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Die Garage ist auch ein Kurzzeit-Knast

Ein Rundgang durch das neue Polizei- und Justizzentrum Zürich, das nach zwanzig Jahren Planung bald fertig wird.

Blick in die künftige Cafeteria mit Innenhof.
Blick in die künftige Cafeteria mit Innenhof.
Sandra Ardizzone

Es ist eines der grössten und komplexesten Bauwerke des Kantons: das Polizei- und Justizzentrum Zürich (PJZ), das derzeit auf dem ehemaligen Güterbahnhofsareal in Zürich-West nahe der Hardbrücke entsteht. Im Jahr 2000 fällte der Regierungsrat den Standortentscheid. Zwei Volksabstimmungen und schier endlose Diskussionen folgten. Es ging um die Kosten, den Flächenbedarf, die Frage, wie Polizei und Justiz sich künftig unter einem Dach organisieren sollten – und darum, das Kasernenareal im Stadtzentrum freizuspielen. Nun ist der PJZ-Rohbau erstellt, und der Innenausbau hat begonnen. Zeit für eine Innenansicht.

Hans-Rudolf Blöchlinger, der PJZ-Projektdelegierte des Regierungsrats, führt durch den 280 Meter langen, bis zu 130 Meter breiten und 35 Meter hohen Bau. Los gehts mit einer Musterzelle: Zwei Betten stehen längs nebeneinander. Ursprünglich sollten sie übereinander platziert werden. Doch der Plan wurde geändert, auch um das Suizidrisiko bei Häftlingen zu verringern. Dafür haben die Zellen jetzt keine eigenen Duschen mehr, sondern Etagenduschen. Auch wird nun für jeweils vier Zellen ein gemeinsamer Aufenthaltsraum gebaut. So soll das strenge Zürcher Untersuchungshaftregime freundlicher gestaltet werden. «Schliesslich gilt für die Inhaftierten in U-Haft die Unschuldsvermutung», erklärt Blöchlinger.

Der zweite Brandist noch ungeklärt

Beim Gang über die Baustelle passieren wir einen ausgebrannten Baucontainer. Davor stehen verkohlte Schuhe. Letzten Samstag brannte die Umkleidekabine für die Bauarbeiter. Die Brandursache ist laut Polizei noch unklar. Schon 2017, kurz nach der Grundsteinlegung, hatte bei der PJZ-Baustelle ein Trafo des Elektrizitätswerks gebrannt. Damals war es ein Anschlag. Linksextreme hatten per Flugblatt zum Angriff auf das PJZ aufgerufen, wie die «Schweiz am Wochenende» schrieb. Die Brandstifter wurden nie dingfest gemacht. Ansonsten seien die Bauarbeiten bislang ohne grössere Zwischenfälle abgelaufen, sagt Blöchlinger. Ein Bauarbeiter habe sich bei einem Sturz einmal leicht verletzt. Und die nach dem Rohbauabschluss fehlende Warmwasseranlage, mit der sich die Bauarbeiter die Hände waschen können – Tele Züri berichtete kürzlich darüber –, werde nun eingebaut.

Weiter gehts in den Untergrund des PJZ. Die Tiefgarage für 585 Fahrzeuge ist so angelegt, dass sie teilweise bei Krawallen mit Massenverhaftungen kurzfristig Festgenommene aufnehmen kann. Die Turnhalle, die sonst als Trainingsraum für Polizisten diene, sei dann für kurze Einvernahmen nutzbar, sagt Blöchlinger.

Der heute 71-Jährige stand kurz vor der Pensionierung, als ihn die Regierung als PJZ-Projektdelegierten einsetzte. Eine Art Krisenmanager, der das umstrittene Grossprojekt in ruhigere Bahnen lenkte. Er leitete auch das kantonale Hochbauamt interimistisch. Früher hatte Blöchlinger Seniorenresidenzen gemanagt. Das Projekt PJZ nennt er eine «grosse Herausforderung»: Immer wieder galt es, veränderte Anforderungen umzusetzen. Zum einen, um den Kostenrahmen einzuhalten: 568,6 Millionen Franken sind für den Bau und den Grundstückerwerb, 170,5 Millionen als gebundene Ausgaben für die Einrichtung bewilligt. «Wir sind im Rahmen», sagt Blöchlinger. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete er, indem er das Raumprogramm verdichtete und den Bau eines Eckteils als mögliches Erweiterungsmodul auf später verschob. Im Gebäude gebe es nun keine Platzreserven, «das PJZ ist voll». Dafür könnte man den erwähnten Gebäudeteil zur Hardbrücke hin, der jetzt nur aus dem Untergeschoss besteht, später bei Bedarf aufstocken.

Nun werden Kupfer- statt Glasfaserkabel verwendet

Zum anderen gab es beispielsweise neue Sicherheitsvorgaben. So werden für die Internetverbindungen jetzt Kupfer- statt Glasfaserkabel verwendet. Auch die Raumaufteilung erwies sich als anspruchsvoll: «Wir brauchten ein Jahr, um die strukturierten Abläufe mit allen Beteiligten zu definieren und planerisch umzusetzen. Damit war dann beispielsweise auch geklärt, wer wo sitzen würde», sagt Blöchlinger. Noch immer sei er in stetem Austausch mit allen beteiligten Seiten, um die künftigen Arbeitsabläufe in dem Multifunktionsbau vorzubereiten.

Auch wenn sonst nichts mehr geht, muss es funktionieren

Über rohe Betontreppen gelangen wir in die oberen Etagen. Im Gefängnistrakt klingt Musik aus Boxen der Bauarbeiter. Wir durchschreiten die künftige Cafeteria, gehen vorbei an der Polizeischule, den Büros der Staatsanwaltschaft, hinauf zu den Labors des Forensischen Instituts und der Einsatzzentrale der Kantonspolizei. Rund 2030 Arbeitsplätze und 280 Gefängnisplätze wird das PJZ bieten. Heute sind die entsprechenden Einheiten auf rund dreissig Standorte verteilt. Künftig sollen sie alle unter einem Dach zusammenarbeiten. «Das ist für alle neu», sagt Blöchlinger. Ein bauliches Vorbild für das PJZ gebe es nicht. Im zweitobersten Stock, neben der Kapo-Einsatzzentrale, sind die Notstromanlagen untergebracht – hochwassersicher. «Auch wenn sonst nichts mehr geht, muss hier noch alles funktionieren», sagt Blöchlinger. Ganz oben im PJZ gelangen wir zum Raum, in dem der kantonale Führungsstab im Krisenfall zusammenkommt; er befindet sich nahe bei der Kapo-Einsatzzentrale. Auf dem Dach gibts einen Helikopterlande- und -startplatz.

Ende 2021 soll die Bauübergabe stattfinden, Anfang 2022 der Bezug des Bauwerks. Dann wird auch Blöchlinger in den Ruhestand gehen. «Es ist langsam Zeit», sagt der 71-Jährige.

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