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Flaute bei KreuzfahrtenCorona kostet Tausende Jobs auf See

Kaum einen Sektor im Tourismus trifft die Pandemie so hart wie die Kreuzfahrtbranche. Der Grossteil der Flotte
ist stillgelegt, die Jobverluste gehen in die Hunderttausende. MSC Schweiz wagt den Neustart.

Blick auf die Bucht von Manila, Philippinen: Hier haben Reedereien einige ihrer milliardenteuren Kreuzfahrtschiffe vor Anker, die wegen der Covid-Krise derzeit nicht in See stechen können.
Blick auf die Bucht von Manila, Philippinen: Hier haben Reedereien einige ihrer milliardenteuren Kreuzfahrtschiffe vor Anker, die wegen der Covid-Krise derzeit nicht in See stechen können.
Foto: Keystone 

Die Herbstferien sind eigentlich die beliebteste Zeit für Kreuzfahrten. Doch derzeit herrscht weltweit Flaute. Im wichtigsten Markt, den USA, geht nach wie vor nichts. In Europa wagen immerhin die ersten Reeder wie die Genfer MSC Cruises einen vorsichtigen Neustart. Im Oktober soll mit der MSC Magnifica das zweite Schiff der Flotte wieder in See stechen. Allerdings hat MSC insgesamt 17 Ozeanriesen – und zwei neue kommen nächstes Jahr auch noch dazu.

Die Kreuzfahrtbranche ist im Tourismussektor mit am härtesten durch die Corona-Krise getroffen. Der Branchenverband Clia schätzt, dass durch die Stilllegung der Schiffe allein in Europa seit März 215’800 Jobs, die direkt oder indirekt mit der Branche verbunden sind, verloren gingen. Weltweit wurden rund 400 Schiffe ausser Dienst genommen, die meisten bis heute.

Zum Thema Jobabbau heisst es bei MSC: «Als in der Schweiz ansässiges Familienunternehmen hat MSC Cruises grosse Anstrengungen unternommen, um Arbeitsplätze zu erhalten», sagt Schweiz-Geschäftsführer Sebastian Selke. In der Schweiz seien derzeit 250 Mitarbeitende der Reederei in Kurzarbeit.

Schweizer Anbieter streichen keine Jobs

Härter trifft es die Crews, die in der Regel für sechs bis acht Monate rekrutiert werden, meist in Asien. Fahren keine Schiffe, werden keine Stewards und kein Küchenpersonal angeheuert.

Wie hoch die Verluste aus der Stilllegung der Flotte sind, verrät MSC nicht. 75 Prozent des Hochsee-Marktes werden von den drei börsenkotierten Platzhirschen Carnival Corporation, zu der auch Costa und Aida gehören, Royal Carribean mit Partner TUI und Norwegian Cruise Line dominiert. Sie verbuchten im ersten Halbjahr zusammen einen Verlust von umgerechnet fast 11 Milliarden Franken.

Etwas besser sieht es bei den Flusskreuzfahrten aus. Laut Karim Twerenbold, Verwaltungsratspräsident der Twerenbold-Reisen-Gruppe, sind derzeit acht Schiffe der Excellence-Flotte unterwegs. Bei Thurgau Travel sind es sechs Schiffe. Beide Anbieter erklären, dass sie keine Stellen streichen wollten. Aber alle Mitarbeitenden sind weiterhin in Kurzarbeit.

Die Corona-Krise erwischte die Branche wie ein Kliff, auf das ein Schiff in voller Fahrt kracht. Laut den Experten von KPMG war die Nachfrage nach Kreuzfahrten in den vergangenen fünf Jahren um rund 20 Prozent gestiegen. Dann kamen Corona und der Lockdown. Besonders bitter: Der erste grosse Corona-Ausbruch ausserhalb Chinas fand im Februar ausgerechnet auf einem Kreuzfahrtschiff statt: Auf der Diamond Princess steckten sich fast 700 Passagiere an, 14 von ihnen starben.

