. So bietet die Muttenzer Kirche nicht nur Onlineandachten, sondern vermittelt auch Konfirmanden an ältere Leute, die nicht mehr selber einkaufen können. Die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn unterhalten einen ähnlichen Service auf der Internetplattform Mobile Boten. Die evangelische Chrischona-Gemeinde in Weinfelden TG bietet in ihren derzeit leeren Räumlichkeiten Homeoffice-Plätze für Berufstätige, die zuhause keinen Platz oder keine Ruhe haben. Und das Liturgische Institut der katholischen Kirche stellt auf seiner Website Anleitungen für die private Corona-Osterfeier im kleinen Kreis zur Verfügung.

Die Corona-Bibel

Das Virus überbrückt konfessionelle Gräben. Die grossen Konfessionen haben gemeinsam die Aktion «Lichtblick Ostern» lanciert. Zeitgleich sollen im ganzen Land Kerzen brennen und Kirchenglocken läuten. Eine andere Initiative hat am Gründonnerstag zum nationalen Gebet aufgerufen.

Kerzen, Glocken, Gebet: Trotz aller Digitalisierung bringen die Kirchen auch ihre jahrhundertealten Praktiken gegen die Corona-Katastrophe in Stellung. Der reformierte St. Galler Pfarrer Uwe Habenicht geht noch weiter zurücknicht bloss vor die Digitalisierung, sondern vor den Buchdruck. Zusammen mit dem City-Team der katholischen Kirche sucht Habenicht 1189 Freiwillige, um alle 1189 Kapitel der Bibel abzuschreiben – von Hand.

Die ersten Kapitel der handgeschriebenen Corona-Bibel sind bereits eingetroffen. 
Foto: PD

In kürzester Zeit sind schon mehr als die Hälfte der Kapitel vergeben. Einzelpersonen haben sich gemeldet, Familien, ganze Altersheime. Wie sie die Bibeltexte gestalten, in welcher Sprache sie schreiben, wie schön ihre Handschrift ist: «Alles ist möglich!», sagt Habenicht. Er versteht sein Bibelprojekt als Massnahme gegen die Einsamkeit, von der jetzt viele Menschen betroffen seien. In dieser Situation verbinde das gemeinsame Bibelprojekt. «Schon die Mönche des Mittelalters wussten um die heilende und befreiende Wirkung des Schreibens.» Nun sucht Habenicht auch noch eine Handvoll Künstler, die die Einbände gestalten sollen.

An Pfingsten ist Abgabetermin. Dann soll der Codex Corona gebunden und der Stiftsbibliothek St. Gallen übergeben werden – «für die Ewigkeit», als «Zeugnis dieser ausserordentlichen Zeit» für nachfolgende Generationen, wie der Stiftsbibliothekar Cornel Dora dem «St. Galler Tagblatt» sagte. Und wenn die Pandemie dann vorbei ist, irgendwann, treffen sich die Bibelschreiber zu einem grossen Fest. Nicht mehr digital. Sondern wieder im realen Leben.