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Podcast von Barack Obama und Bruce SpringsteenBrüder im Geiste

Der Musiker und der Ex-Präsident sprechen auf Spotify über Rassismus, grosse Momente der US-Geschichte – und inszenieren sich als Aussenseiter.

Bruce Springsteen (links) mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama in seinem umgebauten Bauernhaus in New Jersey – dem «Haus der 1000 Gitarren».
Bruce Springsteen (links) mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama in seinem umgebauten Bauernhaus in New Jersey – dem «Haus der 1000 Gitarren».
Foto: AP

Aus der Vergangenheit hallt blechern die Polizeiwarnung «This march will not continue» in den Podcast hinein: «Dieser Marsch geht nicht weiter». Daraufhin standen sie still, die Bürgerrechtsaktivisten, die am 7. März 1965 von John Lewis angeführt wurden. Lewis, verstorben 2020, ein grosses Vorbild Obamas, war der Chairman des Student Nonviolent Coordinating Committees; im Spital landete er am «Bloody Sunday» trotzdem.

An solche Momente aus der jüngeren amerikanischen Geschichte erinnern der ehemalige US-Präsident Barack Obama und Rocklegende Bruce Springsteen in einem neuen, kostenlosen Podcast mit dem Titel «Renegades: Born in the USA». Klar, diese beiden «Abtrünnigen» sind nicht bloss voll integriert ins System, das sie kritisieren, sondern werden als Heldengestalten in die Geschichte eingehen. Aber wenn sie nun im Podcast abtauchen in ihre privaten Erfahrungen als Aussenseiter, nimmt man ihnen dieses Etikett gern ab.

2008 lernten sie sich kennen, während Obamas Wahlkampf; der dachte da noch, wie er im Podcast gesteht: Hmm, eher der schüchterne Typ. «In meinem Business ist Schüchternheit nicht untypisch», klinkt sich Springsteen ein. «Der Grund, wieso du so verzweifelt eine Stimme suchst, ist, dass du keine hast und den Schmerz darüber spürst. Bevor ich die Musik entdeckte, fühlte ich mich ziemlich unsichtbar. Und später erkannte ich diese Dinge in dir wieder, trotz des Grössenwahns, der dich antrieb.» Sieht Obama auch so.

Wir jetzt auch. Hier der super-irisch aufgezogene Kauz aus New Jersey, Jahrgang 1949, mit schizophrenem Vater aufgewachsen sowie Grosseltern, die dem Buben alle Freiheit – und Einsamkeit – der Welt liessen; Springsteen spricht von «emotional displacement». Dort der 1961 auf Hawaii geborene Junge mit weisser Mutter und schwarzem Vater, der sich absetzte, als Barack zwei Jahre alt war. Beim Tennis sagte ihm der Coach schon mal, «pass auf, dass du nicht abfärbst auf die weisse Tafel». Und schob hinterher: «bloss ’n Scherz».

Die Rassenunruhen von 1967 bekam der weisse Teenager hautnah mit, der Sechsjährige nicht; seine – ebenfalls irischstämmige – Mutter hatte ihm, so gut sie konnte, ein Fundament aus Liebe und Selbstvertrauen gebaut. Heute teilen Obama und Springsteen den «Glauben an das amerikanische Ideal, ohne zu ignorieren, wo wir ihm nicht gerecht wurden» in der persönlichen Geschichte und in der des Landes. Der Name Trump kommt nicht vor, eine kurze, aber unmissverständliche Bestandsaufnahme Obamas vom Krisenjahr 2020 schon.

Es ist Redenkönner Obama, der auch hier die gestanzten Sätze spricht, die so klingen, als glitten sie ihm einfach so über die Lippen in dem umgebauten Bauernhaus in New Jersey, wo sie locker beieinandersitzen und wo Bruce Springsteen mit seiner Frau lebt mit ein paar Hunden und tausend Gitarren. Sie beide, so Obama, hen «die harte Arbeit, die vor uns als Bürger liegt, um diesen Ort und die Welt gerechter und freier zu machen».

Gänsehautmomente

Den Soundtrack zu diesen Gänsehautmomenten liefert, keine Überraschung, Springsteen. Immer wieder werden Songs soft eingemixt ebenso wie historische und kulturgeschichtliche Soundbites, etwa eine Szene aus Spike Lees Film «Do the Right Thing» (1989), der die Spannungen zwischen den Ethnien untersucht. Der «Melting Pot», so Springsteen, sei ein Mythos gewesen. Und bis heute falle es schwer, die eigene, tägliche Komplizenschaft am diskriminierenden System zu erkennen und anzuerkennen.

Abgeordneter John Lewis (links) hört Präsident Obama zu, der zum 50. Jahrestag des Selma-Marschs und des «Bloody Sunday» spricht.
Abgeordneter John Lewis (links) hört Präsident Obama zu, der zum 50. Jahrestag des Selma-Marschs und des «Bloody Sunday» spricht.
Foto: EPA
Rassenunruhen im Sommer 1967 in Detroit.
Rassenunruhen im Sommer 1967 in Detroit.
Foto: AP
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Aber der Marsch von einst ist eben doch weitergegangen. Und so können Barack Obama und Bruce Springsteen im Farmhouse die Stationen abwandern bis hin zur Lieblingsrede des Ex-Präsidenten, die er am 7. März 2015 hielt – zum 50. Geburtstag eben jenes Marschs von Selma nach Montgomery. Da hat man nach der ersten «Renegade»-Folge mit dem Titel «Outsiders: An Unlikely Friendship», trotz des merklichen Drucks auf die Tränendrüse, Lust auf die weiteren sieben.

4 Kommentare
    Fuhrer

    Wunderbare Körpersprache der zwei scheuen Männer. Symmetrisch, zugewandt - und: gut geschützt. Tolles Bild, tolle Männer. Bravo.