Gesundheit

Wenn es ächzt in den Gelenken

Entzündete Gelenke oder eine abgenutzte ­Knorpelschicht sind sehr schmerzhaft. Doch heutzutage hält die Medizin einiges bereit, um Menschen zu helfen, die an Rheuma oder Arthrose leiden.

Bei Morbus Bechterew treten die Entzündungen oft zuerst in den Kreuz- und Darmbeingelenken auf.

Bei Morbus Bechterew treten die Entzündungen oft zuerst in den Kreuz- und Darmbeingelenken auf. Bild: Shotshop

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Mit Rheuma werden etwa 200 verschiedene Krankheiten bezeichnet, die sich an den Gelenken, Knochen, Sehnen und Muskeln äus­sern. Der Begriff Rheuma bedeutet auf Altgriechisch «Fliessen» und begründet auf der Vorstellung, die sich die Menschen in der Antike von der Entstehung der Krankheiten am Bewegungsapparat machten: Schleimige Ströme fliessen vom Gehirn in die Knochen und Gelenke, wo sie Schmerzen verursachen.

2500 Jahre später weiss man, dass dies sicher nicht zutrifft. Doch die wirkliche Ursache ist bei vielen rheumatischen Erkrankungen immer noch nicht vollends geklärt. Insbesondere bei den entzündlichen Formen wie der rheumatoiden Arthritis (früher chronische Polyarthritis genannt) und dem Morbus Bechterew. Man geht davon aus, dass es sich um Autoimmunerkrankungen handelt, bei der sich das Abwehrsystem unglücklicherweise gegen körpereigene Strukturen wendet, und dass auch Viren im Spiel sind. Zudem ist wohl eine genetische Veranlagung von Bedeutung.

Spätfolgen vermeiden

Die rheumatoide Arthritis manifestiert sich typischerweise an den Finger- und Handgelenken. Diese schmerzen und schwellen sichtbar an. Betroffene können den Verlauf kaum beeinflussen. Es sei wichtig, während akuter Schübe die schmerzenden Gelenke möglichst wenig zu belasten, sagt Lilo Muff, Präsidentin der Rheumaliga Schweiz und Fachärztin für Rheumatologie in Affoltern am Albis. Unterstützung bieten diverse Hilfsmittel und Geräte bei der Arbeit und im Haushalt.

Dagegen befällt der Morbus Bechterew – auch Spondylitis ancylosans genannt – vor allem die Wirbelsäule. Die Entzündungen treten meist zuerst an den Kreuz- und Darmbeingelenken auf und können bei schweren Verläufen zu einer ausgeprägten Versteifung und Krümmung des Rückens führen. Mit Bewegung und geeigneter Gymnastik gelingt es vielen Betroffenen, den Prozess zu verlangsamen. Während die rheumatoide Arthritis meist beim ersten Schub erkannt wird, dauert es beim Morbus Bechterew manchmal Jahre, bis die Patienten Gewiss­heit haben. Dabei sei ein frühzeitiges Erkennen und Behandeln wichtig, sagt die Rheumatologin. «So können Spätfolgen vermieden oder zumindest abgeschwächt werden.»

Sowohl rheumatoide Arthritis als auch Morbus Bechterew können bereits bei Kindern und Jugend­lichen erste Sym­pto­me hervorrufen, sind chronisch und verlaufen schubweise. Vorbeugemassnahmen gebe es kaum, sagt die Ärztin. Die Erkrankungen treten auf der ganzen Welt gleichmässig verteilt auf und seien auch in früheren Zeitaltern nachgewiesen worden. So soll etwa bereits Pharao Ramses II. vor 1300 Jahren an Morbus Bechterew gelitten haben, wie Untersuchungen seiner Mumie zeigten. Ein typischer Vertreter dieser Krankheit war der berühmte Glöckner von Notre-Dame mit seinem schaurigen Buckel.

