Brauchen linke Männer besonderen Schutz?

Männliche Kandidaten haben es schwer bei Grünen und SP. Das treibt Betroffene zur Weissglut. Zu Recht?

Hätte SP-Politiker Hans Stöckli für Regula Rytz auf seinen Ständeratssitz verzichten müssen? Diese Frage liess Hans Stöckli kurzzeitig die Fassung verlieren am Wahlsonntag.

Hätte SP-Politiker Hans Stöckli für Regula Rytz auf seinen Ständeratssitz verzichten müssen? Diese Frage liess Hans Stöckli kurzzeitig die Fassung verlieren am Wahlsonntag.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ja,

findet Claudia Blumer:

Hans Stöckli gewinnt und wird noch während der Wahlfeier gefragt, ob er nicht aus Solidarität mit der Frau hätte verzichten müssen. Da rastet er aus. Das ist verständlich. Nicht, weil die Frage so schlimm wäre. Sondern, weil sich Luft verschaffen muss, was seit Monaten unter dem Deckel brodelt.

Er ist stets höflich geblieben, wenn er sich in Interviews rechtfertigen musste, dass er als Mann kandidiert, obwohl jetzt Frauen en vogue sind. Etwas anderes glaubte er sich im Wahlkampf und in dieser aufgeheizten Stimmung nicht leisten zu können. Wollte er gewählt werden, dachte er sich wohl, müsse er politisch korrekt bleiben. Stöckli erklärte geduldig, warum er sich als «alter, weisser Mann» legitimiert sieht, für seine Wiederwahl zu kämpfen.

Schade, hat er sich nicht schon früher gewehrt – auf gefasste Art notabene. Er hätte daran erinnern sollen, dass Menschenrechte auch für Männer gelten und dass er selbstverständlich das Recht hat, zu kandidieren.

Doch er steckte die Emotionen weg, und so kam es schliesslich zum unkontrollierten Wutausbruch, der immerhin zum Denken anregt. Wollen wir männlichen Kandidaten so feindselig begegnen, nur weil Geschlechter-Gleichstellung noch nicht erreicht ist? Bei der SP und den Grünen stimmt das nicht einmal, sie haben mittlerweile mehr Frauen als Männer im Parlament. Sollten Frauen und Männer die Gleichstellung nicht gemeinsam vorantreiben, mit einer offenen Debattenkultur, die auch kontroverse Ansichten erträgt, mit einem Wettbewerb an klugen Ideen?

Leider ist die Diskussion heute so dogmatisch und verbohrt, dass Kritiker sich nicht mehr zu Wort melden – mit Ausnahme einiger Antifeministen vom rechten Rand, die für das Meinungsspektrum kein grosser Gewinn sind. Die anderen schweigen. Bis es einen verjagt.


Nein,

entgegnet Christoph Lenz:

Woran erkennt man linke Männer? Sie jammern sogar, wenn sie gewinnen. Mit Paul Rechsteiner, Roberto Zanetti und Hans Stöckli wurden am Sonntag drei rüstige, aber ergrauende Sozialdemokraten problemlos als Ständeräte bestätigt. Trotzdem hält sich die Behauptung hartnäckig, Männer hätten es bei den Linken heute besonders schwer. Weil sie Männer sind.

Als Beweis für diesen Opfermythos dienen Szenen wie jene, die sich gestern im Berner Rathaus ereignet hat: Hans Stöckli verlor nach seinem Wahlerfolg die Nerven und bedrängte einen Journalisten, weil er sich erfrecht hatte, im Interview die Geschlechterfrage zu thematisieren.

Nun könnte man zum Beispiel darüber diskutieren, ob ein Politiker noch tragbar ist, wenn er so rasch seine Beherrschung verliert. Aber den Fall Stöckli lesen viele Beobachter anders: Seht, wie sie leiden, die linken Männer! Sie sind am Limit! Lasst sie jetzt endlich in Ruhe!

Von einer systematischen Benachteiligung der Männer bei der Linken kann keine Rede sein. In den Regierungen und Parlamenten sind sie gut vertreten, in den Gewerkschaften und weiteren Machtzentren sowieso. Klar, viele SPler finden, nach 16 Jahren mit Männern an der Parteispitze sei es Zeit für eine Frau. Aber das ist nicht Ausdruck für den Kampf der Geschlechter bei den Genossen, sondern nur eine Frage der inhaltlichen Kohärenz. Soll die SP Gleichberechtigung fordern, aber immer nur Männern den Parteivorsitz überlassen?

Was sich aber mit dem Frauenstreik vom letzten Juni geändert hat: Die Gleichberechtigung steht wieder stärker im Vordergrund. Wähler von SP und Grünen gewichten die Geschlechterfrage stärker, wenn sie die Wahlzettel ausfüllen. Und auch ein Ständerat muss sich gefallen lassen, dass sie ihm gestellt wird. Sogar in der Stunde seines grössten Triumphs.

Erstellt: 18.11.2019, 22:07 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.