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Schweizer bereisen die SchweizBonjour les Grüezis

Obwohl die Mittelmeerländer ihre Grenzen öffnen, bleibt das Interesse an Ferien im Ausland tief. Im Kampf um die einheimischen Gäste melden Schweizer Anbieter Buchungsrekorde aus den anderen Sprachregionen.

Der TCS meldet, dass seine Campingplätze inThun BE, Flaach ZH und Sempach LU (Bild) für einige Wochen im Hochsommer schon ausgebucht seien.
Der TCS meldet, dass seine Campingplätze inThun BE, Flaach ZH und Sempach LU (Bild) für einige Wochen im Hochsommer schon ausgebucht seien.
Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Die Hoffnung war gross. Nachdem der Ausbruch des Coronavirus bereits einen Grossteil des Geschäfts vermiest hatte, durften die Schweizer Tourismusregionen mit einem Boom im Sommer rechnen. Wenn die zahlungskräftigen Einheimischen nicht ins Ausland reisten, würden sie ihr Geld in der Heimat ausgeben, hiess es.

Doch dann kündigten die Nachbarländer überraschend eine Grenzöffnung an. Schon ab übernächstem Mittwoch, dem 3. Juni, ist der direkte Weg ans Mittelmeer wieder offen – Italien lässt die Schweizer in den Süden. Ab dem 15. zieht auch Frankreich die Grenzwächter ab. Und viele einheimische Touristiker fragen sich: Ist damit auch der Sommer für uns gelaufen?

Noch sieht es nicht danach aus. Zwar zeigen Umfragen, dass sich rund die Hälfte der reisewilligen Schweizer auch wieder Ferien im Ausland vorstellen kann – aber ob sie den Weg ins krisenunsicherere Ausland dann auch wirklich unternehmen, bleibt fraglich. Tatsächlich melden Hotelplan oder Knecht Reisen, dass das Bedürfnis nach Auslandsreisen – trotz Öffnung der Grenzen – weiterhin tief sei.

Hingegen berichten Ferienwohnungsvermittler wie Interhome, dass die Buchungen von Schweizern im Inland bereits über Vorjahresniveau lägen. Mut machen dürfte den einheimischen Tourismusregionen auch eine Auswertung der Grossbank Credit Suisse, die zeigt, dass Schweizer seit Mitte April auf Online-Buchungsplattformen doppelt so häufig nach Hotels im Inland gesucht haben als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres.

Höchste Zeit also, um direkt in den Regionen nachzufragen. Wie zufrieden sind sie mit den Buchungen? Auf welche überraschenden Phänomene stossen sie in Zeiten von Corona? Und: Hat es überhaupt noch Platz in den Sommerferien?

Waadt: Camping hui, Hotels pfui

Lieber Camping statt Hotel.  Frischluft vermittelt  in Corona-Zeiten Sicherheit.
Lieber Camping statt Hotel. Frischluft vermittelt in Corona-Zeiten Sicherheit.
Foto: Olivier Allenspach/«24 Heures»

In Yverdon am Neuenburgersee, in Avenches am Murtensee und Nyon am Genfersee sind die Campingplätze für gewisse Wochen schon sehr gut gebucht. Dagegen liefen die Buchungen bei den Hotels schleppend, sagt Andreas Banholzer, Direktor der Waadtländer Tourismusförderung.

Das ist schweizweit der Fall: Der TCS meldet gar, dass seine Campingplätze inThun BE, Flaach ZH und Sempach LU für einige Wochen im Hochsommer schon ausgebucht seien. Dabei dürfen sie noch nicht mal öffnen. Heute Sonntag kommt dieses Thema in einer Gesprächsrunde des Bundesrats mit den Tourismus-Verbänden zur Sprache. Die Entscheidung über die Öffnung dürfte am kommenden Mittwoch kommuniziert werden.

«Wir gehen davon aus, dass es vielen Menschen wohler ist, wenn sie nicht mit vielen anderen Menschen in geschlossenen Räumen sind, wie zum Beispiel in einem Frühstückssaal», begründet Touristiker Banholzer den Camping-Boom. Und: «Wir beobachten, dass viele Buchungen aus der Deutschschweiz kommen.»

Ostschweiz: On parle français

Im Appenzell – im Bild das Berggasthaus Aescher im Alpstein – freuen sie sich über die neue Gästegruppe aus der Romandie.
Im Appenzell – im Bild das Berggasthaus Aescher im Alpstein – freuen sie sich über die neue Gästegruppe aus der Romandie.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Dank Corona über den Röstigraben: Während in der Waadt im Sommer viel Schweizerdeutsch zu hören sein wird, hält am anderen Ende des Landes Französisch Einzug. Aus Schaffhausen, Graubünden und dem Appenzell berichten die Tourismusverbände, dass man ein erhöhtes Interesse aus der Westschweiz spüre. Im Appenzell berichtet Direktor Guido Buob von einem Anstieg der Gäste aus der Romandie um über zehn Prozentpunkte.