Neue, teure Medikamente

Relativ ähnlich gestaltet sich die medikamentöse Behandlung der entzündlichen Rheumaformen. Zur Auswahl stehen schmerz- und entzündungshemmende Mittel mit oder ohne Cortison. Einen Fortschritt brachten vor gut 15 Jahren die sogenannten TNF-Alpha-Hemmer. Die per Infusion oder Spritze verabreichten Medikamente blockieren einen Entzündungsbotenstoff. Sie verhelfen vielen Betroffenen zu einem Leben mit deutlich weniger Beschwer­den. Zudem verhindern sie Spätfolgen wie Knorpelzer­störungen und Verknöcherungen von Gelenken. Sie sind jedoch sehr teuer. Die Krankenkassen bezahlen nur, wenn herkömm­liche Mittel nachweislich keinen Erfolg brachten oder nicht ver­tragen werden.

Dagegen ist die Entstehung von Arthrose viel offensichtlicher: Es handelt sich um eine Abnutzung der Gelenksknorpel durch Fehl- und Überbelastung. Naturgemäss bildet sich eine Arthrose mit zunehmendem Alter immer mehr aus. Bei den meisten Menschen über 65 sind degenerative Ver­änderungen an verschiedenen Gelen­ken erkennbar, wobei diese nicht zwingend zu gravierenden Einschränkungen führen müssen. In Ausnahmefällen können auch schon junge Menschen an Arthrose leiden. Zum Beispiel bei starkem Übergewicht oder Fehlhaltungen nach einem Unfall. Doch auch genetische Voraus­setzungen spielen eine Rolle. Am häufigsten betroffen sind die stark belasteten Gelenke wie Knie, Hüftgelenke, untere Lendenwirbel, Halswirbel, Hand- und Fingergelenke.

Mit Bewegung vorbeugen

Die besten Vorbeugemassnahmen sind ein angemessenes Körpergewicht und regelmässige Bewe­gung – jedoch nicht in übertriebener Form. Marathonläufe oder schwere körperliche Arbeiten können Arthrose begünstigen. Angemessenes Training hingegen fördert eine gute Körperhaltung und stärkt die Muskulatur, welche die Gelenke stützt.

Äussern sich die Schmerzen im Anfangsstadium vor allem nach einer längeren Ruhigstellung des Gelenks, so können sie in einem fortgeschrittenen Stadium dauerhaft bei jeder Bewegung auftreten. Eine gewisse Linderung ist mit physiotherapeutischen Methoden zu erreichen. Zudem könne man versuchen, mit Nahrungsergänzungsmitteln und der Einnahme von Knorpelbestandteilen den Abbau der Knorpelschicht zu verzögern, erklärt Lilo Muff. Eine andere Möglichkeit ist die Injektion von künstlicher Gelenkflüssigkeit ins Gelenk, um die Gleit­fähigkeit zu verbessern.

Ist die Arthrose bereits stark ausgeprägt, hilft oft nur noch ein Gelenkersatz. Insbesondere die Hüftgelenkprothese ist heutzutage weitverbreitet und verhilft vielen Menschen, die sich kaum mehr bewegen konnten, zu neuer Lebensqualität. Auch beim Ersatz oder Teilersatz des Kniegelenks wurden in den letzten Jahren markante Fortschritte erzielt.

Weitere Formen

Zu den rheumatischen Erkrankungen zählt man zudem diverse weitere Formen. So zum Beispiel Gicht, Osteoporose oder den sogenannten Weichteilrheumatismus. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff für eine Vielzahl von Schädigungen und Beschwerden an Sehnen, Muskeln, Bändern, Schleimbeuteln oder Gefässen. Ein bekanntes Phänomen ist der Tennisarm. Äus­sern sich die Schmerzen im ganzen Körper verteilt, ohne ­ dass eine Ursache erkennbar ist, spricht man von Fibromyalgie. Die Rheumatologie sei ein sehr weitläufiger Fachbereich, erklärt die Präsidentin der Rheumaliga: «Es braucht viel Erfahrung, um die verschiedenen Formen von­einander abzugrenzen.» ()

Erstellt: 21.07.2015, 19:19 Uhr

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