Prozess

«Ich habe mich umgedreht, da hörte ich das Kind schreien»

In einem Hort hatte sich ein fünfjähriges Mädchen schwer mit heissem Wasser verbrüht. Die Betreuerin ist nun verurteilt, aber nicht bestraft worden.

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Das Mädchen wird das Leben lang an den Folgen des Unfalls leiden. Am Hals, Oberarm, an der Brust und Schulter hat es Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. 12 Prozent der Körperoberfläche seien betroffen, sagte der Anwalt der Geschädigten am Bezirksgericht Zürich.

Er sprach von Entstellungen und davon, dass die Ärzte noch nicht abschätzen könnten, wie oft sich das Mädchen mit dem Wachstum noch behandeln lassen müsse. Er sagte aber, es gehe nun nicht um die Bestrafung der Beschuldigten oder das Strafmass, sondern um eine Verurteilung und die Frage, wer dafür hafte.

Der Unfall ereignete sich in einem Kinderhort der Stadt Zürich, an einem Dienstag im Oktober 2017. Es war 17.45 Uhr, die beschuldigte Betreuerin hatte wie meistens um diese Zeit in der Küche Wasser aufgesetzt. «Es war auch unter anderen Angestellten üblich, sich für den Heimweg einen Thermosbecher mit Tee zu füllen», sagte sie aus. Zwei Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch da, eine neunjährige Schülerin und eine fünfjährige Kindergärtlerin, das spätere Opfer.

«Mit dem Dampf haben Sie die Kinder noch neugierig gemacht.»Anwalt der Geschädigten

Die Betreuerin, eine 34-jährige Schweizerin mit Ausbildung in Sozialpädagogik und 14-jähriger Berufserfahrung, sagte vor Gericht, dass die Kinder den Dampf bemerkt hätten und man darauf zu sprechen gekommen sei. «Ich liess sie mit der Hand über den Becher fahren, damit sie den Dampf spüren konnten.» Danach habe sie den offenen Behälter auf der Kücheninsel stehen lassen und den Kindern gesagt, dass es nun Zeit sei, sich parat zu machen und nach Hause zu gehen.

Fatale 1,5 Sekunden

Was dann folgte, war für das Urteil bedeutend. Vor Gericht sagte die Betreuerin aus, dass sich die Kinder nach der Aufforderung Richtung Garderobe entfernten. In der ersten Einvernahme, zwei Monate nach dem Unfall, war davon keine Rede. Unverändert blieb aber ihre Aussage, was danach geschah: «Ich habe mich umgedreht, da hörte ich das Kind schreien.» Das alles sei innerhalb von etwa 1,5 Sekunden passiert.

Sie habe nie damit gerechnet, dass das Mädchen nach dem Becher greifen würde. «Ich dachte auch, dass ein Kind in diesem Alter weiss, wie gefährlich heisses Wasser ist.»

«Man kann die Kinder nicht in Watte packen und von allem fernhalten.»Verteidiger der Beschuldigten

Für den Anwalt der Geschädigten war dagegen klar, dass die Betreuerin die Sorgfalts- und Aufsichtspflicht verletzt hatte und wegen fahrlässiger Körperverletzung schuldig zu sprechen sei. «Man muss keine Fachfrau sein, um zu erkennen, dass eine solche Situation gefährlich ist. Mit dem Dampf haben Sie die Kinder noch neugierig gemacht.»

Er forderte einen Schuldspruch – und dass das Kind für die lebenslange Beeinträchtigung mit Schadenersatz und Genugtuung in noch unbestimmter Höhe zu entschädigen sei.

Signalwirkung

Der Verteidiger der Betreuerin verlangte dagegen einen Freispruch. Es handle sich um ein tragisches Ereignis, das nicht wieder gut zu machen sei – für das aber niemand etwas könne. Seine Mandantin habe nicht damit rechnen können, dass das Kind nach dem Becher greife.

Ein Hort biete zahlreiche Gefahren: Besteck, Scheren, Plastiksäcke. «Aber man kann die Kinder nicht in Watte packen und von allem fernhalten. Ich möchte jedenfalls nicht in einem Hort arbeiten, wenn der kleinste Fehler strafrechtliche Konsequenzen haben kann.» Das Urteil werde Signalwirkung haben.

Das Gericht sah denn auch von einer Strafe ab. Die Beschuldigte sei genug bestraft. Traumatisiert vom Unfall, habe sie zunächst nur unter Angst und zitternd, dann gar nicht mehr mit Kindern arbeiten können. Bis vor kurzem arbeitete sie auf einem Schulsekretariat. Ende Monat wird sie zum ersten Mal Mutter.

Fahrlässig gehandelt

Den erhofften Freispruch erhielt sie indes nicht. Es sei klar ersichtlich, dass sie fahrlässig gehandelt habe, begründete der Richter das Urteil. In der ersten Einvernahme habe sie nicht gesagt, dass sie die Kinder zur Garderobe geschickt habe. Viel wahrscheinlicher sei, dass diese noch an der Kücheninsel gestanden hätten. Das stimme mit der Aussage des älteren Mädchens überein. «Und die 1,5 Sekunden sprechen ebenfalls dafür, dass sie noch nicht auf dem Weg zur Garderobe waren.»

Sie habe die Aufsichtspflicht verletzt, indem sie eine gefährliche Situation geschaffen und die Kinder nicht davor gewarnt habe. «Im Gegenteil, Sie haben mit dem Dampf die Neugier der Kinder geweckt und ihnen gezeigt, dass dieser erträglich ist.»

Wird das Urteil rechtskräftig, muss die Stadt als Betreiberin des Horts für Schadenersatz und Genugtuung aufkommen.

Erstellt: 07.11.2019, 19:31 Uhr

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