Wallis: Buchungsboom dank Kampagne

Das Wallis zieht – anders als in anderen Regionen füllen sich hier auch die Hotels. Im Bild der Aletschgletscher.
Das Wallis zieht – anders als in anderen Regionen füllen sich hier auch die Hotels. Im Bild der Aletschgletscher.
Foto: Swiss-image.ch

Als eine der ersten Tourismusregionen hat das Wallis schon vor Wochen Werbung im ganzen Land geschaltet – und ernet nun die Früchte. Die Buchungen hätten stark angezogen, sagt Damian Constantin, Direktor der Walliser Standort-Promotion. Und zwar nicht nur für Campingplätze und Ferienwohnungen, sondern mittlerweile auch in den Hotels. Man spüre zudem ein gesteigertes Interesse aus dem nahen Ausland, vor allem aus Deutschland. «Das ist einerseits erfreulich», sagt Constantin. «Doch ich könnte mir vorstellen, dass die schnelle Grenzöffnung in alle Richtungen auch viele Schweizer verunsichert und sie darum nicht einmal mehr im eigenen Land Ferien machen.»

Tessin: Jetzt wollen wir euch wieder

Deutschschweizer wieder erwünscht: Badende in der Verzasca bei Lavertezzo.
Deutschschweizer wieder erwünscht: Badende in der Verzasca bei Lavertezzo.
Foto: Keystone

Noch zu Ostern musste das Tessin die Deutschschweizer aus Angst vor einer Überforderung des Gesundheitssystem bitten, für einmal nicht durch den Gotthard zu fahren. Das gelang nicht schlecht. Jetzt, wo die Neuansteckungen auch hier gegen null tendieren, steht der Kanton vor der Herausforderung, dieses Bild aus den Köpfen der potenziellen Gäste zu vertreiben. Darum verspricht ihnen eine neue Kampagne in Dutzenden Hotels bis Ende Oktober 20 Prozent Rabatt. Das scheint zu klappen – mehrere Hotels sind für Juli und August schon fast ausgebucht. Am Auffahrtswochenende haben weiter aussergewöhnlich viele Romands das Tessin besucht.

Ausländer-Magnete: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Bis die Asiaten wieder kommen, dauert es noch ein paar Monate: Bähnli auf die Jungfrau.
Bis die Asiaten wieder kommen, dauert es noch ein paar Monate: Bähnli auf die Jungfrau.
Foto: Valerie Chetelat

Dagegen haben insbesondere die Hotspots für ausländische Touristen in der Zentralschweiz und im Berner Oberland zu kämpfen. Sie gehören üblicherweise nicht zu den Lieblingsdestinationen der Unterländer. «Es könnten aber wieder vermehrt inländische Gäste die Gelegenheit nutzen, diese Regionen zu erkunden», machen die Ökonomen der Credit Suisse den dortigen Touristikern in ihrem aktuellen Report Hoffnung. Oder anders gesagt: Wer sich bisher von den Touristenmassen auf dem Jungfraujoch oder der Rigi abgestossen fühlte, wird in den kommenden Wochen und Monaten mehr Platz vorfinden. Allerdings ist noch immer nicht klar, wann touristische Bahnen überhaupt wieder fahren dürfen. Auch hierzu dürfte der Bundesrat am Mittwoch eine Entscheidung fällen.

Für den Weekend-Trip nach Basel?

Alleinstellungsmerkmal Rheinschwimmen: So wie in Basel kann man sich nirgends sonst treiben lassen.
Alleinstellungsmerkmal Rheinschwimmen: So wie in Basel kann man sich nirgends sonst treiben lassen.
Foto: Keystone

Am schlimmsten getroffen sind allerdings die Städte: Dort war vor Corona nicht nur der Anteil Ausländer an den Gästen besonders hoch. Sondern es kommt auch den wenigsten in den Sinn, eine Woche Familien-Ferien in Basel, Bern oder Zürich zu verbringen. «Wir versuchen darum, dass die Leute uns als Alternative für den Weekend-Trip nach Berlin oder Barcelona ansehen», sagt der Basler Tourismus-Direktor Daniel Egloff. Es sei ihm allerdings bewusst, dass man damit höchstens eine Erholung auf tiefem Niveau erreiche.

Fazit: Wer in der Schweiz Ferien machen will, dem mangelt es weiterhin nicht an attraktiven Angeboten. Die Auslastungsgrenze scheint noch längst nicht erreicht. Was vielleicht aber weniger mit der Konkurrenz im Ausland zu tun hat als vielmehr mit einer grundlegenden Reiseskepsis.

Gemäss einer repräsentativen Umfrage der Fachhochschule Siders VS wollen 45 Prozent der Schweizer im Moment selbst innerhalb des eigenen Landes keine Reisen unternehmen. Der Respekt vor dem Virus ist nach wie vor gross, in Zeiten von Corona ists auf Balkonien offenbar nicht bloss am schönsten, sondern vor allem am sichersten.

Die Schweizer Anbieter wären allerdings nicht Profis, wenn sie nicht auch daran gedacht hätten. Mit dem Label «Clean & Safe» hoffen sie, das Vertrauen der verunsicherten Kunden gewinnen zu können. Wie die Tourismusverbände am Donnerstag mitteilen, können sämtliche Betriebe – ob Hotel, Restaurant, Seilbahn oder Raddampfer – mit dem Label signalisieren, dass sie es mit der Einhaltung der Sicherheitsmassnahmen sehr ernst meinen.