Zum Hauptinhalt springen

Folgen für die UhrenherstellerChinas Griff nach Hongkong gefährdet Schweizer Arbeitsplätze

Die härtere Gangart Chinas wird dazu führen, dass Hongkong die Bedeutung als weltweit wichtigsten Absatzmarkt für Uhren verliert. Das trifft die Schweizer Uhrenindustrie und ihre Zulieferer.

Polizei vor einem geschlossenen Swatch-Geschäft in Hongkong: Der Schweizer Uhrenexport ist eingebrochen. (Roy Liu/Bloomberg/Getty Images)
Polizei vor einem geschlossenen Swatch-Geschäft in Hongkong: Der Schweizer Uhrenexport ist eingebrochen. (Roy Liu/Bloomberg/Getty Images)

Vertreter des drittgrössten Exportzweigs der Schweiz sind beunruhigt. «Ich frage mich, ob die Wirtschaftslage in Hongkong noch schlimmer sein könnte, als sie heute ist», sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Dachverbands der Uhrenindustrie.

Der wichtigste Absatzmarkt der Branche befindet sich seit dem vergangenen Sommer im Krisenmodus. Erst mussten Schweizer Luxusuhrenmarken in Hongkong wegen der Demonstrationen für mehr Freiheit ihre Läden vorübergehend schliessen. Dann blieben die kaufkräftigen chinesischen Touristen vom Festland aus, weil sich von der Stadt Wuhan aus das neuartige Coronavirus ausbreitete.

Gesetz gegen ausländische Einmischung

Und nun hat der Nationale Volkskongress in Peking ein neues Sicherheitsgesetz für die ehemalige britische Kronkolonie in die Wege geleitet. Der Erlass zielt auf Aktivitäten, die das kommunistische Regime als umstürzlerisch betrachtet oder auf Unabhängigkeit zielen könnten. Das Gesetz wendet sich auch gegen eine ausländische Einmischung.

Beobachter befürchten damit das Ende des liberalen Prinzips «Ein Land, zwei Systeme». Das dürfte die Geschäfte der Uhrenindustrie weiter beeinträchtigen, da es zu neuen Protesten gekommen ist. «Es ist davon auszugehen, dass Ladenschliessungen stattfinden werden», sagt Branchenkenner René Weber von der Zürcher Privatbank Vontobel.

Die Polizei löst Proteste in Hongkong gegen das neue Sicherheitsgesetz aus China auf und jagt Demonstranten durch die Einkaufsstrassen der Metropole.
Die Polizei löst Proteste in Hongkong gegen das neue Sicherheitsgesetz aus China auf und jagt Demonstranten durch die Einkaufsstrassen der Metropole.
Foto: Kin Cheung (AP)

Bereits zeichnet sich ab, dass Hongkong die Bedeutung als Nummer eins der Absatzmärkte vor den USA und Festlandchina verliert. Im vergangenen Jahr exportierte die Uhrenindustrie Produkte im Wert von 2,6 Milliarden Franken dorthin, was einen Anteil am Gesamtvolumen von 13 Prozent ausmacht. Allerdings waren die Ausfuhren im Vergleich zu 2018 stark rückläufig.

Nun liegt die chinesische Sonderverwaltungszone mit einem Anteil von 11 Prozent für die Periode von Januar bis April hinter den USA. Festlandchina steht kurz davor, Hongkong auf den dritten Platz zu verdrängen.

Die Metropole ist nicht nur eine beliebte Shoppingdestination für edle Zeitmesser aus der Schweiz, wo die Branche traditionell höhere Margen erwirtschaftet als an anderen Standorten. Hongkong ist auch ein Drehkreuz für die Nachbarländer. Von dort aus versorgt die Uhrenindustrie die umliegenden Märkte in Südostasien.

Schlechte Nachricht für 59’000 Mitarbeitende

In Kombination mit der Corona-Krise dürften die Verwerfungen in Hongkong deshalb für die 59000 Beschäftigten der Uhrenindustrie in der Schweiz spürbar sein. Finanzanalyst Weber geht im laufenden Jahr von einem Einbruch bei den Gesamtexporten von mindestens 25 Prozent aus.

Allein im April sackte das Volumen gegenüber dem Vorjahr um 81,3 Prozent auf 329 Millionen Franken ab, wie die aktuellen Zahlen der Zollverwaltung zeigen. Es werde zu «Anpassungen auf der Produktionsseite kommen, und vor allem werden auch kleinere Uhrenfirmen vermehrt Schwierigkeiten haben», sagt Weber. Doch auch Zulieferer laufen Gefahr, Stellen abbauen zu müssen.

Abbau von bis zu 4000 Stellen möglich

Beim Arbeitgeberverband der Uhrenindustrie heisst es, die aktuelle Situation sei «in der Tat beispiellos». Es sei schwierig, die Auswirkungen auf die Beschäftigung abzuschätzen, sagt Verbandssprecher Ludovic Voillat.

Als Erfahrungswert ziehen die Patrons die Nachwirkungen der Finanzkrise von 2008 bei. «Die Uhrenindustrie hatte damals mehr als 4000 Arbeitsplätze verloren, bevor sie diese in den folgenden zwei Jahren wieder zurückgewann», so Voillat.

Uhrenhersteller schweigen – aus Angst vor China

Grosse Uhrenhersteller wollen sich zu den Entscheiden des Volkskongresses nicht äussern. Es gilt für sie, die geschäftlichen Interessen nicht mit Aussagen, die in Peking gehört werden, zu gefährden. «Richemont kommentiert politische Angelegenheiten nicht», teilt der Luxusgüterkonzern mit Sitz in Genf mit. Die Gruppe besitzt Marken wie IWC, Jaeger-LeCoultre und Piaget.

«Kein Kommentar» heisst es ebenfalls beim weltgrössten Uhrenhersteller Swatch Group mit Sitz in Biel. Zum Konzern gehören Marken wie Swatch, Omega und Breguet.

Breitling ist seit zwei Jahren daran, in Asien Fuss zu fassen insbesondere in Hongkong. Die Bedeutung dieses Marktes sei aber zu klein, um eine schlüssige Aussage zu den Folgen des Sicherheitsgesetzes zu machen, so die Uhrenmarke aus dem solothurnischen Grenchen.