Der Branchenverband Clia wehrt sich gegen das Image, dass Kreuzfahrtschiffe Virenschleudern seien. Die verzerrte Wahrnehmung liege daran, dass die Schiffe jede Erkrankung an Bord melden müssen – anders als Airlines, Hotels oder andere Tourismusanbieter.

Um Gegensteuer zu geben, hat die Branche strenge Schutzkonzepte entwickelt: «Alle Gäste müssen eine universelle Gesundheitsuntersuchung durchlaufen, bevor sie an Bord eines unserer Schiffe gehen, die drei Schritte umfasst – eine Temperaturkontrolle, die Überprüfung eines persönlichen Gesundheitsfragebogens und einen Covid-19-Antigen-Abstrichtest», erklärt Sebastian Selke von MSC. Besatzungsmitglieder würden bis zu dreimal getestet, bevor sie ihre Arbeit an Bord eines Schiffes aufnehmen dürfen.

Die Kunden kommen nur langsam zurück: «Wir haben derzeit ein Volumen bei den Neubuchungen von nur 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr», berichtet George Studer, Geschäftsführer des auf Kreuzfahrten spezialisierten Reisebüros Cruise Center. Er ist froh, wenn er noch bis Ende Jahr auf 50 Prozent kommt. Auch seine 15 Mitarbeiter sind auf Kurzarbeit.

«Bis zu zwei Tage vor Abreise bekommen wir Buchungen.»

Daniel Pauli, Geschäftsführer von Thurgau Travel

Das Buchungsverhalten hat sich verändert: «Die Kunden buchen zum Teil extrem kurzfristig», sagt Studer. «Und die Nachfrage für Reisen Ende nächsten Jahres zieht an.» Diesen Trend beobachtet Daniel Pauli, Geschäftsführer von Thurgau Travel, auch bei Flusskreuzfahrten: «Bis zu zwei Tage vor Abreise bekommen wir Buchungen.» Für nächstes Jahr würden laufend Buchungen eingehen, allerdings unter dem Niveau des Vorjahres.

Um an Bord ausreichend Sicherheitsabstände gewährleisten zu können, fahren die Schiffe sowohl auf dem Meer als auch auf den Flüssen nicht mit maximaler Belegung. «Bisher waren die Kreuzfahrten der MSC Grandiosa zu etwa 50 Prozent ausgelastet, was angesichts der kurzen Zeitspanne, in der wir die Kabinen verkaufen mussten, eine gute Zahl für einen Neustart ist», sagt MSC-Schweiz-Chef Selke.

Landgänge sind ein Lotto-Spiel

Ein Riesenproblem ist zudem, dass derzeit Landgänge wegen der sich ständig ändernden Sicherheitsregeln verschiedener Destinationen zu einem Lotto-Spiel geworden sind. Dabei machen die Ausflüge eine Reise oft erst interessant, zudem generieren sie Zusatzeinnahmen. 40 Prozent der Umsätze macht die Branche mit den Ausgaben an Bord inklusive der Einnahmen aus Landausflügen.

Wer den Sicherheitskonzepten vertraut, der kann jetzt bei einer Kreuzfahrtbuchung durchaus ein Schnäppchen machen. Eine achttägige Mittelmeerkreuzfahrt ab Genua im November ist bei MSC schon
ab 250 Franken zu haben. Kostendeckend dürfte das nicht sein.

24 Kommentare
    Sacha Meier

    Die Kreuzfahrtindustrie muss halt in Zeiten von Corona innovativer werden. Statt freie Landgänge, die in vielen Staaten wegen den Quarantänevorschriften gar nicht mehr möglich sind, müsste eben eine ganze Flotte an Reisebussen mitgeführt werden. Mit denen könnten dann die Passagiere bei den Landgängen herumgekarrt werden. Auch virtuelle Landgänge mittels 3D-Technologie könnten angeboten werden. Und für ängstliche Passagiere aus der Risikogruppe könnten die Kreuzfahrtgesellschaften für bestimmte Kurse ja eine 14-tägige Quarantäne anbieten. Nur wer diese durchlaufen hat, darf auf das Schiff.